My office is my castle

My office is my castle

Forschende haben untersucht, wie Bürogebäude und -arbeitsplätze gestaltet sein müssen, damit die Mitarbeitenden ihr Leistungsvermögen optimal einsetzen und psychologische und physiologische Einschränkungen minimiert werden können. Sie haben dabei festgestellt, dass heutige Büroformen diesbezüglich meist unbefriedigend sind. Sie empfehlen, neue, flexiblere Lösungen für Büro-Räumlichkeiten zu finden.

Dass Stress krank macht, ist unbestritten. Ebenso wie die Tatsache, dass Stress oft dort entsteht, wo wir einen Grossteil unseres Tages verbringen: am Arbeitsplatz. Allein in der Schweiz fallen durch stressbedingten Arbeitsausfall jährlich Kosten von über vier Milliarden Franken an. Der Grund dafür ist mannigfaltig: hierarchische Strukturen, fehlende Anerkennung der geleisteten Arbeit, mangelnde Aufstiegschancen, Über- oder Unterforderung gehören dazu, ebenso wie Unzufriedenheit mit der Arbeitsumgebung. Letzterem hat sich das Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) der Hochschule Luzern angenommen.

Unternehmen und Mitarbeitende befragt 

Im Projekt "human building office" wurde daher untersucht, wie Arbeitsplätze und Raumangebot beschaffen sein müssen, damit die unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Mitarbeitenden, aber zugleich auch die Anforderungen der Unternehmen berücksichtigt werden können. Dazu wurden 26 Unternehmen unterschiedlicher Grösse studiert. Insgesamt 46 Büro-Gebäude mit verschiedenen Bürotypen – vom Zellenbüro über Grossraumbüros bis hin zum Multispace – wurden dabei unter die Lupe genommen. Die Gebäude wurden vor Ort anhand eines Merkmalkatalogs mit 120 Qualitätskriterien zu den Zieldimensionen Gesundheit, Kommunikation, Flexibilität und Diversität erfasst und bewertet. Ausserdem wurden die Anforderungen der Unternehmen an ein Büro-Gebäude mittels eines Fragebogens erhoben. Insgesamt wurden rund 1400 Mitarbeitende zur Zufriedenheit mit der Büroumgebung und zu ihrer Gesundheit befragt.

Gegensätzliche Bedürfnisse nach Kommunikation und Privatheit

«Im Bereich der Mitarbeitenden-Zufriedenheit hat sich schnell herausgestellt, dass vor allem die beiden Faktoren ‹Privatheit› und ‹Einflussnahme› entscheidend sind. Hier gilt ganz klar: My office ist my castle», erläutert die Projektleiterin Sibylla Amstutz. Unter Privatheit versteht sie das individuelle Bedürfnis nach sozialer Nähe oder nach Distanz. «Die Möglichkeit, sich gegenüber sozialen Interaktionen zu öffnen oder sich vom sozialen Umfeld zurückzuziehen, etwa um ungestört arbeiten zu können, wird als sehr wichtig angesehen.» Umgesetzt ist dies allerdings in den wenigsten Fällen. So haben fast 80% der Befragten kein Raumangebot zur Verfügung, in dem sie optimal arbeiten können, ebenso viele vermissen Entspannungs- und Erholungsräume. Das Stichwort Einflussnahme umfasst die Möglichkeiten, die physikalische Arbeitsumgebung und den funktionalen Komfort, etwa in Bezug auf Licht, Klima und Gestaltung des Arbeitsplatzes zu verändern. Auch das ist nicht überall gegeben. «Gerade in Grossraumbüros gibt es kaum die Chance, Temperatur, Durchlüftung oder Lichtverhältnisse individuell zu gestalten», so Sibylla Amstutz.

Konzentrationsschwierigkeiten im Grosraumbüro

Überhaupt ist das Grossraumbüro wenig beliebt. Diese Büroform hat zwar den Vorteil, dass durch die offene Struktur die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden gefördert wird und dass die Bürofläche vielfältig und flexibel nutzbar ist. Dagegen sind in ihnen Lärm und Ablenkung am grössten. «Mit steigender Anzahl von Personen pro Büroraum steigen auch die von den Befragten am häufigsten genannten Störfaktoren Lärm und Ablenkung, was einen direkten negativen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden hat», erklärt Sibylla Amstutz. So gaben über 70% der Befragten an, oft bis immer durch Geräusche und Gespräche abgelenkt zu sein. Die visuellen Ablenkungen fallen etwas weniger ins Gewicht, rund 40% fühlen sich dadurch gestört. Insgesamt ist das Ergebnis für das Grossraumbüro wenig schmeichelhaft: Fast 40% der Befragten gaben an, dass sie durch diese Büroform oft bis immer Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren.

Ist also das «Kombibüro» die beste Lösung? Diese Büroform besteht aus einer Zellen- oder Gruppenbürostruktur und einer grosszügigen Kommunikations- und Erschliessungszone. Die Mitarbeitenden können Einfluss auf ihr Arbeitsumfeld nehmen und soziale Nähe und Distanz individuell regulieren. «Als Wehrmutstropfen bleibt, dass dieser Bürotypus hinsichtlich Flexibilität und Anpassungsfähigkeit nicht ideal ist und überdies mehr Fläche benötigt», so Peter Schwehr, Leiter des CCTP. Sein Fazit aus dem Projekt "human building office": «Die Ergebnisse zeigen, dass es Büroformen, die allen Ansprüchen gerecht werden, derzeit nicht gibt.»

Entwicklung neuer Büroformen nötig

Die Entwicklung neuer Büroformen ist eine wichtige Aufgabe für die Zukunft. Und das nicht nur, um aus zufriedenen Mitarbeitenden optimale Leistungen herauszuholen. «Die zunehmende Dynamik des Marktes verlangt von den Unternehmen, sich immer wieder sehr schnell an geänderte Bedingungen anzupassen. Allein schon deshalb muss das Büro der Zukunft äusserst flexibel gestaltet sein», betont Peter Schwehr. Die vier am Projekt human building office beteiligten Wirtschaftspartner Losinger Construction AG, MIBAG Property + Facility Management AG, D+H Management AG sowie Denz AG haben die Ergebnisse bereits als Grundlage für Neuplanungen und Optimierungen von Office-Gebäuden genommen.

Kontakt

Sibylla Amstutz, Email: sibylla.amstutz [at] hslu.ch.

C. Wirth, Editor