Die Schweiz muss ihr Innovationspotenzial besser ausschöpfen

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«Gesamtüberblick» des Bahnprojekts, das nach Adolf Guyer-Zeller von der Kleinen
«Gesamtüberblick» des Bahnprojekts, das nach Adolf Guyer-Zeller von der Kleinen Scheidegg durch Eiger und Mönch bis zum Jungfraugipfel reichen sollte - realisiert wurde es bis zum Jungfraujoch (Station Mönch). (Illustration: Die Gartenlaube, 1895)
In der Schweiz gibt es ein grosses Potenzial für technologische und unternehmerische Innovation. Für Thomas Zurbuchen stellt sich die Frage, wie wir auch in schwierigen Zeiten gemeinsam eine Dynamik erzeugen können, um im internationalen Wettbewerb weiterhin zu bestehen.

Immer wenn ich einen Vortrag über Innovation in der Schweiz halte, beginne ich mit einem Bild von Eiger, Mönch und Jungfrau. Ich erzähle jeweils die Geschichte von Adolf Guyer-Zeller - für mich eine der eindrücklichsten Geschichten von unternehmerischem Ehrgeiz und Scheitern in der Schweiz des 19. Jahrhunderts.

Guyer-Zeller, der durch eine Baumwollspinnerei und durch Textilhandel zu Wohlstand kam, setzte sich das kühne Ziel, eine Bahn bis zum Gipfel der Jungfrau zu bauen. Es dauerte nur drei Jahre, bis der Bundesrat ihm die Konzession dafür erteilte. Sein ursprüngliches Ziel, die Bahn bis zum Gipfel der Jungfrau zu bauen, verfehlte er zwar, und bei der feierlichen Eröffnung der Jungfraujoch-Bahn 1912 war Guyer-Zeller längst tot. Dennoch hat er eine bautechnische Meisterleistung angestossen, und das «Top of Europe» ist zu einem sichtbaren Leuchtturm des Schweizer Tourismus und des Erfindungsreichtums geworden.

Pionierleistungen fördern, nicht erschweren

Ich erinnere mich gut an die Zugfahrt von Zürich nach Interlaken, nachdem ich nach Jahrzehnten in den USA in die Schweiz zurückgekehrt war. Im Zugerkannten mich zwei freundliche Personen, die mich im Gespräch davon Überzeugen wollten, dass es in diesem Land unmöglich sei, grosse innovative Dinge zu tun. «Wir sind konservativ», «Scheitern ist hier keine Option», waren ihre Argumente.

Thomas Zurbuchen ist Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie an der ETH Zürich und leitet die Initiative ETH Zürich Space. Von 2016 bis Ende 2022 war der Astrophysiker Wissenschaftsdirektor der Weltraumbehörde Nasa.

Um es vorwegzunehmen: Sie vermochten mich nicht zu Überzeugen, und als wir in Interlaken ankamen, bat ich sie, in die Richtung des Jungfraujochs zu schauen. «Auch das ist eine Schweizer Innovation», sagte ich.

Die Schweiz ist aus mehreren Gründen ein höchst erfolgreiches Land. Dass es uns heute so gutgeht, verdanken wir auch dem Mut und der Weitsicht derer, die vor uns lebten. Persönlichkeiten wie Adolf Guyer-Zeller, die Eschers (Caspar und Alfred), Henri Nestlé, Fritz Hoffmann-La Roche, Walter Boveri oder Marie Heim-Vögtlin stehen für wirtschaftliche Innovationen und sozialen Fortschritt der modernen Schweiz.

Und Tausende andere mehr, die auch ohne Eintrag in die Geschichtsbücher unter Inkaufnahme enormer persönlicher Risiken bis heute dazu beigetragen haben, Arbeitsplätze und Einkommen für viele Menschen zu schaffen. Um auch in Zukunft Chancen zu nutzen, sollten wir Pionierleistungen fördern und nicht erschweren.

Seit ich in die Schweiz zurückgekehrt bin, habe ich Dutzende von Firmen besucht. Ich habe mit beeindruckenden Unternehmerinnen und Unternehmern aller Altersgruppen und in vielen Branchen gesprochen - sie sind genauso gut oder besser als viele der Führungskräfte, die ich in den USA und darüber hinaus kenne. Das liegt auch an unserem ausgezeichneten Schweizer Bildungssystem, das jungen Menschen eine breite Palette von Entwicklungsmöglichkeiten bietet, von der Berufslehre bis zum Doktorat an der ETH und an anderen Schweizer Universitäten.

Übermässiges Verlangsamen durch staatliche oder interne bürokratische Hindernisse ist Gift für unternehmerischen Erfolg.»


Ich bin Überzeugt, dass befähigte und gut ausgebildete Talente eine der tragenden Säulen künftiger Innovationen sind. Innovationen, die wir angesichts globaler Änderungen wie zum Beispiel des Klimawandels dringend brauchen, sei es im Bauwesen, im Verkehr oder in der Landwirtschaft. Denn innovative Menschen wissen, dass Veränderung immer auch eine Chance darstellt.

Einige Monate in der Schweiz haben mich in meiner Überzeugung vom enormen Innovationspotenzial hierzulande noch bestärkt, das für Space-Tech, Deep Tech, Green Tech, Robotik, intelligente Systeme und viele andere Bereiche entscheidend ist.

Drei Prioritäten

Damit wir dieses Potenzial ausschöpfen können, insbesondere in Zeiten finanzieller Schwierigkeiten, sollten wir uns jedoch auf drei Prioritäten konzentrieren, die auf lange Sicht von grosser Bedeutung sind.

Erstens: Wir dürfen es trotz finanzpolitischen Sachzwängen nicht zulassen, dass genau jene Akteure geschwächt werden, welche die innovativen Personen hervorbringen, die wir fördern wollen. Natürlich ist es angebracht, wenn die Politik von den Universitäten, Bildungseinrichtungen und Forschungsinstituten des Landes erwartet, ihre Forschung und Ausbildung auf die Wohlfahrt der Schweiz auszurichten und dabei der Innovation einen hohen Stellenwert beizumessen. Universitäten wie auch staatliche Behörden und Unternehmen laufen darüber hinaus bei zunehmendem Wachstum Gefahr, sich in unübersichtliche Bürokratien zu verwandeln und ihren Fokus auf Spitzenleistungen und die Wirkung ihrer Tätigkeiten zu verlieren.

Staatlich finanzierte Wissensorganisationen wie Hochschulen müssen sich immer wieder die Frage stellen, inwieweit sie im Dienst der Gesellschaft handeln und dazu beitragen, die Schweiz und die Welt aktiv, effektiv und effizient bei der Bewältigung der grossen Herausforderungen zu unterstützen. Aber ihnen die nötigen finanziellen Mittel zu entziehen, mit denen sie diese Aufgaben erfüllen, schwächt die Schweiz längerfristig genau dort, wo heute im internationalen Vergleich eine ihrer wichtigsten Stärken liegt.

Zweitens: Staatliche Stellen sollten es sich gemeinsam mit dem Privatsektor zur Aufgabe machen, den effektiven Transfer von Ideen aus der Forschung in marktfähige Produkte sowie das Wachstum von jungen Firmen in der Schweiz zu fördern. Unser Land, so sagte mir ein berühmter Innovator, sei dann führend, wenn wir entweder schlauer, agiler oder beides seien.

Wir sollten gleichzeitig unsere Prozesse und Abläufe in der Verwaltung und in Unternehmen laufend Überprüfen und optimieren Übermässiges Verlangsamen durch staatliche oder interne bürokratische Hindernisse ist Gift für unternehmerischen Erfolg heute und morgen.

Was es ebenfalls zu verhindern gilt: Wir bilden Talente sowie Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer aus, und zwar mit viel Geld und Aufwand. Und dann wandern sie aufgrund besserer Möglichkeiten ins Ausland ab und fördern dort die Wertschöpfung. Wichtige Technologien von Google, die wir heute täglich brauchen, wurden in der Schweiz entwickelt, aber früh verkauft, weil die Firmen hier nicht genügend wachsen konnten. Dieselbe Gefahr droht einigen der weltweit interessantesten Robotikund Drohnen-Firmen, die zurzeit in unserem Land aufgebaut werden und wachsen.

In der Schweiz gibt es grossartige Förderer des Unternehmertums, die über enorme Erfahrung beim Aufbau und Wachstum von Unternehmen verfügen. Die Frage stellt sich: Wie können wir gemeinsam, als Team, eine Dynamik erzeugen, um die internationale Konkurrenz nicht nur beim Aufbau, sondern auch beim Wachstum von Unternehmen zu Übertreffen?

«Diejenigen, die vor den anderen denken und handeln, haben einen Vorteil. Wir sollten diesen Vorteil nutzen.»


Drittens wünsche ich mir, dass wir die Innovation und die innovativen Köpfe in der Schweiz etwas mehr schätzen, dass wir die Erinnerung an Pioniere wie den eingangs erwähnten Adolf Guyer-Zeller hochhalten, und dass wir uns nicht kleiner machen als nötig: Wir haben ein gewaltiges Potenzial, das wir noch ausschöpfen können. Wir können mehr tun, damit Pioniere in der Schweiz noch erfolgreicher werden, und sei es nur schon, dass wir in den Medien nicht jeden Misserfolg mit Häme kommentieren und uns stattdessen auch über den Erfolg eines Unternehmers oder einer Unternehmerin freuen.

Die Schweizer Exzellenz ist weltweit anerkannt. Der technologische Wandel findet statt. Diejenigen, die vor den anderen denken und handeln, haben einen Vorteil. Wir sollten diesen Vorteil nutzen.

Dieser Text erschien zuerst als Meinungsbeitrag in der externe Seite NZZ call_made vom 17.02.2024.
Prof. Thomas Zurbuchen