Kürzere Arbeitszeiten seit 1950

3. April 2012
Kürzere Arbeitszeiten  seit 1950

Die Arbeitszeiten der Erwerbstätigen in der Schweiz haben in den letzten 60 Jahren markant abgenommen. Während ein Erwerbstätiger 1950 im Durchschnitt knapp 2400 Stunden pro Jahr arbeitete, sind es heute nur noch 1600 Stunden.

Die Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen ist in den letzten 60 Jahren deutlich stärker zurückgegangen als bisher angenommen, wie Michael Siegenthaler und Michael Graff von der Konjunkturforschungsstelle KOF an der ETH Zürich berechnet haben. Bisher ging man davon aus, dass ein Erwerbstätiger 1950 im Durchschnitt rund 2150 Stunden arbeitete. Da er aber knapp 2400 Stunden arbeitete und heute 1600 Stunden, hat die jährliche Arbeitszeit seither um 800 Stunden abgenommen.

Drei Faktoren sind dafür ausschlaggebend: Erstens betrug die Wochenarbeitszeit für Vollzeitangestellte vor 60 Jahren im Durchschnitt knapp 50 Stunden, heute sind es noch 42. Zweitens haben sich die bezogenen bezahlten Ferientage von weniger als 2 Wochen auf rund 5 Wochen pro Jahr erhöht. Und drittens arbeiten heute über 31 Prozent der Erwerbstätigen Teilzeit, also mit einem Pensum von unter 90 Prozent. In den 1950er Jahren lag dieser Anteil bei etwa 5 Prozent. Der technologische Fortschritt erlaubte es laut den Forschern, dass die Arbeitnehmer ihre Wünsche nach kürzeren Arbeitszeiten durchsetzen konnten.

Schweizer Erwerbstätige arbeiten viel
Gemäss den Forschern steht der starke Rückgang nicht im Widerspruch zur oft konstatierten enormen Arbeitsbelastung und zunehmenden Burnouts. Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz arbeiteten heute verglichen mit Erwerbstätigen in anderen europäischen Ländern tatsächlich viel, sagt Siegenthaler. Zudem sagt die reine Arbeitszeit nichts über die Arbeitsintensität aus, die aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen über die Zeit wohl gestiegen ist, etwa durch die ständige Erreichbarkeit.


Weil die Schweizer Erwerbsbevölkerung in den letzten 60 Jahren stark gewachsen ist, hat das Total der geleisteten Arbeitsstunden im Land zugenommen (siehe Grafik). Allerdings ist der Anstieg - wegen der stärkeren Reduktion pro Arbeitstätigen - nicht so stark, wie in bisherigen Statistiken ausgewiesen. So wurde erst 2007 wieder das Niveau von 1964 erreicht: Die 3,05 Millionen Erwerbstätigen 1964 arbeiteten gleich viele Stunden wie die 4,22 Millionen Erwerbstätigen 2007.

Stark wachsendes Arbeitstotal
Seit zehn Jahren wächst das Arbeitstotal der Gesamtbevölkerung so stark wie seit den 1950er Jahren nicht mehr. Das liegt einerseits daran, dass mehr Stellen geschaffen wurden, etwa weil Arbeitgeber dank der Personenfreizügigkeit Arbeitsplätze besetzen konnten, für die sie vorher keine geeigneten Mitarbeiter fanden. Andererseits geht die Jahresarbeitszeit pro Beschäftigten nicht mehr weiter zurück. Ein möglicher Grund: Immer mehr Menschen sind im Dienstleistungssektor tätig, in dem eher länger gearbeitet wird. Das rasante Jobwachstum birgt gemäss den Forschern Risiken. Ewig könne es nicht in diesem Tempo weitergehen, sagt Siegenthaler, das Wachstum sei beispielsweise verbunden mit einem erhöhten Verbrauch an Boden, der bekanntlich endlich sei.

Die Forscher haben auch zudem die Wachstumsraten der Produktivität für die letzten Jahrzehnte berechnet, also des Bruttoinlandprodukts pro geleistete Arbeitsstunde. Seit der Ölkrise 1973 hat sich das Arbeitsproduktivitätswachstum in der Schweiz bei etwa 1,3 Prozent pro Jahr eingependelt. Verglichen mit dem Durchschnitt der OECD-Länder ist das relativ tief. In den letzten 10 Jahren war das Wachstum gar auf einem historisch tiefen Niveau, da das Wachstum des Bruttoinlandprodukts nicht mit dem Anstieg der Arbeitsstunden Schritt hielt. Allerdings war die Wachstumsschwäche in den 1980er und 1990er Jahren weniger dramatisch als bisher beispielsweise vom Staatssekretariat für Wirtschaft gezeichnet, weil die geleisteten Arbeitsstunden deutlich weniger stark zugenommen haben, als bisher angenommen.
 
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