Von neuartigen Materialien und besonderen Menschen

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Seit über einem Vierteljahrhundert forschte Paolo Ermanni an der ETH. Nun geht e
Seit über einem Vierteljahrhundert forschte Paolo Ermanni an der ETH. Nun geht er in den Ruhestand. (Bild: ETH Zürich)
Paolo Ermanni forschte an der ETH Zürich über ein Vierteljahrhundert zu neuartigen Verbundmaterialien. Sein Herz schlug jedoch fast noch fester für die Lehre. In die ETH-Annalen wird er auch als erster Prorektor für Weiterbildung eingehen. Ein Abschiedsportrait anlässlich der Emeritierung.

«Man muss sich im Leben entscheiden, ob man das Verb ’haben’ oder ’sein’ dekliniert», zitiert Paolo Ermanni sinngemäss den grossen Pianisten Franz Liszt, um zu betonen, dass er glücklich sei, sich für das zweite Verb entschieden zu haben.

Materialien und Menschen

Diese Aussage eines ETH-Professors, der anlässlich der Emeritierung auf seine Karriere zurückblickt, mag Aussenstehende Überraschen - ist eine Professur doch durchaus mit Status und einem anständigen Gehalt verbunden. Doch als international anerkannter Spezialist auf dem Gebiet der Strukturtechnologien standen Ermanni im Laufe seiner Karriere auch Wege offen, die materiell einträglicher gewesen wären. Denn Ermanni beschäftigte sich mit neuen Verbundmaterialien. Materialien, die leicht und dennoch stabil sind, und die je nach Umgebung verschiedene Formen annehmen können. Solche Materialien sind in unterschiedlichsten Gebieten gefragt - von der Medizin bis zur Raumfahrt.

Entscheidend waren in Ermannis Karriere aber ebenso die Menschen. «Die Forschungsaufgaben allein hätten mich nicht dazu bewogen, vor 26 Jahren eine Professur anzunehmen», blickt er zurück. Ihm sei es um die Verzahnung mit der Lehre gegangen: «Mit jungen Leuten zu arbeiten, sie zu unterrichten, wie man die richtigen Fragen stellt und diese bearbeitet, aber auch gemeinsam mit den Studierenden neue Forschungsfragen anzugehen: Das war der Reiz dieser Stelle.»

Fasziniert von technischen Gegenständen

Zu seinem Fachgebiet kam Ermanni eher durch Zufall. Obwohl: Er war schon als Kind von technischen Gegenständen fasziniert. «Ich baute viele Modelle, Autos, Flugzeuge, Raketen - und als Jugendlicher habe ich auch am Moped rumgeschraubt», erzählt der gebürtige Tessiner verschmitzt. In der Akademikerfamilie - der Vater war Arzt, ein Onkel Bau-, ein anderer Chemieingenieur - war die ETH, beziehungsweise das Politecnico, wie die Hochschule im Tessin genannt wird, immer wieder Thema am Familientisch. «Mir war schon als Gymnasiast klar, dass ich an dieser ganz speziellen Hochschule studieren will», sagt Ermanni. Maschinenbau sei angesichts seiner Begeisterung für technische Systeme das Naheliegendste gewesen.

Materialien waren während des Studiums aber noch kein Thema. Ermanni vertiefte Mathematik und Regelungstechnik, die Diplomarbeit schrieb er am Institut für Biomedizinische Technik. Dort wollte er auch promovieren, doch da sprach ihn ein Kollege auf Manfred Flemming an, einen Experten auf dem Gebiet der Bauweisen-Technologien, der vom Luftund Raumfahrtunternehmen Dornier an die ETH berufen wurde. «Am 1. April 1985 war sein erster Arbeitstag an der Hochschule, und am gleichen Tag nahm ich mein Doktoratsstudium auf», erinnert sich Ermanni. Er begann, sich mit Verbundwerkstoffen und mit Flugzeugbau zu beschäftigen. «Für mich schloss sich ein Kreis - ein Kindheitstraum ging in Erfüllung.»

Flugzeugentwickler und Berater

Dank der Unterstützung seines Doktorvaters konnte Ermanni nach der Promotion 1990 eine Stelle bei Airbus in Hamburg antreten. Zunächst war er in der Vorentwicklung tätig, also in der Vorbereitung der serienund marktorientierten Produktentwicklung. Später arbeitete er in der Zukunftsentwicklung und beschäftigte sich mit Fragen rund um die Realisierung eines zivilen Überschallflugzeuges der zweiten Generation.

Gleichzeitig wuchs aber das Bedürfnis, über den eigenen Tellerrand zu blicken. «Angesichts der tollen Arbeit, die wir Ingenieure leisteten, wunderte ich mich immer mehr, weshalb es Jahre brauchte, bis etwas umgesetzt wird.» Ermanni wollte die Übergeordneten, strategischen Prozesse in grossen Unternehmen verstehen und mithin die Aspekte, die mit der Fertigung, dem Marketing, der Konkurrenz und betriebswirtschaftlichen Risiken zusammenhängen. So nahm er 1997 eine Stelle bei der Unternehmensberatungsfirma A.T. Kearney in Mailand an.

Grosse Hebelwirkung als Professor

Ein Jahr später kam ein Anruf aus Zürich und so kehrte Ermanni 1998 zurück an seine Alma Mater. Als Professor für Strukturtechnologien entwickelte er im letzten Vierteljahrhundert mit seiner Forschungsgruppe moderne Materialsysteme für adaptive Strukturen. «Auf Systemebene können wir Materialien mit einer Art Intelligenz versehen, damit sie beispielsweise mit einer Formveränderung auf unterschiedliche Betriebsbedingungen reagieren. So können wir damit beispielsweise die Aerodynamik beeinflussen», erklärt Ermanni. Das seien Themen, die an Bedeutung gewännen, so etwa bei Raumfahrtstrukturen. Seine Gruppe hat solche Strukturen auch erfolgreich in der Medizinaltechnik eingesetzt und sich selbst entfaltende Stents entwickelt.

Bessere Qualität, weniger Abfall, langlebigere Produkte, die am Ende ihrer Einsatzzeit wieder recycliert werden können: Neue Materialien sind eng mit der Nachhaltigkeit verbunden. «Diese grosse Hebelwirkung des Forschungsgebiets faszinierte mich seit jeher», sagt Ermanni.

Eine grosse Hebelwirkung hatte Ermanni auch in seiner Tätigkeit als Dozent. Im Verlauf der letzten 26 Jahre betreute er 67 Dissertationen, sechs weitere sind noch am Laufen. Manche der Promovierten sind in seine Fussstapfen getreten, sie sind in der Beratung tätig oder haben inzwischen selbst Professuren inne.

Erster Prorektor für Weiterbildung

Als erster Prorektor für Weiterbildung der ETH Zürich war Ermanni für die Gründung der School for Continuing Education verantwortlich. «Die Weiterbildung ist eine besondere Form, Exzellenz in der Forschung so zu verpacken, dass man daraus ’Ready-to-use’-Wissen und Know-how für Unternehmen und die Gesellschaft schaffen kann», sagt Ermanni.

Ermanni stellte die Weiterbildung an der ETH Zürich auf ein neues Fundament. Gemeinsam mit seinem Team und den engagierten ETH-Dozierenden hat er die zahlreichen Kurse gruppiert, um den Austausch unter den Programmen zu fördern. Zudem wuchs das Angebot während seiner Zeit markant.

Noch einmal Jungunternehmer

Aus der Professur Ermanni sind auch Spin-offs hervorgegangen. Manche, wie 9T-Labs, haben sich etabliert, andere wurden von Konzernen aufgekauft. Und eines wird ihn auch künftig, nach seiner Emeritierung, beschäftigen.

Die Antefil Composite Tech AG hat ein neuartiges Verfahren zur Herstellung faserverstärkter Verbundwerkstoffe entwickelt. Die Werkstoffe sind recycelbar und können mit dem neuen Verfahren erstmals kosteneffizient eingesetzt werden. Sie eignen sich aufgrund ihrer Belastbarkeit insbesondere für Grossbauteile wie Rotorblätter von Windkraftanlagen. Für die Technologie durften die Gründer:innen der Firma 2021 den Spark Award der ETH Zürich für die innovativste und wirtschaftlich aussichtsreichste Erfindung des Jahres entgegennehmen.

«Bei dieser Firma war ich von der Idee bis zur Umsetzung stark involviert, und ich bin auch finanziell daran beteiligt», sagt Ermanni. Ab August will er sich zu 100 Prozent bei Antefil einbringen - als Verwaltungsrat und als Chief Technology Officer. «Wir haben über drei Millionen Franken akquiriert und planen für Sommer den Umzug von der ETH in eigene Räumlichkeiten in der Binz», erzählt Ermanni begeistert. Nun gehe es darum, konkrete Kundenprojekte umzusetzen und die Prozesse weiter zu skalieren. «Und dann müssen wir uns dem Markt stellen», sagt der emeritierte Professor, ganz der Jungunternehmer.