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Neues zum Vergiftungsfall Juschtschenko

Der heutige Präsident der Ukraine, Viktor Juschtschenko, erlitt 2004 eine schwere Dioxinvergiftung. Um die Entgiftungsmechanismen des menschlichen Körpers zu entschlüsseln, haben Empa-Forschende mehr als 100 Proben aus dem Körper des Politikers analysiert. Es gelang ihnen erstmals, Abbauprodukte zu identifizieren. Sie beobachteten zudem, dass bei hohen Dioxindosen die Ausscheidung schneller erfolgt.

Dioxine gelten als extrem giftige Umweltschadstoffe, die nur sehr langsam abgebaut werden. Im Fall des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko haben Empa-Forschende der Abteilung «Analytische Chemie» zusammen mit Ärzt/innen des Universitätsspitals Genf nun nachverfolgt, wie Dioxin im menschlichen Körper abgebaut und ausgeschieden wird. 

«Wir konnten beim Menschen erstmals Dioxinabbauprodukte identifizieren und diese auch quantifizieren», fasst Empa-Experte Markus Zennegg, der den grössten Teil der Analysen durchgeführt hat, das wichtigste Resultat zusammen. Als Hauptausscheidungsweg ermittelten die Forschenden den Verdauungstrakt, was aus Tierversuchen bereits bekannt war. Im Weiteren fanden sie eine massiv verkürzte Halbwertszeit von knapp 16 Monaten statt der bislang bekannten fünf bis zehn Jahre. Die hohe Dosis hatte den Körper offenbar veranlasst, die Produktion der für den Dioxinabbau verantwortlichen Enzyme zu erhöhen.

Die Arbeit war nur dank der Kooperation von Viktor Juschtschenko möglich. Dieser stimmte einer Veröffentlichung der Resultate zu und liess sich in Spitälern in Genf und Kiew über drei Jahre mehr als 100 Proben von Blut, Urin, Stuhl, Schweiss, Haut, Hautzysten und Fettgewebe entnehmen.

«Das dreckige Dutzend»
Dioxine bilden eine ganze Substanzgruppe; 2,3,7,8-Tetrachlorodibenzo-p-dioxin (kurz TCDD) ist die giftigste Substanz der Gruppe. Für Dioxine gibt es keine technische Anwendung. Sie entstehen als unerwünschte Nebenprodukte bei Verbrennungsprozessen, beispielsweise bei der Kehrichtverbrennung. Dioxine sind äusserst stabil und verbleiben sehr lange in der Umwelt. Sie gehören zum «dreckigen Dutzend», einer Gruppe langlebiger organischer Schadstoffe wie etwa Pestizide, deren Herstellung und Verwendung 2001 durch ein internationales Abkommen, die Stockholmer Konvention, verboten wurden. Akutes Symptom einer Dioxinvergiftung ist die Chlorakne, erkennbar an auffälligen Geschwulsten und Zysten. Auch andere Organe, vor allem die Leber, sind betroffen.

Die Akte Juschtschenko: Chronologie der Ereignisse
Im Herbst / Winter 2004 fanden in der Ukraine Wahlen für einen neuen Präsidenten statt. Viktor Juschtschenko, aussichtsreicher Kandidat für das Amt, fiel während des Wahlkampfs überraschend wegen einer mysteriösen Erkrankung aus. Wie sich nach drei Monaten herausstellte, handelte es sich um eine Dioxinvergiftung. Wegen der Seltenheit dieses Vergiftungsbildes gestaltete sich die Diagnose als schwierig, aber der Zufall half mit. Die Chlorakne, die sich nach einigen Wochen gut sichtbar im Gesicht manifestierte, führte schliesslich einen englischen Mediziner auf die richtige Spur. Zwei unabhängige Labors fanden in der Folge im Blut eine Dioxinkonzentration, die über 50'000-mal höher lag als im Bevölkerungsdurchschnitt. Da lediglich reines TCDD nachgewiesen wurde, muss von einer absichtlichen Vergiftung mit synthetisch hergestelltem Dioxin ausgegangen werden.

Der Chemieunfall von Seveso und Agent Orange
Die Geschichte der Vergiftung und die extrem hohe Dosis machen den Fall Juschtschenko einzigartig. Der Politiker ist jedoch keineswegs das erste Dioxinopfer. So kam es beispielsweise 1976 in einer Chemiefabrik im norditalienischen Seveso zu einem dramatischen Chemieunfall. Dabei verseuchte eine Chemikalienwolke, die grosse Mengen an TCDD enthielt, ein Gebiet von 15 Quadratkilometern. TCDD ist seither umgangssprachlich auch als Sevesogift bekannt. Die Sanierung und Aufarbeitung des Unfalls dauerten Jahre. Ebenfalls eine Kontamination mit Dioxinen erfolgte im Vietnamkrieg, als die US-Luftwaffe bei der Kriegsführung das stark mit Dioxin verunreinigte Entlaubungsmittel «Agent Orange» grossflächig einsetzte.

Literaturhinweis

«2,3,7,8-tetrachlorodibenzo-p-dioxin (TCDD) poisoning in Victor Yushchenko: identification and measurement of TCDD metabolites», O. Sorg, M. Zennegg, P. Schmid, R. Fedosyuk, R. Valikhnovsky, O. Gaide,. V. Kniazevych, J.-H. Saurat, The Lancet, Online First, Aug 5, 2009

Kontakt

Markus Zennegg, Tel. +41 79 650 48 27, markus.zennegg at empa.ch; Peter Schmid, Tel. +41 44 823 46 51, peter.schmid at empa.ch

 

 

(Bildquelle: Jürg Vollmer / maiak.info)

 

 

 

 
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