Stresshormone im Mutterleib wirken auf den Nachwuchs

Wenn eine Frühgeburt droht, erhalten Schwangere oft synthetische Stresshormone, um die Lungenreifung des Ungeborenen zu beschleunigen. Forschende sind nun zum Ergebnis gekommen, dass diese Glukokortikoide auch die Hormonproduktion des Kindes verändern.

Wenn Komplikationen in der Schwangerschaft auf eine Frühgeburt hinweisen, werden seit den 1970er-Jahren Glukokortikoide eingesetzt. Diese synthetischen Stresshormone helfen unter anderem, die Lungenreifung des Ungeborenen zu beschleunigen, damit es bei einer vorzeitigen Geburt auch ausserhalb des Mutterleibs überleben kann.

Auswertung von 49 Studien

Die Glukokortikoide können aber die fötale Entwicklung nachhaltig beeinflussen. Vor allem das körpereigene Stresssystem, die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse (HHNA), reagiert besonders empfindlich auf vorgeburtliche Einflüsse durch synthetische Glukokortikoide. Die Wissenschaftler/innen Marion Tegethoff, Gunther Meinlschmidt und Christopher Pryce von den Universitäten Basel und Zürich haben nun systematisch 49 Studien aus den letzten rund 40 Jahren ausgewertet. Diese untersuchten den Einfluss von pränatal verabreichten synthetischen Glukokortikoiden auf die HHNA-Aktivität des Kindes bereits im Mutterleib, aber auch kurz nach der Geburt und in der frühen Kindheit.

Reduzierte HHNA-Aktivität

Die Forschenden stellten fest, dass der vor der Geburt behandelte Nachwuchs eine reduzierte HHNA-Aktivität aufweist und somit zum Beispiel eine geringere Menge des Stresshormons Cortisol produziert, sowohl unter Ruhebedingungen als auch etwa in Reaktion auf Impfungen in den ersten Lebensmonaten. Während sich die Unterschiede unter Ruhebedingungen in den ersten zwei Lebenswochen aufheben, scheinen Unterschiede in Reaktion auf Schmerzen durch einen Nadelstich auch noch im Alter von vier Monaten zu bestehen. Die Forschenden berichten weiter, dass die Aktivität des Stresssystems zum Beispiel von der Medikamentendosis abhängt.

Offene Fragen

Noch ist unklar, ob die veränderte Aktivität des körpereigenen Stresssystems kurz- und langfristig die Gesundheit der betroffenen Kinder beeinträchtigt. Doch helfen die Befunde, so die Wissenschaftler, das Verständnis der häufig lebenswichtigen Glukokortikoidgabe zu vertiefen und geben Anhaltspunkte für notwendige weitere Forschung.

Originalpublikation

Marion Tegethoff, Christopher Pryce, and Gunther Meinlschmidt: Effects of Intrauterine Exposure to Synthetic Glucocorticoids on Fetal, Newborn, and Infant Hypothalamic-Pituitary-Adrenal Axis Function in Humans: A Systematic Review Endocr Rev published October 16, 2009 | DOI:  0.1210/er.2008-0014

Kontakt

Gunther Meinlschmidt, Universität Basel, Fakultät für Psychologie, Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Tel. +41 (0)61 267 02 75, E-Mail: Gunther.Meinlschmidt [at] unibas.ch

 
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