Wenn Lachen nicht lustig ist

René Proyer ist Psychologe an der Universität Zürich und forscht über das Ausgelacht-Werden. Konkret über Menschen, für die Humor nichts Angenehmes oder Entspannendes ist. Dieses Wochenende referiert er am 11. Internationalen Humorkongress in Bad Zurzach.

Thomas Gull

Herr Proyer: Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit dem Ausgelacht-Werden. Offenbar gibt es Menschen, so genannte Gelotophobiker, die Angst davor haben, ausgelacht zu werden. Ist Gelotophobie eine Krankheit?

René Proyer: Zunächst ging man davon aus, dass Gelotophobie ein klinisches Merkmal ist, also eine pathologische Angst vor dem Ausgelacht-Werden. Wir sind allerdings zur Auffassung gelangt, dass es sich eher um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt, nicht um eine Krankheit. Die Bandbreite reicht von keiner Angst bis hin zu extremen Ausprägungen, die auch einen pathologischen Anteil haben können. Jeder Mensch befindet sich irgendwo auf dieser Skala.

Wie äussert sich Gelotophobie?

Menschen mit starker Angst vor dem Ausgelacht-Werden zeichnen sich dadurch aus, dass sie Schwierigkeiten dabei haben, das Lachen anderer Menschen als etwas Positives wahrzunehmen. Sie sehen darin eher einen Angriff. Humor ist für sie nichts Angenehmes oder Entspannendes.

In Studien konnten wir unter anderem zeigen, dass Gelotophobiker in lachbezogenen Situationen vor allem Scham, Angst und wenig Freude empfinden, dass sich ihre Stimmung nach dem Hören von Lachen verschlechtert oder sie sich in vielen Bereichen unterschätzen – etwa was ihre Fähigkeit betrifft, selber Humor zu produzieren.

Weshalb entwickeln Menschen Gelotophobie?

Leider haben wir hierzu noch keine Daten aus Längsschnittstudien. Die Master-Studentin Monika Neukom ist gerade dabei, eine erste empirische Studie mit Kindern   von 7 bis 10 Jahren durchzuführen, und Lukas Meier, Lizentiand, führt eine Studie mit Jugendlichen durch. Dadurch werden wir bald Messinstrumente haben, die es uns erlauben, gezielte Studien durchzuführen. Es wird vermutet, dass frühe, wiederholte und intensive Erfahrungen mit dem Ausgelacht-Werden sowie ein eher distanziertes Verhalten der Eltern eine Rolle spielen. Empirisch konnten wir diese Vermutungen allerdings nur zum Teil bestätigen.

In einer kürzlich durchgeführten Studie mit 100 Familien haben wir gesehen, dass Kinder mit Angst vor dem Ausgelacht-Werden auch eher Eltern haben, die ebenfalls Angst vor dem Ausgelacht-Werden zeigen. Auch ein Erziehungsstil – wenig Wärme, viel Kontrolle, Überbehütung – scheint eine Rolle zu spielen. In diesem Bereich fehlen allerdings exakte Forschungsergebnisse. Man muss dabei bedenken, dass die erste empirische Arbeit zur Angst vor dem Ausgelacht-Werden erst im Jahr 2008 erschienen ist. Das ist somit also ein eher junges Forschungsgebiet, und wir stehen bei manchen Fragen erst am Anfang.

Wie wirkt sich die Angst vor dem Ausgelacht-Werden im Alltag aus?

Wir wissen etwa, dass Personen mit starker Angst vor dem Ausgelacht-Werden auch über mehr Erfahrungen mit Bullying (schikaniert werden) berichten. Dasselbe scheint auch für Kinder und Jugendliche in der Schule zu gelten. Diesen Bereich wollen wir in Zukunft noch intensiver erforschen. Man kann sich vorstellen, dass auch das Privatleben von Menschen, die das Lachen anderer häufig auf sich selbst beziehen, beeinträchtigt ist. Bei extremen Ausprägungen kann es auch zu sozialem Rückzug kommen.

Neben den Menschen, die Angst haben, ausgelacht zu werden, gibt es die Gelotophilen, die es geniessen, ausgelacht zu werden. Wie zeigt sich das?

Gelotophile Menschen geniessen das Lachen Anderer. Sie suchen aktiv nach solchen Situationen und versuchen diese herzustellen. Sie kennen dabei wenig Scham und erzählen auch offen peinliche Situationen oder Missgeschicke, die ihnen passiert sind.

Weshalb geniessen es Gelotophile, ausgelacht zu werden?

Sie erfreuen sich am Lachen der anderen Menschen. Andere zum Lachen bringen – auch wenn man dabei ausgelacht wird – bereitet ihnen Vergnügen.

Neben den Menschen, die Angst vor dem Ausgelacht-Werden haben, und jenen, die sich daran erfreuen, untersuchen Sie auch den Katagelastizismus. Was ist das genau?

Katagelastizismus ist die Freude daran, andere Menschen auszulachen. Katagelastizisten geniessen es, über andere Menschen zu lachen, und suchen gezielt nach solchen Situationen. Wen es stört, ausgelacht zu werden, soll sich wehren! Katagelastizisten folgen was das Auslachen und Lachen betrifft, eher dem Motto «Auge um Auge, Zahn um Zahn».

Wodurch unterscheiden sich die drei Merkmale?

In ihrem Umgang mit dem Lachen und Auslachen. Natürlich kann man nicht gleichzeitig Angst und Freude daran haben, ausgelacht zu werden. Aber wenn man empirisch nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den Merkmalen sucht, dann finden sich einige spannende Ergebnisse. Katagelastizisten können beispielsweise durchaus auch etwas «einstecken» und auch andere über sich zum Lachen bringen. Auch wenn sie dann vielleicht versuchen, es der lachenden Person «heimzuzahlen». Für uns mit am Interessantesten war zu sehen, dass es auch Gelotophobiker gibt, die gerne über andere lachen. Obwohl sie wissen, wie schmerzhaft das sein kann.

Wer lebt besser?

Gelotophobiker haben eine geringere Lebenszufriedenheit und erleben im Alltag weniger Freude. Für die Gelotophilen findet sich ein fast spiegelbildliches Muster, während es unter den Katagelastizisten zufriedenere und weniger zufriedene zu geben scheint.

Wie erforschen Sie diese Phänomene?

Viele unserer Studien basieren auf Fragebogen. Dabei testen wir Einzelpersonen oder Gruppen (zum Beispiel Familien) und stellen dann Zusammenhänge zu anderen Merkmalen her. Darüber hinaus führen wir auch Experimente durch. Und wir machen kulturvergleichende Studien. So haben wir Daten von mehr als 23’000 Personen aus mehr als 75 Ländern gesammelt und sind gerade dabei, die Ergebnisse auszuwerten.

Intensiv arbeiten wir dabei unter anderem mit einer Forschergruppe um Professor Hsueh-chih Chen von der National Taiwan Normal University in Taipei zusammen. Im Unterschied zur Schweiz können die Menschen in Taiwan gleichzeitig Angst und Freude vor dem Ausgelachtwerden haben. Unsere Kollegen in Taiwan erklären dies damit, dass Gelotophilie ein Abwehrmechanismus sein könnte, anhand dessen man verhindern kann, ausgelacht zu werden, indem man sich bewusst auslachen lässt und dabei die Kontrolle behält. Das ist nur ein Beispiel für viele interessante Unterschiede, die wir im Umgang mit dem (Aus-)Lachen in verschiedenen Kulturen finden.

Wie kann man herausfinden, ob man selbst gelotophob, gelotophil oder vielleicht sogar katagelastizistisch ist? Wir haben dazu einen Fragebogen entwickelt, der die subjektive Erfassung dieser Merkmale erlaubt. Wer es selbst ausprobieren möchte, kann dies kostenlos und mit individueller Rückmeldung auf der Webseite www.charakterstaerken.org tun.

Thomas Gull ist Redaktor des unimagazins.

Links

11. Internationaler Humorkongress Gelotophobie Psychologisches Institut, Abteilung Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik René Proyer, Oberassistent

Tags

Forschung | Sozial- und Geisteswissenschaften

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