Geht es der Wirtschaft schlecht, greift der Staat in die Taschen und kurbelt so den Motor an. Die Folge: Die Verschuldung steigt – aber nicht in jedem Land gleich. Weshalb ist das so? Gibt es demnach eine «optimale Schuldenquote»?
Wer Schulden macht, muss diese irgendwann begleichen. Das gilt für Staaten wie für Privatpersonen. Sigrid Röhrs, Forscherin am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich, untersucht die politisch-ökonomischen Gründe für die Entstehung von Staatsverschuldungen und beschäftigt sich mit der Frage nach der Höhe der «optimalen Verschuldung».
Ein Blick in die Statistik zeigt: Staaten sind unterschiedlich hoch verschuldet. In Italien etwa betrug 2008 die Schuldenquote (Schuldenstand im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt) 103,2 Prozent, in Griechenland 92,4 Prozent, in den USA 65,6 Prozent, in Deutschland 63,1 Prozent, in der Europäischen Union 58,9 Prozent, in der Schweiz 43,7 Prozent (2007) und in Schweden 35,5 Prozent. Weshalb diese grossen Unterschiede?
Ein Modell, das von wechselnden Regierungen ausgeht
Bisherige ökonomische Modelle gingen von «einem sozialen Planer aus, der das Wohl der Bevölkerung maximiert», erklärt Röhrs. Die Idee dahinter: eine Benchmark für die optimale Politik zu erhalten. Die Anwendung einer solchen Theorie auf reale Phänomene wie die Staatsverschuldung impliziert, dass Regierungen stets gut gewillt und um das Wohl ihrer Bevölkerung bemüht sind.
Das ist nicht immer so. Neuere Ansätze verwenden deshalb politisch-ökonomische Modelle, die von wechselnden, demokratisch gewählten Regierungen ausgehen. Der Entscheidungsträger (die Regierung) ist dann primär daran interessiert, die Gunst der Wähler zu erlangen.
Auch Röhrs verwendet in ihrer Forschung ein dynamisches, politisch-ökonomisches Modell, bei dem die Regierung endogen über Wahlen bestimmt wird. Miteinbezogen ist der Lebenszyklus der privaten Haushalte und deren Zukunftserwartungen in Form von Ersparnissen für den Ruhestand.
Schuldenquote vom Wahlverhalten der Jungen abhängig
«Das Neue an meinem Projekt ist», erläutert Röhrs, «dass die Staatsverschuldung sowohl als Finanzierungsinstrument für eine aktuelle Regierung als auch als Investitionsinstrument für die junge Generation gesehen wird.» Dazu muss der Zinssatz im Modell endogen generiert werden.
Die Höhe der Schuldenquote hängt dabei vor allem davon ab, wie die junge Generation zwischen privatem Konsum und öffentlichen Gütern und Dienstleistungen (etwa Schulen, Spitäler, Sozialwerke) abwägt.
Schätzen die jüngeren Leute öffentliche Güter sehr, so werden sie sich über ihr Wahlverhalten für eine geringe Verschuldung einsetzen. Grund: Hohe Schulden bedeuten für die Zukunft hohe Zinsausgaben. Dies führt zu einer Steuererhöhung und zu einer Reduktion der Ausgaben für öffentliche Güter. Als Beispiel führt Röhrs die relativ geringe Verschuldung skandinavischer Länder an: etwa Schweden mit einer Schuldenquote von 35,4 Prozent – eine Folge davon, dass der Bevölkerung (und der Regierung) öffentliche Güter wichtig waren.
Interessant: Weil linke Regierungen eine hohe Präferenz für öffentliche Güter haben – und der Staat auch in der Zukunft grosszügig liquide sein soll –, ist die Verschuldung in links regierten Staaten geringer als in langjährig konservativ regierten Ländern.
«Aus meinem Modell lassen sich jedoch keine Empfehlungen für Politiker ableiten, welchen Stellenwert öffentliche Güter haben sollen», erklärt Röhrs. Wichtige Parameter wie Inflation oder die Politik der Zentralbank würden ausgeblendet. «Es geht einfach darum, zu verstehen, weshalb die Staatsverschuldung so unterschiedlich ist.»



» Share this page: