Weltkarte zeigt Flüsse in der Krise

Erstmals zeigt eine Studie im globalen Massstab, wie stark Flüsse unter Druck sind. Bedroht ist nicht nur die wohl wichtigste Ressource der Menschheit, das Süsswasser, sondern auch die Biodiversität der Flusssysteme. Die heute publizierte Arbeit macht deutlich, wie die gute Wasserver- und Abwasserentsorgung in Mitteleuropa oder Nordamerika die Bevölkerung über die Realität der Gewässerbiodiversität hinwegtäuschen.

 



Daten von 23 Faktoren - von der Gewässerverschmutzung, der Landnutzung über den Verlust von Feuchtgebieten, den Bau von Dämmen und Stauseen bis zur Verbreitung von invasiven Tierarten - hat das internationale Forscherteam zusammengetragen. Mit einem digitalen Gewässermodell haben die Wissenschafter anschliessend globale Karten der Gesamtbelastung für die grossen Flusssysteme erstellt. Dabei zeigt sich, dass rund 80 Prozent der Weltbevölkerung von überdurchschnittlich stark belasteten Flüssen abhängig sind. Vielfach gefährden dieselben Faktoren sowohl die menschliche Nutzung sauberen Wassers in ausreichenden Mengen als auch die Biodiversität. So schmälert zum Beispiel die Abkopplung der Auen vom Fluss den Hochwasserrückhalt und die Grundwasseranreicherung und entzieht gleichzeitig selten gewordenen Arten den Lebensraum.

Die Schweiz auf dem Niveau von Entwicklungsländern

«Wir dürfen die Fragen rund um das Wasser für den Menschen und um die Biodiversität nicht länger getrennt voneinander betrachten», sagt Professor Mark Gessner von der Eawag. Der Gewässerökologe ist einer der Initiatoren des interdisziplinären Projekts, das aus einer Zusammenarbeit zwischen «Diversitas», dem Internationalen Wissenschaftsforum für Biodiversität mit Sitz in Paris, und dem Global Water System Project (GWSP) mit Sitz in Bonn hervorgegangen ist. «Obwohl wir uns in den industrialisierten Ländern seit Jahrzehnten um sauberes Wasser bemühen und uns für den Gewässerschutz engagieren, zeigt die Synthese, dass die Flüsse auch in Ländern wie den USA und im westlichen Europa massiv unter Druck stehen. Grosse Investitionen in die Wasserreinigung, die Wasseraufbereitung und den Hochwasserschutz konnten verhindern, dass die Situation für die Bevölkerung heikel wurde. Aber vergleichbare Massnahmen zum Erhalt der Biodiversität gibt es nicht», sagt Gessner. Die Bedrohung der Biodiversität unterscheide sich darum hierzulande kaum von der prekären Situation in vielen Entwicklungsländern.

Aus den Fehlern der anderen lernen

Es sei wie in der Medizin, sagt der Erstautor des Artikels, Professor Charles Vörösmarty von der City Universität New York: «Letztlich zeigt unsere Studie, dass es viel günstiger und vernünftiger ist, Gefahren frühzeitig zu erkennen und zu begrenzen, als Schäden später zu heilen.» Die weltweite Analyse, so hoffen die Autoren, könnte Regierungen und Planern in vielen Teilen der Welt helfen, im Wassermanagement nicht die Fehler der reichen Länder zu wiederholen, sondern aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Statt Milliarden ausschliesslich für punktuelle Wiederherstellungsmassnahmen und für Technologien aufzuwenden, gelte es, grundlegend neue Konzepte und Strategien zu entwickeln. Diese müssten die Biodiversität neben der Sicherung aller wasserwirtschaftlichen Aspekte zugunsten des Menschen gleichwertig berücksichtigen. «Mit der Wasserrahmenrichtlinie hat die EU einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan», sagt Gessner, «nationale und regionale Aktivitäten sowie internationale Abkommen zum grenzübergreifenden Schutz und Management von Wasser- und Gewässersystemen können dank unserer Resultate jetzt noch besser begründet werden.»

Basisdaten fehlen oft

Trotz der klaren Resultate sind die Autoren der Studie vorsichtig mit ihren Schlussfolgerungen. Dies, weil in vielen Fällen die Datengrundlage unzureichend ist. «Es fehlen vor allem Informationen, die international vergleichbar sind», sagt der Zoologe Peter McIntyre von der Universität Wisconsin. Er fordert deshalb, dass die Verwaltungen den Abbau im Umweltmonitoring stoppen und mehr in die Erhebung von Basisinformationen zur Wasserqualität und -quantität investieren sollen. «Patienten in der Notaufnahme werden auch nicht behandelt, ohne ihre lebenswichtigen Funktionen mit Geräten zu überwachen. Doch genau das tun wir weltweit mit den Flüssen», zieht McIntyre den Vergleich.

 

 

 
Logo Careerjet
Bookmark and Share