Grün, grün, grün sind alle meine Ziegel

Bei begrünten Fassaden denken wir an spektakuläre Gebäude mit wucherndem Grün und hängenden Gärten. Doch Forschende der Hochschule Luzern richten ihr Augenmerk auf ein unscheinbares Gewächs, das viel fürs Klima leisten kann: Moose.

Moose sind alt, uralt: Vor über 400 Millionen Jahren waren sie die ersten Pflanzen, die auf dem Land Fuss fassten. Sibylla Amstutz ist fasziniert von der Fähigkeit der Moose, dort zu wachsen, wo vor ihnen noch nichts anderes wuchs. Ihr Interesse ist jedoch nicht biologischer Natur. Die Innenarchitektin gehört zum Team des Innosuisse-Projekts «GreenBrick». Dieses untersucht, welche Auswirkungen die unscheinbare Urpflanze auf die Umgebung hat, wenn sie an Gebäudefassaden wachsen kann. Dafür arbeiteten Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur und Design, Fassadenund Gebäudetechnik sowie Vegetationssysteme mit verschiedenen Praxispartnern zusammen.

«GreenBrick» geht neue Wege, deshalb mussten in einem Vorprojekt zunächst grundlegende Fragen geklärt werden: Unter welchen Voraussetzungen kann das Grün an Mauern wachsen? Welche Materialzusammensetzung und welche Form müssen die Ziegel haben, um den Moosen die besten Bedingungen zu bieten? Um diese Fragen zu beantworten, haben sich Forschende der Hochschule Luzern und der ZHAW gemeinsam ans Werk gemacht. Die Steiner Lab Foundation unterstützte das Vorprojekt «GreenBrick-Basic».

Moose anstatt Bäume

Begrünte Häuser mit Bäumen bis hinauf ins oberste Stockwerk sind spektakulär, aber auch aufwendig in der Pflege. «Man muss die Pflanzen zunächst einmal extra für diesen Zweck züchten», sagt Sibylla Amstutz. «Im alltäglichen Unterhalt brauchen sie dann viel Wasser, das all die Stockwerke hinaufgepumpt werden muss.» Moose seien hier unkomplizierter. Sie benötigen für das Gedeihen nur wenig Substrat, können Wasser speichern und auch lange ohne zusätzliche Bewässerung Überleben. In einer Trockenphase verwandelt sich das satte Moosgrün zwar in blasses Herbstbraun, doch lebt die Pflanze mit dem nächsten Regenguss wieder auf.

Ein Zuhause aus Ziegelton und Klinker

Ganz ohne Aufwand wachsen allerdings auch Moose nicht. Deshalb haben die Forschenden untersucht, wie sie auf Ziegelton und Klinker die besten Bedingungen für die Pflanze schaffen können. Zum einen wurden herkömmliche Backsteine und Sichtklinkersteine unterschiedlich aufgeschnitten und so hingestellt, dass aussen keine glatte Fläche zu sehen ist, sondern Absätze, auf denen sich das Moos ansiedeln kann.

Im Rahmen eines Unterrichtmoduls haben Studierende des Bachelor Objektdesign der Hochschule Luzern an neuen Ziegelformen experimentiert. Einige der Eigenkreationen erinnern an Bienenwaben, andere ähneln versteinerten Urschnecken. Besonders geborgen scheinen sich die Pflänzchen in den kleinen aus Ton geformten Täschchen zu fühlen, die ein Team von Studierenden auf Ziegeln angebracht hat.

Ziegel ist nicht gleich Ziegel

Um die perfekte Fassade zu finden, untersuchte das Team nicht nur verschiedene Formen. Die Forschenden beschäftigten sich auch intensiv mit dem Material und seiner Zusammensetzung. «Die Materialzusammensetzung kann einen wesentlichen Beitrag leisten, um Wasser zu speichern und dieses den Moosen über längere Zeiträume zur Verfügung zu stellen», erklärt Materialdesign-Forscherin Cornelia Gassler. «So kann die externe Bewässerung minimiert werden.»

Sehr aufnahmeund leitfähig zeigte sich in dieser Hinsicht der Füllstoff Schamotte, ein Recycling-Produkt aus den bereits gebrannten, allenfalls fehlerhaften Backsteinen. Erhöht man dessen grobgemahlenen Anteil, steigt beispielsweise die Kapillarkraft markant. Das steigert die Fähigkeit des Ziegels, Wasser schnell aufzunehmen und über die Masse zu verteilen.

Ein halbes Jahr nach dem Start des Pilotversuchs zeigte sich zweierlei: Damit das Moos wachsen kann, braucht es genügend Flächen. Zu kleinteilige Formen bieten dem Moos zu wenig Halt und kaum Schutz vor Wind und Wetter. Und: Die Moose haben sich insbesondere gut auf Ton entfaltet, der mit einem Lehmsubstrat Überzogen wurde.

Im soeben gestarteten Innosuisse-Hauptprojekt werden vor allem die technischen und architektonischen Fragen geklärt; hier steht die gesamte begrünte Fassade und ihre Klima-Wirkung im Zentrum. Dafür braucht es die verschiedensten Fachleute, denn die Fassade ist nicht einfach die äusserste Schicht eines Baus. Sie wirkt sich einerseits auf das Innenleben eines Gebäudes aus, andererseits kann sie auch das Klima im nahen Umfeld beeinflussen.

Um Tests dafür auszuführen, braucht es grössere Ziegelflächen als für die Materialtests im Vorprojekt. Genau genommen: Nötig sind vier nach allen Himmelsrichtungen ausgerichtete Flächen, damit sich zeigt, wie sich das Moos zum Beispiel auf der sonnigen Südseite verhält. Braucht es Überall zusätzliche Bewässerung oder nur an exponierten Stellen? Und welche Art der Feuchtigkeitszufuhr ist besonders effizient? Sibylla Amstutz vermutet, dass ein Tropfensystem die Pflänzchen am ökologischsten bewässern kann. Geprüft wird zum Beispiel auch, ob es zwischen Fassade und Mauer einen durchlüfteten Abstand braucht, damit mit der Kühlung nicht auch Feuchtigkeit entsteht.

Sibylla Amstutz möchte aber auch weitere Varianten testen: «Vielleicht kann man auch eine durchbrochene Fassade mit einem Fenster machen, durch das im Sommer Moos-gekühlte Luft in die Wohnung dringen kann.» Und auch über die Hausfassade hinaus denkt sie: «Moos-Wände könnten zum Beispiel auch Schallschutzwände von Autobahnen begrünen.» Es gibt also unzählige neue Einsatzmöglichkeiten für diese alte Pflanze.

Autorinnen: Senta van de Weetering, Emma Schürmann