
Schädel eines «Paranthropus robustus» aus der Swartkrans Höhle in Südafrika (Bild: Darryl de Ruiter)
Unsere weiblichen Vorfahren haben die soziale Gruppe ihrer Kindheit sehr viel häufiger verlassen als die männlichen. Dies verrät die Analyse von rund drei Millionen Jahre alten Zähnen von Homininen im Vergleich mit den geologischen Konstellationen.
Morphologische Besonderheiten wie der Körperbau, der Herkunftsort des Rohmaterials von Steinwerkzeugen oder der Vergleich von lebenden Primaten mit abstammungsgenetischen Modellen dienten bisher den Wissenschaftlern als Quellen, aus denen sie indirekte Schlüsse über den Lebensbereich früher Vormenschen (Homininen) zogen. Wie Vormenschen die Landschaften nutzten, in denen sie lebten, und wie sie sich innerhalb und zwischen diesen Gebieten bewegten, dazu liefern bestehende paläontologische und archäologische Methoden aber nur wenige konkrete Beweise.
Aussagen über den Lebensradius der Gattungen Australopithecus africanus und Paranthropus robustus wurden möglich dank der Analyse von Strontiumisotopen. Strontium ist in unterschiedlichen Isotopenverhältnissen in der geologischen Landschaft eingelagert, und es wird als Spurenelement mit der Nahrung und dem Trinkwasser aufgenommen. Da Strontium für die Mineralisierung der Zähne gebraucht wird, die Entwicklung der Zähne aber im Kindesalter abgeschlossen wird, kann mit dem Vergleich zwischen den Strontiumsignaturen der geologischen Umgebung einerseits und jener der fossilen Zähne andererseits festgestellt werden, ob und – wenn ja – in welchem Ausmass unsere Vorfahren nach ihrer Kindheit ihren Lebensbereich erweitert haben.
Untersuchungsobjekt waren mehrere 2,0 bis 2,8 Millionen Jahre alte Zähne des Australopithecus africanus sowie 1,4 bis 1,9 Millionen Jahre alte Zähne des Paranthropus robustus, die alle aus den Höhlen bei Sterkfontein und Swartkrans in Südafrika stammen. Für die Studie von Bedeutung ist, dass diese Gegend besonders reich an unterschiedlichen Strontiumsignaturen ist, wie Daryl Codron, Isotopen-Ökologe der Universität Zürich erläutert.
Drei Millionen Jahre alte Zähne verraten soziale Bewegungsmuster
Während die Wissenschaftler zwischen den beiden Arten Australopithecus africanus und Paranthropus robustus keine bedeutenden Unterschiede in der Nutzung des Lebensbereichs feststellten, hatten sie gleichzeitig deutliche Differenzen zwischen weiblichen und männlichen Individuen diagnostiziert: Anders als die männlichen wiesen die weiblichen Individuen häufig nicht-regionale Strontiumsignaturen aus der Umgebung der Höhle auf. Daraus folgt, dass sich hauptsächlich weibliche Hominine von ihrer Gruppe entfernt haben, in der sie geboren wurden und in der sie ihre frühe Kindheit verbrachten. Sehr viel häufiger als ihre männlichen Artgenossen verliessen sie ihr Kindheitsumfeld und schlossen sich einer neuen sozialen Gruppe an. Die Zuordnung des Geschlechts erfolgt dabei über die Grössenunterschiede: Da weilbliche Individuen kleiner waren als männliche, werden ihnen die kleineren Zähne zugeordnet, und umgekehrt.
Zwei Beine für grosse Distanzen und nahe liegende Rohstoffe
Das festgestellte Verbreitungsmuster der weiblichen (nicht jedoch der männlichen) Individuen ähnelt jenem bei Schimpansen, Bonobos und vielen Menschengruppen, unterscheidet sich aber von dem der Gorillas und anderer Primaten. Es scheint also bereits bei den frühen Homininen, vor drei Millionen Jahren, geläufig gewesen zu sein. Gleichzeitig bedeutet dieses Ergebnis, dass die Sozialstruktur früher Hominine wahrscheinlich nicht jener von Gorillas ähnelte, bei denen ein oder wenige Männchen eine Gruppe von Weibchen dominieren.



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