«Wir haben uns ständig bewegt und verändert»

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Nach neun Jahren in der Leitung des Departements für Umweltsystemwissenschaften

Nach neun Jahren in der Leitung des Departements für Umweltsystemwissenschaften blickt Nina Buchmann zurück auf eine Zeit voller Veränderungen. (Bild: ETH Zürich / Peter Rüegg)

Die Vorsteherin des Departements Umweltsystemwissenschaften Nina Buchmann blickt auf 150 Jahre Agrarwissenschaften zurück. Höhepunkte gab es viele, aber am augenfälligsten sind die massiven Veränderungen in Forschung und Lehre.

ETH-News: Das Departement Umweltsystemwissenschaften (D’USYS) feiert in diesem Jahr 150 Jahre Agrarwissenschaften an der ETH Zürich. Was waren in Ihren Augen Meilensteine?
Nina Buchmann: 150 Jahre in zwei Sätzen zusammenzufassen, ist schwierig. Und was ein Meilenstein ist, liegt auch im Auge des Betrachters. agri150.ethz.ch zusammengestellt. Mir fällt bei näherer Betrachtung vor allem auf, wie sehr sich Forschung und Lehre, aber auch die Organisation verändert haben.

Welche Veränderungen sind bemerkenswert?
Die Agrarwissenschaften an der ETH begannen mit zwei Professoren und 5 Studenten. Jetzt sind es 12 Professorinnen und Professoren und rund 400 Studierende. Extrem verändert hat sich die Forschung, manchmal im Rahmen des herrschenden Zeitgeistes, aber auch aufgrund der veränderten Anforderungen an das Fach. Sehr lange befassten sich die Agrarwissenschaften fast ausschliesslich mit der Nahrungsmittelproduktion. Heute steht die Nachhaltigkeit im Fokus, etwa nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden und die Agrarökologie. Der zweite Aspekt, der sich stark verändert hat, ist der Forschungsansatz, man ist im Laufe der Zeit weggekommen vom Denken in Einzelmassnahmen und hat zum Systemdenken gefunden. Die Agrarwissenschaften haben sich mit anderen Disziplinen vernetzt, unter anderem mit den Sozialund den Umweltwissenschaften. Wir kümmern uns nicht mehr vor allem um Landwirtschaft in der Schweiz, sondern auch in den Ländern des Südens. Das finde ich beeindruckend und zeigt zudem, was die ETH Zürich auszeichnet: ihre Fähigkeit zur Veränderung. Der ETH wird ja oft vorgeworfen, sie würde sich nicht bewegen. Aber wir bewegen und verändern uns ständig!

Noch vor zehn Jahren waren die Agrarwissenschaften ein eigener Silo. Heute muss man sie in den Umweltsystemwissenschaften «suchen». Sagt dies etwas aus über deren Stellenwert?
Das stimmt nicht. Die Agrarwissenschaften waren kein Silo. Vor der Fusion 2012 waren die Agrarwissenschaften mit den Lebensmittelwissenschaften in einem Departement (D’AGRL) vereint, gemeinsame Forschung und Lehre fanden statt. Zudem unterhielt das D’AGRL schon damals viele Verbindungen zu den Umweltwissenschaften. Direkt nach der Fusion des Instituts für Agrarwissenschaften mit dem Departement Umweltwissenschaften untersuchten wir, wer im D’USYS mit wem in der Forschung zusammenarbeitete - unser Institut war dasjenige, welches mit anderen Instituten im Departement am stärksten vernetzt war. Wir behielten zudem unsere Verbindung mit den Lebensmittelwissenschaften. Wie gut wir stets vernetzt waren und sind, erkennt man auch am World Food System Center, das ich als Gründungsleiterin 2011 mit anderen ins Leben rufen durfte. Mittlerweile sind ihm 46 Professuren aus sieben Departementen der ETH Zürich und einige Arbeitsgruppen der Eawag angeschlossen.

Aber gibt es nicht noch immer Stimmen, die der ETH vorwerfen, nur Grundlagen zu erforschen und die landwirtschaftliche Praxis zu vergessen?
Wir sind eine Universität, wir sind keine Fachhochschule und betreiben keine Ressortforschung. Aber unser Angebot ergänzt das der anderen Schweizerischen Institutionen im landwirtschaftlichen Informationsund Innovationssystem. Wir können und sollen ja nicht alles machen. Man kann nicht in den internationalen Rankings ganz vorne dabei sein - was die ETH als Ganzes und die verschiedenen Disziplinen im D’USYS, inklusive der Agrarwissenschaften, regelmässig sind - und gleichzeitig auf sehr spezifische Bedürfnisse der Praxis eingehen wollen. Wir sind in der Schweiz die einzige Forschungsuniversität, die Agrarwissenschaften anbietet. Ja, wir machen Grundlagenforschung, aber mit dem Anspruch, dass die Erkenntnisse daraus anwendbar sind.

Wir arbeiten auf den drei «klassischen» Gebieten Pflanzenwissenschaften, Tierwissenschaften sowie Agrarökonomie und Politik. Gemeinsam bilden diese Fachbereiche die Agrarwissenschaften und sind eingebettet in das Konzept des Ernährungssystems.
Wir möchten in erster Linie Agrarsysteme verstehen und mit diesem Wissen dazu beitragen, nachhaltige Lösungen zu entwickeln, um die globalen Herausforderungen wie zum Beispiel den Klimawandel, die Ressourcenübernutzung oder den Biodiversitätsverlust anzugehen. Dazu nutzen wir zum einen klassische Methoden, zum anderen moderne Ansätze wie aus der Robotik und der Digitalisierung. Wir forschen vor allem auf Systemebene, lokal bis global. Zum Beispiel über Ernährungssysteme: Hier wollen wir herausfinden, wie wir diese nachhaltiger und widerstandsfähiger machen können. Wir müssen lernen, wie wir den Klimawandel und den Biodiversitätsverlust verringern können, aber auch, wie wir damit umgehen, wenn wir sie nicht verhindern können. Wir müssen uns Überlegen, wie wir auch unter diesen Bedingungen die Ernährungssicherheit gewährleisten können. a. neue Pflanzenzüchtungen und passende Saatgutmischungen, aber auch smarte Bewirtschaftungsmethoden für unsere Böden, mit denen weniger Klimagase in die Atmosphäre abgegeben werden.

Der Druck auf die Landwirtschaft steigt, nicht nur aufgrund des Klimawandels. Böden versalzen, die Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt nehmen weltweit ab.
Ja, und deswegen müssen wir an vielen Fronten forschen und etwas tun: nicht nur mit Vorschriften, sondern mit Einsichten. Gerade wenn einmal 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, wird es zwar möglich sein, alle zu ernähren, aber halt anders als bisher. Letztendlich müssen wir die Nachhaltigkeit gesamtheitlich umsetzen, nicht nur die «Ã–kologie-Ecke des Nachhaltigkeitsdreiecks», sondern wir müssen die Ökonomie und die Gesellschaft miteinbeziehen.

Weshalb sollte ein Bauer die Biodiversität in seine Überlegungen einbeziehen?
Aufgrund eigener Forschung in meiner Gruppe und in Zusammenarbeit mit der Agrarökonomie-Gruppe von Robert Finger kann ich sagen: Biodiversität im Grasland und daher auch im Futterbau ist ein Produktionsfaktor. Wir konnten zeigen, dass mit erhöhter Biodiversität die Erträge steigen und vor allem stabiler sind gegenüber Umwelteinflüssen - und dass sich das auch rechnet. Ich gehe davon aus, dass sich mehr Biodiversität auch im Ackerbau und im Agroforst auszahlt. Dann mag bei einer Trockenheit oder bei einem Spätfrost der Ertrag einer Pflanzenart um 20 Prozent zurückgehen, dafür steigt derjenige einer anderen. Es gibt aber keinen Totalausfall wie bei einer Monokultur. Zudem profitiert auch unter Normalbedingungen eine Art von der anderen. Der Einbezug von Biodiversität in agrarökonomische Überlegungen wird mit der Digitalisierung wahrscheinlich noch mehr an Fahrt aufnehmen.

Was sind die neusten Entwicklungen in der Lehre?
In der Lehre haben wir 2016 die Studiengang-Reform abgeschlossen. Von Anfang an war klar, dass die Ausbildung auf Bachelorstufe breit sein soll, also die bereits genannten Standbeine Pflanze, Tier, Ökonomie und Politik umfassen muss. Darauf aufbauend folgt im Master die Spezialisierung. Wir haben im Bachelor wieder ein Praktikum auf einem Schweizer Bauernhof eingebaut. Der Master wurde von 3 auf 4 Semester erweitert, um zusätzlich ein Forschungspraktikum zu integrieren. Geändert hat sich in den letzten 30 Jahren auch, dass wir mehr Wert legen auf quantitative Fähigkeiten, also auf Datenanalyse und Auswertung, sowie das Verschriftlichen und Präsentieren der Ergebnisse und Erkenntnisse. Das zählt ja nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Berufsleben.

Hat sich die Studiengangreform ausbezahlt?
Ja. Was wir so hören, kommt der Studiengang sehr gut an, sowohl bei den Studierenden als auch bei denen, die die Abgängerinnen und Abgänger später anstellen. Fast alle Absolventinnen und Absolventen haben acht Monate nach Studienabschluss eine Anstellung. Das Spektrum ist extrem vielfältig, von NGOs, Industrieund Detailhandelsbetrieben zu landwirtschaftlichen Schulen. Aber auch Banken, Dienstleister und Versicherungen oder die öffentliche Verwaltung stehen auf der Liste. Rund 15 Prozent machen ein Doktorat.
Von den Themen her ist die Digitalisierung in der Landwirtschaft - Stichwort Smart Farming und Agriculture 4.0 - gesetzt. Da werden dann auch Anwendungen der Künstlichen Intelligenz genutzt, zum Beispiel Bilderkennung bei der Unkrautbekämpfung. Themen wie wir Ressourcen - Wasser, Dünger, Boden - umweltschonend bewirtschaften, bleiben uns erhalten. In der Lehre wird der Umgang mit grossen Datenmengen im Fokus stehen.

Sie geben bald die Departementsleitung ab. Was waren für Sie Höhepunkte oder wichtige Erfahrungen?
Ich war nun vier Jahre Vorsteherin und zuvor fünf Jahre Vize-Vorsteherin, insgesamt also neun Jahre in der Departementsleitung. Es war viel Arbeit, es gab aber auch viele schöne Momente. Seit der Fusion der Agrarwissenschaften mit dem D’UWIS haben wir viel erreicht, nicht nur organisatorisch, sondern auch in der Forschung und in der Lehre. Ausgezahlt hat sich in dieser Zeit auf der einen Seite eine offene Kommunikation mit klaren Zielen, auf der anderen Seite Offenheit, Wertschätzung und Interesse an den Personen im Departement und an ihrer Arbeit. Damit kommt man sehr weit, eine Erfahrung, die ich gerne mitnehme.

Was haben Sie sich nun vorgenommen?
Ich verschnaufe erst mal und nehme ein halbjähriges Sabbatical. Ein paar Dinge, die ich delegieren musste, nehme ich wieder zurück. Weiterlaufen wird mein Engagement im Projekt «rETHink». In meiner Forschungsgruppe haben zudem neue Projekte gestartet, und einige Anträge sind noch hängig. Es wird mir also bestimmt nicht langweilig.

1871 wurde an der ETH Zürich die Abteilung Landwirtschaft gegründet. Nun feiert das Institut für Agrarwissenschaften sein 150-jähriges Bestehen mit verschiedenen Events im Jubiläumsjahr.

Auf der Jubiläumswebseite finden Sie eine Zeitschiene mit historischen Fakten und ausgewählten Artikeln aus den vergangenen 150 Jahren.

Peter Rüegg

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