Anästhetika in der Antarktis

Anästhetika in der Antarktis

Bei Operationen kommen oft Inhalationsanästhetika, so genannte Flurane, zum Einsatz, die als starke Treibhausgase wirken. Wie viel davon weltweit hergestellt wird, ist unklar;Atmosphärenforscher versuchen, die tatsächliche Menge anhand globaler Luftmessungen zu bestimmen, unter anderem in der koreanischen Forschungsstation King Sejong in der Antarktis.

Sie heissen Desfluran, Isofluran und Sevofluran und verheissen einen süssen Schlaf, während Chirurgen einen im OP zusammenflicken. Aber sie haben auch eine dunkle Seite: Sie heizen dem Erdklima ordentlich ein; Desfluran ist als Treibhausgas beispielsweise 2500-mal potenter als CO2. Eine weltweite Inventur wäre also ganz im Sinne des Kyoto-Protokolls. Doch das erweist sich als schwieriger als erwartet, denn die Industrie gibt sich zugeknöpft.

Bislang lagen nur Schätzungen vor, die im Bottom-up-Verfahren ermittelt wurden. Dabei wird der Verbrauch in Krankenhäusern hochgerechnet und daraus eine ungefähre Produktionsmenge abgeleitet. Empa-Forschende um Martin Vollmer haben nun den entgegengesetzten Weg gewählt: top-down. Sie analysierten Luftproben von verschiedenen Stationen des weltweiten Messnetzes AGAGE (Advanced Global Atmospheric Gases Experiment) nach Spuren der Inhalationsanästhetika und berechneten daraus die weltweite Produktionsmenge. Diese entspricht umgerechnet einer Menge von drei Millionen Tonnen CO2. «Das klingt zwar nach viel», so Vollmer, «allein der Schweizer Personenverkehr produziert pro Jahr aber etwa dreimal mehr.» Es handelt sich also um eine vergleichsweise geringe Menge Treibhausgas, die über Operationssäle in unsere Atmosphäre gelangt. Dennoch gilt vor allem Desfluran als besonders klimawirksam und ist mit einer Halbwertszeit von 14 Jahren extrem langlebig, während sich Sevofluran und Isofluran nach «nur» einem bzw. drei Jahren abbauen.

Nach zwei Jahren tauchen die Gase am Südpol auf Messungen in der Antarktis haben zudem gezeigt, dass diese Substanzen bis in die hintersten Regionen unserer Erde gelangen. Für ihre Reise zu den Polen benötigen die Treibhausgase ein bis zwei Jahre. Der Atmosphärenwissenschaftler Vollmer war bereits zweimal auf der koreanischen Forschungsstation King Sejong in der Antarktis, um dort Messungen vorzunehmen und die Luftproben zu analysieren. Da dies für eine dauerhafte Überwachung dann doch zu aufwändig ist, füllen koreanische Kollegen auf der Station regelmässig Luft in Flaschen ab und schicken sie nach Dübendorf. Für ihre Analysen kann Vollmers Team ausserdem auf Proben aus einem Luftarchiv zurückgreifen; seit 1978 zapfen australische Forscher regelmässig Luft aus der Atmosphäre ab und lagern sie für spätere Untersuchungen ein. Doch was ist zu tun, da nun effektive Zahlen vorliegen und sogar bekannt wird, dass diese Substanzen nicht nur in den urbanen Zentren vorkommen – wo sich hauptsächlich verwendet werden –, sondern bis ans Ende der Welt reisen? «Darüber ist sich niemand wirklich einig», meint Vollmer.

Umstrittener Handlungsbedarf

Flurane werden bereits seit den 1980er-Jahren hergestellt, und schon damals gab es Gegner und Befürworter. Zwar handelt es sich um extrem starke Treibhausgase, doch ist die absolute Menge so gering, dass sie insgesamt kaum ins Gewicht fällt.

Demgegenüber stehen etliche Vorteile in Human- und Tiermedizin. Veterinär nutzen die Anästhetika, um rasch und unkompliziert ganze Viehbestände zu betäuben und anschliessend beispielsweise Kastrationen bei Ferkeln vorzunehmen. In der Veterinärmedizin ist dies weitaus günstiger, als ein Tier nach dem anderen durch Injektionen zu narkotisieren. In der Humanmedizin spielen die Kosten eine geringere Rolle, doch ist die Inhalationsanästhesie für die Patienten angenehmer.


Im Hinblick auf die drohende Klimaerwärmung bleibt dennoch die Frage, ob sich nicht atmosphärenschonendere Alternativen entwickeln liessen.