Warum schmelzen die Gletscher in Südosttibet so schnell?

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Der Endpunkt des Parlung No. 4-Gletschers an einem regnerischen Tag im Juni 2022

Der Endpunkt des Parlung No. 4-Gletschers an einem regnerischen Tag im Juni 2022. Foto: Chuanxi Zhao

Millionen Menschen sind vom Wasser der Gletscher im asiatischen Hochgebirge abhängig. Südosttibet hat jedoch einige der am schnellsten schmelzenden Gletscher in Asien. Grund dafür könnten ausbleibende Schneefälle im Sommer sein, wie eine von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL geleitete Studie zeigt.

Anders als in den Alpen fällt der meiste Schnee auf den Gletschern des tibetischen Plateaus in den Sommermonaten, die dort die feuchtesten, aber auch wärmsten Monate des Jahres sind. Die Gletscher des südöstlichen tibetischen Plateaus speisen den Brahmaputra-Fluss, von dem Millionen von Menschen flussabwärts für den häuslichen, landwirtschaftlichen und industriellen Gebrauch abhängig sind.

Erdbeobachtungssatelliten haben kürzlich jedoch gezeigt, dass gerade die Gletscher dieser Region einen der höchsten Massenverluste in Asien verzeichnen. In den letzten Jahrzehnten hat dieser sich zudem beschleunigt. Man weiss, dass die steigenden Temperaturen aufgrund des Klimawandels die Gletscher zum Schmelzen bringen. Aber ist dies wirklich der einzige Faktor, der für den raschen Rückzug der südosttibetanischen Gletscher sorgt?

Nein, zeigt eine Untersuchung unter der Leitung von Achille Jouberton und Francesca Pellicciotti von der WSL in Zusammenarbeit mit dem Institute of Tibetan Plateau Research der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die Forschenden haben darin die Mechanismen entschlüsselt, die hinter hohe Empfindlichkeit der Gletscher in Südosttibet gegenüber der Erwärmung stehen.

Um diese Mechanismen zu identifizieren, rekonstruierten sie mit einem hochmodernen Computermodell die Klimaund Massenveränderungen des Parlung No.4-Gletschers im Südosten Tibets während der letzten 45 Jahre. Das ist der bisher längste Zeitraum, für den die Veränderungen eines Gletschers in dieser Region je rekonstruiert worden sind. Das so genannte glacio-hydrologische Modell, das die Wissenschaftler verwendeten, stützte sich dafür auf umfangreiche Daten, die sowohl vor Ort als auch per Fernerkundung erhoben wurden. Glacio-hydrologische Modelle bilden sowohl glaziologische als auch hydrologische Prozesse nach, z. B. den Gletscherund Wasserfluss.

Langfristige Veränderungen in der Form der Niederschläge sind allerdings sehr schwer zu beobachten, insbesondere in den hoch gelegenen Nährgebieten der Gletscher. Sie erfordern kontinuierliche Niederschlagsmessungen, die oft kostspielig und mit grossen Unsicherheiten behaftet sind. Daher war die Verwendung eines Modells, das auf Basis lokal gesammelter Daten kalibriert wurde, der praktischste Weg, sie zu beziffern.

Es zeigte sich, dass der grösste Teil des raschen Massenverlustes der Gletscher auf eine Verschiebung eines Teils der Sommerniederschläge von Schnee zu Regen zurückgeht. Dadurch lagert sich weniger Schnee auf den Gletschern ab, der im Lauf der Zeit zu Eis werden und diese nähren kann. Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, dass die Gletscherschmelze zwar ebenfalls zugenommen hat, aber der Rückgang der Schneeansammlungen die wichtigere Ursache für die jüngsten Massenverluste in dieser Region war.

Dass sich weniger Schnee auf den Gletschern ansammelt, hat zudem den Nebeneffekt, dass das Gletschereis während eines grösseren Teils der Schmelzsaison der Sonne und der Wärme ausgesetzt ist, was die Schmelze erheblich verstärken kann. Dies hat sich in diesem Sommer auch in den Alpen gezeigt, wo eine geringe Winterakkumulation zu einer frühen und Übermässigen Sommerschmelze geführt hat.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, Änderungen der Gletscherakkumulationsmechanismen in Projektionen zur Veränderung der Gletscher in der Zukunft zu berücksichtigen. Zudem tragen sie dazu bei, die besondere Empfindlichkeit von Gletschern gegenüber der Erwärmung zu erklären, die auf sommerliche Schneefälle angewiesen sind.

Die Studie wurde diesen Monat in der Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) veröffentlicht.


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