Stadt-Land-Graben in Europa

An der Universität Bern wird in den kommenden drei Jahren zum Stadt-Land-Graben in Europa geforscht: In einem internationalen Forschungsprojekt, an dem sich fünf weitere Universitäten beteiligen, werden die Forschenden die Unterschiede politischer Einstellungen bei der städtischen und der ländlichen Bevölkerung sowie deren Folgen für die politischen Entwicklungen in Demokratien untersuchen.

Die Brexit-Entscheidung, die Präsidentschaftswahlen in den USA und die jüngsten Abstimmungen in der Schweiz - sie alle zeigen auf, wie gross die Unterschiede zwischen den politischen Einstellungen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung nach wie vor sind und wie der Stadt-Land-Graben die politischen Entwicklungen prägt. Hier setzt das Forschungsprojekt RUDE (The Rural-Urban Divide in Europe) an, welches diesen Januar startet: ’RUDE verfolgt das Ziel, den politischen Stadt-Land-Graben im europäischen Kontext näher zu erforschen und herauszufinden, wie sich dieser unter einer fortschreitenden Globalisierung auf politische und soziale Éberzeugungen auswirkt’, erklärt der Hauptverantwortliche für das Projekt an der Universität Bern, Markus Freitag vom Institut für Politikwissenschaft.

Einfluss von Siedlungsgebieten auf politische Einstellungen

’Wir werden untersuchen, wie unterschiedliche Siedlungsgebiete in Europa mit Populismus, der sozialen Identität, Wahrnehmungen von Ungerechtigkeit und Bedrohungen sowie allgemeinen politischen Einstellungen und politischem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger zusammenhängen’, so Freitag. Die Forschenden werden sich im Projekt damit auseinandersetzen, wie sich die Identitäten der städtischen und ländlichen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten verändert haben und was dies für die Demokratie bedeutet. Zudem wird in der Schweiz auch die besondere Rolle der Agglomerationen untersucht. ’Es wird analysiert, auf welcher Seite des Stadt-Land-Grabens sich die Agglomerationen platzieren’, erläutert Freitag.

Nebst der Universität Bern sind an RUDE die Goethe-Universität Frankfurt (D), die Universitat Autònoma de Barcelona (ESP), die Université Grenoble Alpes (F) sowie die University of Glasgow (UK) beteiligt. ’Neben Arbeitstreffen sind auch Workshops an Konferenzen und gemeinsame Publikationen geplant’, erklärt Freitag. Im Rahmen des Projekts sollen deshalb eine vergleichende Studie aller europäischen Länder sowie repräsentative Bevölkerungsumfragen und Experimente in den fünf teilnehmenden Ländern - und etablierten Demokratien - Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Schweiz und Spanien zu den sozialen Identitäten und politischen Einstellungen durchgeführt werden.

Krise europäischer Demokratien

Gefördert wird RUDE durch den europäischen Forschungsfonds NORFACE (New Opportunities for Research Funding Agency Cooperation in Europe) im Rahmen des Horizon 2020 Programms ’Democratic governance in a turbulent age’: Letzteres unterstützt Forschungsprojekte, die die Krise europäischer Demokratien untersuchen. Aus 197 eingereichten Projekten wurden nur 14 ausgewählt - zwei mit Schweizer Beteiligung (Universitäten Bern und Zürich). ’Wir schätzen uns sehr glücklich, den Zuspruch für RUDE erhalten zu haben’, sagt Freitag. RUDE erhält finanzielle Mittel im Umfang von rund 1.5 Millionen Franken.

Das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern hat eine lange Tradition in der Erforschung des Stadt-Land-Grabens: Insbesondere in der Abstimmungsforschung wird dessen Bedeutung immer wieder hervorgehoben. ’RUDE soll die Ursachen der aktuellen Demokratiekrise offenlegen und mögliche Lösungswege zu deren Éberwindung vorschlagen’, so der Politikwissenschaftler Freitag. Zudem können die Befunde aus der Schweizer Forschung auch über die Landesgrenzen hinaus mit den Ergebnissen aus anderen europäischen Ländern verglichen werden.

RUDE (The Rural-Urban Divide in Europe)

Die wachsende Bedeutung populistischer Parteien gepaart mit einer zunehmenden Polarisierung und Aushöhlung traditioneller Weltanschauungen deuten auf eine Krise der europäischen Demokratien hin. Das Forschungsprojekt RUDE untersucht die Frage, inwiefern sich diese Krise geographisch verorten lässt, also ob sich die Krise in europäischen Demokratien in den auseinanderdriftenden Ansichten und Éberzeugungen zwischen städtischen und ländlichen Gebieten konstituiert.

Zunächst soll der Wandel sozialer Identitäten und dessen Folgen für das politische Denken und Handeln evaluiert werden. Es wird dabei angenommen, dass aufkommende Identitätskonflikte immer dann entstehen, wenn sie von der Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und ungerechter Ressourcenverteilung begleitet werden. Weiterhin wird die Annahme vertreten, dass die Globalisierung Teile der Bevölkerung in ihrem sozialen Status bedroht und diese Gefahr ungleich auf die Bürgerinnen und Bürger in der Stadt und auf dem Land verteilt ist. Diese sozioökonomischen Differenzen vertiefen den politischen wie kulturellen Graben zwischen Stadt und Land.

Forschungsprogramm ’Democratic governance in a turbulent age’

Ende 2018 rief der europäische Forschungsfonds NORFACE (New Opportunities for Research Funding Agency Cooperation in Europe) auf, für sein neues Programm ’Democratic governance in a turbulent age’ Forschungsprojekte zur Krise der europäischen Demokratien einzureichen. Zu den ausgewählten Projekten gehört RUDE, an dem das Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern beteiligt ist. Das Fördergeld für die Forschungsprojekte stammt vom EU-Förderprogramm Horizon 2020 für Forschung und Innovation.