Kreativität: Die schöne Schwester der Forschung

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Deeptanshu Sivaraman und Michal Ganobjak. ’Frozen Clouds’, Foto

Deeptanshu Sivaraman und Michal Ganobjak. ’Frozen Clouds’, Foto

Die Schönheit wissenschaftlicher Ergebnisse erschliesst sich mitunter nur den Experten und ihren Fachzirkeln. Für die Kunstund Wissenschaftsausstellung «ArtSci 2019» an der ETH Zürich machten Forscher den Zauber der Naturwissenschaften allerdings für ein breites Publikum fassbar. Empa-Forscher präsentierten gleich drei Kunstwerke und betonten, dass gute Forschung und Kreativität durchaus voneinander profitieren.

Naturwissenschaft und Kunst liegen, so könnte man meinen, an den entgegengesetzten Polen unserer Kultur. «Kunst», so definierte es der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Herder vor über 200 Jahren, «kommt von Können». Und Wissenschaft? Sie lässt sich erlernen, Formeln kann man von der Tafel abschreiben, und Rezepturen kocht man im Labor exakt nach einer Anleitung. Auf Begabung kommt es dabei nicht an. Könnte man meinen.

Und doch gibt es Forschende, die in ihrer Arbeit innehalten, einen Schritt zurücktreten und die Schönheit eines Experiments, eines Resultats, einer Darstellung, erkennen. Atemberaubende Mikroskop-Bilder, faszinierende atomare Strukturen oder elegante Lösungswege vermögen es, auch den härtesten Naturwissenschaftler zu verzücken.

Drei Beispiele derartiger Chimären aus Kunst und «Hard Science» zeigten Empa-Wissenschaftler an der diesjährigen ArtSci2019. Die junge Kunstund Wissenschaftsausstellung fand bereits zum zweiten Mal an der ETH Zürich statt und präsentierte die Werke von 50 Künstlerinnen und Künstlern. Zwei Wochen konnten die Objekte in Zürich bewundert werden, während das Organisationsteam mit Workshops und Führungen die Ausstellung zum Erlebnis machte. Zum Abschluss diskutierte ein Expertengremium um James Kirchner vom ETH-Departement für Umweltwissenschaften und der Medienkünstlerin und ZHDK-Professorin Jill Scott über die Vernetzung etwa von Technologie und Ästhetik. Das Publikum prämierte indes die ausgestellten Werke - und verlieh der Empa den ersten Preis!

«Der Fruchtspion, der aus der Kälte kam» von Thijs Defraeye, Forscher im Empa-Labor «Biomimetic Membranes and Textiles» in St. Gallen, begeisterte am meisten Besucher. Defraeye entwickelt Sensoren für die Lebensmittelindustrie, die eine optimale Steuerung der Kühlketten-Logistik ermöglichen. Da die Sensoren ein exaktes Abbild der echten Transportgüter sein müssen, eignete sich der «Fruchtspion» besonders, um - unterstützt vom Team der Empa-Kommunikation - in ein Gemälde von Paul Cézanne «geschmuggelt» zu werden.

Romain Civioc vom «Building Energy Materials and Components» Labor der Empa wurde für seine Installation «A glimpse of infinity» ebenfalls ausgezeichnet. «Ich habe versucht, die Essenz und die Schönheit der Natur einzufangen, und sie mittels Metall-Bedampfung und dem Einbetten in Aerogel festzuhalten.»

Deeptanshu Sivaraman und Michal Ganobjak, ebenfalls vom «Building Energy Materials and Components» Labor, zeigten «Frozen clouds». «Das farbige Bio-Aerogel hat sehr aussergewöhnliche Eigenschaften», so Sivaraman. «Da es ein unfassbar leichter Feststoff ist, kann man das Material eigentlich auch als eingefrorene Wolken bezeichnen.» Sein Kollege Michal Ganobjak ist sich sicher, dass naturwissenschaftliche Forschung von Kunst profitieren kann. «Eine endlose Liste von naturwissenschaftlichen Fakten ist nur schwer zu verstehen. Es ist aber möglich komplexe Sachverhalte in einem Kunstwerk verschmelzen zu lassen und die Realität gleichzeitig wahrheitsgetreu abzubilden», sagt der Architekt. «Kunst und Wissenschaft streben beide danach, die Realität zu verstehen. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer Wiedergabeschärfe und in ihrem Vorgehen, die Realität auszudrücken», so Ganobjak. Beide Disziplinen könnten aber zu gegenseitigem Nutzen zusammenspannen, um einem breiten Publikum ein eindrückliches Verständnis der Realität zu präsentieren.

Fest steht, dass an der Schnittstelle von Wissenschaft, Design und Kunst definitiv auch Materialforscher vorne mit dabei sind. Und wirklich gute Forschung braucht auch immer eine erhebliche Menge Kreativität, um Neuland beschreiten zu können.