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Dynamik der Distinktion
Menschen grenzen sich mit qualifizierenden Titeln voneinander ab. Die Erfahrung lehrt, dass man diese nicht abschaffen kann. Aber gerade in den Wissenschaften sollte man Qualifikationen mit Bedacht einsetzen. Beim neuen Zauberwort «exzellent» geschieht das nicht.
Plötzlich war das Wort da. Man hatte kaum bemerkt, woher und warum es auftauchte, da war es schon in aller Munde: «exzellent!» Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann diese Flutwelle über uns hinwegschwappte. Beinahe über Nacht war die Welt der Forschung «exzellent» geworden. Die deutsche Exzellenz- Initiative besorgte den Rest und machte den Triumph offiziell und flächendeckend. Die Zeit der Superlative mit ihren Hochglanzprospekten war definitiv angebrochen.
Ich bin Historiker. Wenn mir unser aktuelles Zauberwort zu Ohren kommt, denke ich an ältere Begebenheiten. Bei der Eröffnung der Verhandlungen, die zum Westfälischen Frieden führten, ging es anno 1645 weniger um die Gräuel des Dreissigjährigen Kriegs als um die Frage, wer von den Teilnehmern das Prädikat «Exzellenz» in Anspruch nehmen durfte. Die Gesandten der deutschen Kurfürsten setzten den Anspruch von Anfang an erfolgreich durch. Die Delegierten der Fürsten waren dagegen durch keinen Reichsbeschluss zur Führung dieses Titels berechtigt. Sie mussten sich mit der freiwilligen Anerkennung begnügen. Auch die ungeregelte Titulierung führte nicht selten zu inflationären Erscheinungen und neuen Abgrenzungen. In Italien war lange ausschliesslich der Fürst eine Exzellenz. Als sich seit den 1590er Jahren fremde Gesandte den Titel anmassten und die Kardinäle neu Eminenz genannt wurden, war ihm dies nicht mehr fein genug: Der Fürst verwandelte sich in eine Altezza. Mit der Exzellenz ging es dagegen weiter bergab. Ende des 19. Jahrhunderts stellte «Meyers Konversationslexikon» (die Bibel des deutschen Bürgertums) mit gehobenen Augenbrauen fest: «... doch ist man in Italien mit der schriftlichen Anrede ‹Eccellentissimo Signore› sowie der mündlichen ‹Eccellenza› höchst freigiebig, und namentlich in Süditalien wird jeder Fremde E. genannt.»
Das Beispiel deutet an, dass die Dynamik der Distinktion auch vor der breiten Bevölkerung nicht Halt macht. Ich hatte einmal Gelegenheit, qualitativ hoch stehende, um nicht zu sagen exzellente Besitzerlisten einer grossen Engadi- ner Gemeinde zu studieren. Die Liste von 1602 enthielt drei Titel, mit denen knapp ein Drittel der Besitzer hervorgehoben wurde. Hundert Jahre später verwendete man schon 16 Titel, und der Anteil der Titelträger stieg auf über zwei Drittel. Nochmals hundert Jahre später traten dann die Superlative auf. Ironi- scherweise handelte es sich um die gleichen Titel – «Illustrissimi» –, welche die «eminent» gewordenen Kardinäle früher abgelegt hatten.
Die historische Erfahrung lehrt, dass man Titel nicht nachhaltig abschaffen kann. Also sollten wir uns überlegen, wie man sinnvoll damit umgehen kann. Wer einen Doktorhut durch Plagiat erschwindelt, muss unter Umstän- den seinen Ministerposten räumen. Mit dem Wort exzellent darf sich dagegen jeder und jede nach Belieben schmücken. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn es bloss um individuelle Eitelkeit ginge. Doch zuweilen betrifft die Titulatur zentrale Fragen der Forschungspolitik, welche die Zukunft des Bildungsplatzes Schweiz prägen werden. Dürfen auch fach- fremde Personen – beispielsweise Exponenten der staatlichen Bildungsbehörden – frei von der Leber weg behaupten, dieses oder jenes sei «exzellente Spitzenforschung»? Andere Fragen der wissenschaftlichen Ethik und Verantwortung haben wir in letzter Zeit sehr ernst genommen. Wie wollen wir es mit solchen Qualifikationen halten?
Jon Mathieu
Dieser Artikel ist im Schweizer Forschungsmagazin "Horizonte" Nr. 89 erschienen, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) herausgegeben wird. Sie können das Magazin gratis abonnieren.
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