Antidepressiva erhöhen in Medikamentenstudien das Suizidrisiko um mehr als das Doppelte

 (Image: Pixabay © CC0)

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Die Einnahme von Antidepressiva erhöht in klinischen Studien das Suizidrisiko. Dies haben Forschende der ZHAW sowie der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg herausgefunden, welche in einer Meta-Studie diverse Medikamentenstudien ausgewertet haben.

In klinischen Studien begingen Antidepressiva-Patienten rund 2,5 Mal häufiger Suizide beziehungsweise Suizidversuche als solche, die ein wirkungsloses Scheinmedikament (Placebo) bekamen. Dies zeigt eine Meta-Studie der ZHAW sowie der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg, welche im renommierten Psychiatrie-Journal Psychotherapy & Psychosomatics publiziert wurde. Die Forschenden vermuten deshalb, dass unerwünschte Medikamentenwirkungen auch in der Realität zusätzliche Suizidversuche verursachen - und fordern die verstärkte Aufklärung über Risiken von Antidepressiva. Da bisherige Forschungsdaten über den Zusammenhang von Antidepressiva und Suizidraten nicht eindeutig waren, analysierten sie die Daten aller von Pharma-Unternehmen gesponserten Antidepressiva-Studien, die zwischen 1987 und 2013 von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zwecks Marktzulassung für Erwachsene begutachtet wurden.

Gemäss den ausgewerteten Daten traten insgesamt über alle untersuchten Studien hinweg bei 0,8 Prozent der Patienten auf Antidepressiva und bei 0,3 Prozent der Patienten auf Placebo Suizide und Suizidversuche auf. Patienten, die Antidepressiva erhielten, begingen also 2,5 Mal häufiger Suizide beziehungsweise Suizidversuche als diejenigen, die mit einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff behandelt wurden. Diese Unterschiede sind nicht auf andere Faktoren - wie spezifische Depressionssymptome oder Persönlichkeitsmerkmale - zurückführen, da die Patienten jeweils zufällig ihrer jeweiligen Behandlungsgruppe zugewiesen wurden. Denn bei allen untersuchten Studien handelte es sich um sogenannte randomisierte kontrollierte klinische Studien. Das heisst, die Teilnehmenden wurden zufällig entweder einer Behandlung mit Antidepressiva oder einer Behandlung mit Placebo zugewiesen. Bei der Zuteilung wussten weder die Patienten noch die Ärzte, wer das Medikament und wer das Placebo erhielt. Durch dieses sogenannte randomisierte doppelblinde Verfahren können die Unterschiede auf die pharmakologische Wirkung der Medikamente zurückgeführt werden.

Die Forscher schätzen aufgrund ihrer Berechnungen, dass in den klinischen Studien einer von 202 Antidepressiva-Konsumenten aufgrund unerwünschter Medikamentenwirkungen einen Suizidversuch begangen hat, den er ohne medikamentöse Behandlung nicht begangen hätte (dies ist die sogenannte Number Needed to Harm). Zudem vermuten sie, dass die Ergebnisse in der realen Routinepraxis ähnlich ausfallen. «Unsere Analyse zeigt nicht, ob das Risiko in der Allgemeinbevölkerung gleich gross ist wie in den untersuchten klinischen Studien», sagt der ZHAW-Forscher Michael P. Hengartner. «Wir können es aber nicht ausschliessen». Wenn das tatsächliche Risiko in der Allgemeinbevölkerung demjenigen in den klinischen Medikamentenversuchen entspricht, ergibt dies bei den rund 730 000 Antidepressiva-Konsumenten in der Schweiz insgesamt 3614 zusätzliche Suizidversuche verursacht durch unerwünschte Medikamentenwirkungen. Umso wichtiger ist deshalb die Aufklärung der Patienten und Ärzte. «Personen sollten einerseits verstärkt über diese Risiken der Antidepressiva aufgeklärt werden. Anderseits sollten Ärzte Risiken und Nutzen sorgfältig abwägen», so der ZHAW-Forscher.


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