Wenn der Sinn vergeht

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Wenn der Sinn vergeht

Till Eulenspiegel ist nicht nur der Schalk mit der Narrenkappe. Die anarchische Figur stellt die Selbstverständlich­keit jeder kommunikativen Handlung in Frage. Vor 500 Jahren wurde sie in Norddeutschland geschaffen.

Der Journalist nimmt am weissen Tisch in der Cafeteria der Universität Lausanne Platz, kramt in seiner Mappe nach Papier und Stift und stellt den drei Forschenden die Frage, die er sich im Zug ausgedacht hat: Ob es zu Eulenspiegel überhaupt noch etwas Neues zu sagen gebe? Später wird er sie nicht gerade als dummdreist bezeichnen, aber doch so etwas wie Scham empfinden. Till Eulenspiegel hätte sie wahrscheinlich damit quittiert, dass er mit dem Ausruf «Hier hast du was ganz Neues!» in die Mappe defäkiert hätte.

Heute ist Eulenspiegel bekannt als karnevalesker Bursche mit schellenbesetzter Narrenkappe, der zum Ergötzen von Klein und Gross Streiche spielt, Grimassen schneidet und gute Laune verströmt. Doch dieser Eulenspiegel ist nur eine von vielen Eulenspiegel-Figuren, die in den letzten fünfhundert Jahren geschaffen worden sind. Wahrscheinlich von 1511 stammt die älteste, nur fragmentarisch erhal- tene Fassung des in Norddeutschland entstandenen Textes «Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel», von 1515 der älteste erhaltene vollständige Druck. Der Autor ist unbekannt.

Kratzer am Lack der Lebenswelt

Worum gehts in dem Büchlein? Es erzählt in knapp hundert kurzen, drastischen, lustigen und rätselhaften «Historien» aus dem Leben eines Bauernsohns, der wie ein Besucher aus einer frem- den Welt anmutet. Die herrschenden Sitten und Umgangsformen scheinen ihm unbekannt zu sein. Wenn er in Kontakt mit seinen Mitmenschen kommt, entgleist die Situation in schöner Regelmässigkeit. Was im Alltag gewöhnlich routiniert abgewickelt wird – Arbeit in der Handwerksstube, Brotkauf beim Bäcker, Wäschetrocknen, Kirchgang –, verliert seine Selbstverständlichkeit. Eulenspiegel kratzt am Lack der Lebenswelt, er sprengt den sozialen Kitt der Kon- versation. Oft wissen sich seine Gesprächspartner nur noch mit den Fäusten zu helfen oder verstummen resigniert. Derweil bringt Eulenspiegel seine sub- versive Logik bereits am nächsten Ort in Anschlag. Nicht selten ist ein Haufen Kot die letzte Spur, die er zurücklässt; Abfall und Abgang.

Etwas Neues? Die drei Eulenspiegel-Forschenden, die ihr Projekt noch nicht abgeschlossen haben, blicken sich schweigend an. Dann antwortet Alexan- der Schwarz, Leiter des Teams und Professor für deutsche Linguistik an der Universität Lausanne, freundlich: «Eulenspiegel hält den Leuten einen Spiegel vor. Wenn man so will, ist er eine dialektische Symbolfigur für die menschliche Kommunikation. Wir möchten mit Eulenspiegel einen Beitrag zu einer allgemeinen Kommunikationstheorie formulieren.»

Natürlich gibt es zu Eulenspiegel etwas Neues zu sagen, wie zu jedem klassischen Text: Jede Zeit sucht nach ihren Antworten. Nur: Was heisst schon neu? Was als neu firmiert, ist es oftmals gerade nicht. – Das schlichte Büchlein sei singulär, sagt Alexander Schwarz, offen wie kaum ein seither verfasster Text. Da es kurz vor der Reformation  entstanden ist, enthält es zwar die eine oder andere priesterfeindliche Spitze. Doch antiklerikal oder gar antikirchlich sind die Geschichten nicht. Sie sind weltanschaulich wie ideologisch eigenartig unbestimmt.

«Im Gegensatz zur Bibel, die damals gedruckt wird, und zu Humanisten wie Erasmus von Rotterdam oder Sebastian Brant, dem Autor des ‹Narren- schiffs›, oder zu Luthers katholischem Gegenspieler Thomas Murner antwortet Till Eulenspiegel nicht auf die Frage, wie die Menschen leben sollen. Er antwortet höchstens auf die Frage, wie ein sehr seltsamer Mensch gelebt hat», sagt Alexander Schwarz. «Wenn Eulenspiegel überhaupt eine Botschaft hat, dann die, dass alle Sinnsuche im Unsinn endet, wenn sie nur ehrlich und konsequent genug erfolgt.»

Dass sich die Wissenschaften bis heute kaum mit dem von ihnen gering geschätzten Eulenspiegel beschäftigt haben, ist wohl auch die Schuld Goethes. Der Begründer der deutschen Literaturwissenschaft habe den Inhalt des Buchs ziemlich simpel zusammengefasst, sagt Catalina Schiltknecht, doktorie- rende Germanistin. Laut Goethe beruhten alle Hauptspässe des Buchs darauf, dass die Menschen «figürlich sprächen und Eulenspiegel es eigentlich nehme». Damit habe er Eulenspiegel nur klassifiziert, mehr nicht, sagt Catalina Schiltknecht. Die vielen sprachphilosophischen Fragen, welche die Aussage aufwerfe, habe Goethe links liegen lassen.

Den herrschaftsfreien Diskurs praktizieren

Wenn die Forschenden über Eulenspiegel und dessen Bedeutung für eine Kommunikationstheorie diskutieren, was sie während des Gesprächs mit dem Journalisten immer wieder tun, entsteht der Eindruck einer lebhaften und gleichberechtigten Gruppe, die den «herrschaftsfreien Diskurs» praktiziert. Nicht die Autorität der Mitglieder, sondern das Gewicht der Argumente ist ausschlaggebend. Vielleicht schwebte Eulenspiegel diese Art von Austausch vor? Oder hätte er auch diese Vorstellung seiner radikalen Kritik ausgesetzt?

Die Forschenden formulieren nicht nur eine Kommunikationstheorie, sie untersuchen auch die Entstehung der verschiedenen Eulenspiegel-Figuren, die Übersetzungen des Textes und die verschlungene Rezeptionsgeschichte. Eulenspiegel wird erstmals, ob ihm das nun passt oder nicht, einer Art histo- rischen Inventarisierung unterzogen. Schon im 16. Jahrhundert wurde das Büchlein unter anderem ins Lateinische, Französische, Niederländische, Englische und Polnische übertragen. Obschon die Reformatoren die Publikation bekämpften, erfuhr sie zahlreiche Auflagen. Eulenspiegel war ein erfolg- reiches Buch, das breite Schichten erreicht haben dürfte.

Das 17. und das 18. Jahrhundert zeigten sich zurückhaltender. In vielen Ausgaben wurden die Fäkalszenen gestrichen. «Eulenspiegel war den Auf- klärern, die auf den hehren menschlichen Verstand setzten, nicht edel genug», sagt Florence Brunner, Germanistikstudentin. Im 19. und 20. Jahrhundert mutierte Eulenspiegel wahlweise zum volkstümlichen Naturburschen, bürgerlichen Freiheitshelden, Nationalsozialisten oder zur heute bekannten mehrheitsfähigen Narrenfigur.

Als der Journalist aufsteht und sich von den drei Wissenschaftlern verabschiedet, hat Eulenspiegel sein Werk vollbracht, doch zum Glück subtil. Unver- sehens steht die Ungewissheit im Raum, wie sich die anarchisch-archaische Figur und ihre akademi- sche Erforschung angemessen in einem wissen- schaftsjournalistischen Text wiedergeben lassen. Aber was heisst schon angemessen?

 

Urs Hafner

Dieser Artikel ist im Schweizer Forschungsmagazin "Horizonte" Nr. 90 erschienen, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) herausgegeben wird. Sie können das Magazin gratis abonnieren.

C. Wirth