Zertifikatspflicht: Der Weg zurück zum Präsenzunterricht

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ETH-Rektorin Sarah Springman (Foto: ETH Zürich/Markus Bertschi)

ETH-Rektorin Sarah Springman (Foto: ETH Zürich/Markus Bertschi)

Die Ankündigung, die Zertifikatspflicht einzuführen, wird an der ETH Zürich von den Vereinigungen der Studierenden und Dozierenden begrüsst als der Weg zum Präsenzunterricht. Die Umsetzung ist eine Herausforderung, wie Rektorin Sarah Springman sagt.

Frau Springman, der Artikel über die Einführung der Zertifikatspflicht von letztem Freitag hat grosse Wellen geworfen. Neben vielen zustimmenden Kommentaren sind auch kritische eingegangen, die der ETH vorwerfen, faktisch eine Impfpflicht für Studierende einzuführen. Was sagen Sie dazu?

Sarah Springman: Die Zertifikatspflicht ist nicht mit einer Impfpflicht gleichzusetzen. Wer keine Covid-Erkrankung durchmachen musste, hat neben der Impfung die Möglichkeit, sich testen zu lassen, um ein Zertifikat zu erlangen. Doch wir sind uns bewusst, dass dies ein ziemlicher Aufwand ist, weil das Zertifikat aufgrund eines negativen Antigentests nur zwei Tage gültig ist.

Wäre es nicht ohne Zertifikat gegangen, um allen Studierenden einen gleichwertigen Zugang zum Studium zu bieten?

Springman: Vor dem Entscheid der Schulleitung, die Zertifikatspflicht einzuführen, haben viele Dozierende Bedenken geäussert, Präsenzvorlesungen anzubieten. Zudem hätten wir mit einer alleinigen Maskenpflicht die Hörsäle de facto nur zu 50% auslasten können. Das heisst, alle Studierende hätten ein vermindertes Präsenzangebot erhalten und zudem nur jede zweite Woche an die ETH kommen können. Nachdem wir drei Semester über weite Strecken mit Online-Unterricht bestritten haben, ist es allen Beteiligten das oberste Anliegen, das Herbstsemester mit möglichst viel Präsenz zu starten. Denn der Online-Unterricht hat dazu geführt, dass viele Studierende nicht wirklich Fuss fassen konnten. Zudem wissen wir, dass auch die psychische Gesundheit der Studierenden in den letzten eineinhalb Jahren gelitten hat. Hinter dem Zertifikatsentscheid steht die ganze ETH, namentlich der Studierendenverband VSETH, die Mittelbauvereinigung AVETH, die Konferenz des Lehrkörpers sowie die Hochschulversammlung, aber auch die Studiendirektorinnen und -direktoren.

Dennoch: Manche Kommentare werfen der ETH vor, Menschen zu diskriminieren, die sich nicht impfen lassen wollen. Was entgegnen Sie ihnen?

Springman: Es geht hier nicht um Diskriminierung. Wir sind eine inklusive Institution und leben unsere Werte. Doch über die ganze ETH betrachtet kommen wir mit der Zertifikatslösung auf viel mehr Präsenzstunden als mit der alleinigen Maskenpflicht. Wer sich nicht impfen oder testen lassen will, hat aber die Möglichkeit, praktisch alle Veranstaltungen online zu besuchen. Alle anderen erhalten dank Zertifikat und Maskenpflicht wieder die Gelegenheit, regelmässig Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu treffen und sich zu Lerngruppen zusammenzuschliessen. Wir wollen verhindern, dass Geimpfte durch individuelle Entscheide von Nichtgeimpften Nachteile in Kauf nehmen müssen.

Wie meinen Sie das?

Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich selbst. Geimpfte tragen insbesondere auch dazu bei, dass die Spitäler nicht Überlastet werden. Zudem ist die Covid-Impfung die wesentliche verfügbare Massnahme, um die Pandemie einzudämmen. Geimpfte leisten einen solidarischen Beitrag gegenüber der Gesellschaft, die sich seit eineinhalb Jahren in einer Ausnahmesituation befindet. Deshalb hat die Schulleitung schon frühzeitig allen ETH-Angehörigen empfohlen, sich impfen zu lassen.

Was raten Sie konkret Studierenden, die Angst vor einer Impfung haben?

Springman: Zunächst rate ich ihnen, sich eingehend mit der Frage des Impfens zu beschäftigen und die unterschiedlichen Stimmen zu gewichten. Sinnvoll ist sicher auch, mit einer fachlichen Vertrauensperson, beispielsweise der Hausärztin, darüber zu sprechen. Wer sich nach Abwägung aller Argumente nicht impfen lassen will, hat die Möglichkeit, sich testen zu lassen. Dies gilt vor allem für Veranstaltungen, die eine Präsenz voraussetzen, insbesondere die experimentelle Lehre, aber auch die Leistungskontrollen.

Nun gibt es auch Studierende, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können...

Springman: Diesen Studierenden stehen für das Studium die gleichen Möglichkeiten offen. Wir fragen nicht danach, ob sich jemand nicht impfen lassen will oder ob er oder sie nicht impfen kann. Der Bund bietet für Menschen, die ein ärztliches Attest vorzeigen können, auch über den 1. Oktober hinaus kostenlose Tests an.

Damit sprechen Sie gleich eine nächste Frage an: Übernimmt die ETH die Kosten für den Test?

Springman: Bis Ende September Übernimmt der Bund die Kosten für die Tests. Auf politischer Ebene sind Bestrebungen im Gang, die Dauer für diese Gratistests auszudehnen. Parallel dazu suchen wir auch ETH-intern nach sozialverträglichen Lösungen. Allerdings ist dazu noch nichts spruchreif. Was aber bereits feststeht: Ab Semesterbeginn wird bis Ende Monat auf den Campus Zentrum und Hönggerberg ein Testcenter bereitstehen.

Kommen wir zurück auf die Zertifikatspflicht: ETH-Angehörige, die sich in der Schweiz impfen lassen, erhalten automatisch ein Zertifikat. Wie sieht das aber für jene aus, die im Ausland geimpft wurden?

Wir anerkennen alle inund ausländischen Zertifikate und Impfnachweise, sofern der Impfstoff die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) definierten Ausnahmeregelungen zur Befreiung von den geltenden grenzsanitarischen Massnahmen erfüllt. Dazu gehören auch Sinopharm und Sinovac.

Wie wird die Zertifikatspflicht durchgesetzt?

Wir werden diese stichprobenmässig Überprüfen, mit Augenmass, ohne den Unterricht zu stören. Studierende, aber auch Mitarbeitende, die sich in Präsenz-Veranstaltungen aufhalten, müssen das Zertifikat, beziehungsweise den Impfnachweis, mitführen und ihre Identität durch ein Ausweisdokument bestätigen können. Das kann auch die ETH-Karte sein.

Wird es auch Sanktionen geben, wenn jemand trotz fehlendem Zertifikat eine Vorlesung besucht?

Sanktionen behalten wir uns auf jeden Fall vor. Doch wir gehen davon aus, dass dies nicht nötig sein wird, da wir unsere Studierenden als sehr vernünftig und verantwortungsvoll kennen. Wir müssen generell aufpassen, dass wir durch die Detaildiskussionen rund um die Zertifikatspflicht unseren Blick nicht trüben lassen. Dank ihr können die allermeisten Studierenden ein fast normales Herbstsemester mit viel Präsenzunterricht absolvieren. Ermöglicht wurde das durch gewaltige Extraleistungen von vielen ETH-Mitarbeitenden, denen ich meinen grössten Dank ausspreche. Es hat sich einmal mehr gezeigt - und wird sich zeigen: Gemeinsam schaffen wir das.

Impfnachweis: Die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) definierten Ausnahmeregelungen zur Befreiung von den geltenden grenzsanitarischen Massnahmen finden Sie hier.

Testcenter: Vom 20. bis 30. September stehen im Zentrum ( HG D64.1 ) und auf dem Hönggerberg ( HPI D8.3 ) Testcenter zur Verfügung, in dem sich ETH-Angehörigen, die nicht geimpft oder genesen sind, gratis testen lassen können.

Impfmobil : Im September bietet das Impfmobil des Kantons Zürich auf den Campus der ETH und der Universität Zürich Impfungen an. Alle Informationen dazu finden Sie im Artikel « Das COVID-19-Impfmobil kommt an die ETH ».

Roland Baumann

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