Nächtlicher Fluglärm kann tödlich sein

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Plötzliche Lärmbelastungen durch Flugzeuge belasten die Gesundheit. Unsplash

Plötzliche Lärmbelastungen durch Flugzeuge belasten die Gesundheit. Unsplash

Kurzfristige Störungen durch Fluglärm in der Nacht können innerhalb von Stunden zu tödlichem Herz-Kreislauf-Versagen führen. Dies zeigen Analysen eines Teams aus Forschenden des Schweizerischen Tropenund Public Health-Instituts und der Empa. Wie die Sterblichkeitsraten im Gebiet des Flughafen Zürich mit der akuten nächtlichen Fluglärmbelastung zusammenhängen, haben die Forschenden anhand eines die Jahre 2000 bis 2015 umfassenden Datensatzes untersucht und kürzlich im «European Heart Journal» publiziert.

Studien über Verkehrslärm und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit konzentrierten sich bisher meist auf langfristige Lärmbelastungen. Diese Studien zeigen auf, dass chronische Lärmbelastung ein Risikofaktor für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Insgesamt können in Europa rund 48’000 Fälle von sogenannten ischämischen Herzerkrankungen pro Jahr auf Lärmbelastung zurückgeführt werden, insbesondere auf Strassenlärm.

Erstmals konnte ein Team aus Forschenden der Empa und des Schweizerischen Tropenund Public Health-Instituts (Swiss TPH) nun aufzeigen, dass akuter nächtlicher Fluglärm innerhalb von zwei Stunden ab der Lärmbelastung ein tödliches Herz-Kreislauf-Versagen auslösen kann. Die kürzlich in der Fachzeitschrift «European Heart Journal» veröffentlichte Studie ergab, dass das Risiko eines tödlichen Herz-Kreislauf-Versagens bei einer nächtlichen Lärmbelastung zwischen 40 und 50 Dezibel um 33 Prozent und bei einer Belastung über 55 Dezibel um 44 Prozent steigt.

Die Lärmbelastung wurde auf Basis einer Liste aller Flugbewegungen beim Flughafen Zürich der Jahre 2000 bis 2015 in Verbindung mit bereits vorhandenen Fluglärmbelastungsrechnungen modelliert. Dabei berücksichtigt wurden die unterschiedlichen Flugzeugtypen, die Flugrouten, sowie Tageszeit und Jahr. «Bisher wurden Daten von sogenannten "Noise Footprints" als Grundlage für Langzeitbelastungen verwendet», erklärt Empa-Forscher Beat Schäffer von der der Abteilung «Akustik / Lärmminderung» in Dübendorf. «In dieser neuen Studie wurde erstmals die momentane Lärmbelastung zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort mit den Sterblichkeitsdaten abgeglichen.»

Und tatsächlich konnten die Berechnungen einen Zusammenhang zwischen akuter Lärmbelastung und den Todesfällen aufzeigen. «Wir haben festgestellt, dass zwischen den Jahren 2000 und 2015 bei ungefähr 800 von 25’000 Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Versagen in der Nähe des Flughafens Zürich Fluglärm die Ursache war. Dies entspricht drei Prozent aller beobachteten Herz-Kreislauf-Todesfälle», sagt Martin Röösli vom Swiss TPH.

Gemäss Röösli zeigen die Ergebnisse, dass Fluglärm ähnliche Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit haben kann wie Emotionen wie Wut oder Aufregung. «Die Ergebnisse überraschen nicht, denn wir wissen, dass eine Lärmbelastung in der Nacht Stress verursacht und den Schlaf beeinträchtigt», erklärt er. In Gebieten mit wenig Eisenbahnund Strassenverkehrslärm war die Auswirkung des nächtlichen Fluglärms sogar noch stärker ausgeprägt. Dies galt ebenso für Bewohnerinnen und Bewohner von älteren, schlechter lärmisolierten Häusern.

Für die Studie wurde ein sogenanntes Case-Crossover-Design verwendet, um herauszufinden, ob die Fluglärmbelastung zum Zeitpunkt der Todesfälle im Vergleich zu zufällig gewählten Kontrollzeiträumen ungewöhnlich hoch war. «Dieses Studiendesign ist sehr hilfreich, wenn man akute Auswirkungen der Lärmbelastung mit einer hohen täglichen Variabilität untersuchen möchte, wie im Falle von Fluglärm wegen wechselnden Wetterbedingungen oder Flugverspätungen», meint Apolline Saucy vom Swiss TPH. «Mit diesem zeitlichen Analyseansatz können wir die Wirkung ungewöhnlich hoher oder niedriger Lärmbelastungen auf die Sterblichkeit von anderen Faktoren abgrenzen. Faktoren, die auf den Lebenswandel zurückgehen, etwa Rauchen oder schlechte Ernährung, stellen in diesem Studiendesign keine Verzerrung dar.»

Die Studie erlaubt indes keinen Vergleich der Wirkungen von Fluglärm mit anderen Lärmquellen wie Strassenund Bahnlärm. «Der Zusammenhang zwischen Fluglärm und Sterblichkeitsraten ist deshalb so gut untersuchbar, da für diese Verkehrsart eine aussergewöhnlich detaillierte Datengrundlage verfügbar ist, und weil es je nach Wetterlage grosse Unterschiede in der Lärmexposition von Tag zu Tag gibt - im Gegensatz zu anderen Verkehrsarten. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass die beobachteten Zusammenhänge nicht auch für andere Lärmarten gelten», so Empa-Forscher Schäffer.

Die Studie wurde mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds durchgeführt (Förderungsnummer 324730_173330).