Begegnungen in Sarajevo

In der ersten Aprilwoche durften Studierende der Universität Luzern im Rahmen einer Studienreise die kulturelle Vielfalt der Hauptstadt Bosniens und Herzegowinas erleben. Ein Bericht voller Gegensätze.

Sarajevos Besonderheit

Sarajevo fasziniert durch seine Gegensätzlichkeit. Eindrücklich zeigt dies die Sehenswürdigkeit ,,Meeting of Cultures" in der Innenstadt, ein Kompass im steinernen Pflaster einer belebten Fussgängerzone. Ein Blick nach Westen offenbart eine typisch europäische Einkaufsmeile: Hohe Hausfassaden präsentieren ordentlich aneinandergereihte Einkaufsläden, die ein globalisiertes Shoppingerlebnis ermöglichen. Aus einem Zara-Geschäft dröhnt amerikanischer Pop, in der Ferne ragen Kirchtürme in den Himmel.

Der Blick nach Osten zeigt eine andere Welt: Es duftet nach frischem Kaffee und in verwinkelten Gassen beugen sich Überladene Stände unter dem Gewicht zahlreicher Kupferkännchen, Baklava und anderen Souvenirs. Die Zeit scheint im osmanisch geprägten Stadtteil langsamer zu verstreichen. Niemand eilt, in den Kaffees wird bedächtig an bosnischem Kaffee genippt, sogar die Tourist:innen wirken entschleunigt. Die Stimme des Muezzins durchdringt die Stadt und kündet das Nachmittagsgebet an.

Sarajevos Kriegschronik

Von Boris Previ¨ic (siehe Box) erfahren die Studierenden, dass Sarajevo bis in die 1870er Jahre Teil des osmanischen Grossreichs war. Danach verwaltete das Kaiserreich Österreich-Ungarn die Stadt. Dies prägte nicht nur die gegensätzliche Architektur Sarajevos, sondern auch die gesamte europäische Geschichte. Das Attentat auf den Österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz-Ferdinand und dessen schwangere Frau in Sarajevo war der verheerende Stein, der 1914 den Ersten Weltkrieg ins Rollen brachte.

Leider würde dies nicht der letzte Krieg gewesen sein, der die Stadt heimsuchte, wie die Vize-Stadtpräsidentin Anja Margetic Stakic erklärt. Sie heisst die Gruppe aus Luzern im Rathaus willkommen und erzählt von dem tragischen und gleichsam prägenden Jugoslawienkrieg, der vor knapp dreissig Jahren in voller Brutalität über Sarajevo hereinbrach. Drei Jahre lang belagerte die bosnisch-serbische Armee die Stadt. Ihr Kreuzfeuer, so Stakic, kannte keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Kindern.

Ein weiter Weg zum Frieden

Noch heute birgt die Region im Balkan Konfliktpotential, doch die Stadt scheint einen Weg gefunden zu haben, Brücken zu bauen und Differenzen zu Überwinden. Möglich gemacht hätten dies gemäss Stakic eine aktive Aufarbeitung und Offenheit. Stolz erzählt sie, dass Orthodoxe, Jüd:innen, Katholik:innen und Muslim:innen neben-, manchmal gar miteinander leben.

Es sei eine hart erkämpfte Harmonie, und der Weg zu einem funktionierenden Frieden sei immer noch weit. So hätte die Bevölkerung zwar eine funktionierende Koexistenz gemeistert, doch die staatliche Politik tue sich schwer. Bosnien und Herzegowina ist geteilt in zwei Verwaltungssysteme welche die internationale Gemeinschaft im Zuge des Daytoner Friedensabkommens auferlegt hat: in die Föderation Bosnien und Herzegowina und in die Republika Srpska. Während die Republika Srpska stark Serbien zugewandt ist, strebt die Föderation Bosnien und Herzegowina eine Öffnung zum Westen hin an. Diese ideologischen Fronten verunmöglichen eine fruchtende Zusammenarbeit, so die Vize-Stadtpräsidentin.

Miteinander oder Nebeneinander?

Die soziokulturelle Zusammensetzung Sarajevos zieht sich als roter Faden durch die Studienreise. So freut sich der Chasan (Vorbeter in der Synagoge) der Synagoge von Aschkenasim über die freie Wohnortswahl: Es gäbe keine jüdischen, muslimischen, katholischen oder orthodoxen Quartiere, jeder wohne, wo er möchte. Ein Indiz für ein friedliche Miteinander in der religiösen Vielfalt Sarajevos?

In einem katholischen Jugendund Versöhnungszentrum wird dieses Zusammenleben relativiert. Zwar koexistieren die Menschen friedlich, aber der Weg zu einem Miteinander sei weit. Das Versöhnungszentrum habe es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, Kinder und Jugendliche aller Ethnien zusammenzubringen und so ein Miteinander der kommenden Generationen zu gewährleisten.

Das Massaker von Srebrenica

Eine der berührendsten Stimmen, welche die Studiengruppe zu hören bekommt, ist die einer Überlebenden. Voller Schmerz und mit schier unfassbarer Stärke berichtet sie, wie ihr Ehemann und ihre Söhne von der bosnisch-serbischen Armee 1995 ermordet wurden. Sie spricht von Einsamkeit, Schmerz und den Opfern des Massakers. ,,Wenn ihr nicht nachvollziehen könnt, wie sich ein Völkermord anfühlt", schliesst sie ihre Erzählung, ,,seid dankbar!"

Sie lebt heute in einem Dorf zusammen mit ehemalige Soldaten der bosnisch-serbischen Armee. Sie weiss, welche Männer in den Mord ihrer Angehörigen verstrickt waren. Sie begegnet den Tätern auf der Strasse, beim Einkaufen, im Bus. Wie das funktionieren kann? ,,Ich könnte mich nach Rache sehnen, doch ich finde Trost im Glauben und im Wissen, dass ich nicht so bin wie sie.", verkündet sie.

Der Weg der Kulturen

Zurück zum Kompass beim ,,Meeting of Cultures". Hier offenbart sich nicht nur der architektonische Gegensatz zwischen dem osmanischen und dem ungarisch-österreichischen Stadtteil. Die Himmelsrichtungen zeigen auf unterschiedliche Kulturen und Menschen mit Geschichten voller Leid, aber auch Hoffnung. Die Markierung im Boden zeigt ein friedliches Nebeneinander, geprägt durch die Schrecken der Vergangenheit. Inwiefern ein Mitstatt ein Nebeneinander in Zukunft möglich sein wird, wird sich zeigen. Hoffnung geben die Menschen Sarajevos: voller Güte, Zuversicht und dem Willen, aus der Geschichte zu lernen und in Vielfalt zu wachsen.

Sarajevo - Das Europäische Jerusalem

Am Mittwoch, 17. April, findet die Projektvostellung ,,Sarajevo - Das Europäische Jerusalem" statt. Mehr dazu.

Organisation und Sponsoring

Die Exkursion wurde organisiert von Martin Steiner (Hauptorganisator, Professurvertreter für Judaistik und Theologie), Boris Previ¨ic (Titularprofessor für Literaturund Kulturwissenschaften), Erdal Toprakyaran (Professor für Islamische Theologie), Dr. Richard Blättel (temporärer Lehrbeauftragter und Habilitand des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung) und Fabian Pfaff (Hochschulseelsorger) Die Studienreise erfolgte als Kooperation mit der Hochschulseelsorge «Horizonte» des Campus Luzern und wurde durch den Verband ,,Katholisch Stadt Zürich" ermöglicht.

Beteiligte Institutionen waren das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) und das Zentrum für Theologie und Philosophie der Religionen der Universität Luzern sowie das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Tübingen.

Dieser Artikel wurde von Chantal Hüsler, Bachelor-Studentin in Geschichte und Rechtswissenschaft verfasst.