Erhöhtes Risiko von Herzrhythmusstörungen bei Bergsteigern am Mount Everest

 (Image: Pixabay CC0)
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Die Abnahme des Luftdruckes in grosser Höhe führt zu Anpassungsreaktionen des menschlichen Körpers. Diese können das Auftreten von Herzrhythmusstörungen begünstigen. Eine aktuelle Studie unter der Leitung des Inselspitals, Universitätsspital Bern, und der Universität Bern in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Nepal, zeigt nun, dass bei jedem dritten Bergsteiger während des Aufstiegs auf den Mount Everest Herzrhythmusstörungen auftreten.

Das menschliche Herz schlägt in einem gleichmässigen Rhythmus, der durch elektrische Signale gesteuert wird. Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Takt, beginnt das Herz zu stolpern oder zu rasen - es entstehen Herzrhythmusstörungen, auch kardiale Arrhythmien genannt. Herzrhythmusstörungen können durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, darunter Krankheiten, Stress, genetische Veranlagungen oder der Konsum von Stimulanzien wie Koffein und Alkohol.

Reaktion des menschlichen Körpers auf grosse Höhen

Der abnehmende Luftdruck in der Höhe führt zu einem verminderten Sauerstoffangebot. Beim Aufenthalt in grosser Höhe versucht der menschliche Körper über verschiedene Anpassungsmechanismen, die geringe Sauerstoffkonzentration in der Umgebungsluft auszugleichen. Kleinere wissenschaftliche Studien in moderater Höhe weisen darauf hin, dass diese Reaktionen des menschlichen Körpers das Auftreten von Herzrhythmusstörungen in grosser Höhe ebenfalls begünstigen könnten.

Herzrhythmus unter Extrembedingungen: Studie am Mount Everest

In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben nun Forschende der Universitätsklinik für Kardiologie des Inselspitals Bern gemeinsam mit Forschenden aus Kathmandu, Nepal, die Auswirkungen von grosser Höhe auf das Auftreten von Herzrhythmusstörungen bei gesunden Probanden während des Aufstieges zum Gipfel des Mount Everest untersucht. Dazu wurden 41 Studienteilnehmer zu Beginn der Studie mittels Elektrokardiogramm (EKG), Herzultraschalluntersuchung und Belastungstest auf zugrundeliegende Herzkrankheiten untersucht. Zusätzlich wurde der Herzrhythmus sowohl vor der Expedition in der Heimumgebung als auch während der Expedition mit einem tragbaren Gerät kontinuierlich aufgezeichnet.

Herzrhythmusstörungen bei mehr als einem Drittel der Bergsteiger

Von den 41 Studienteilnehmern erreichten 34 das Everest Basislager, 32 erreichten den Südsattel auf 7900 Metern Höhe und 14 erreichten den Gipfel des Mount Everest auf 8848 Metern. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass bei mehr als einem Drittel der gesunden Studienteilnehmer während des Aufstieges vom Basislager (5300 Meter) zum Gipfel Herzrhythmusstörungen auftraten, die in der Heimumgebung unter 1500 Meter Meereshöhe nicht dokumentiert wurden. Dabei handelte es sich grossmehrheitlich um langsame Rhythmusstörungen und Aussetzer von mehreren aufeinanderfolgenden Schlägen (Bradyarrhythmien). Allerdings wurden auch schnelle Rhythmusstörungen (Kammertachykardien) beobachtet. Keine der in der Studie aufgezeichneten Herzrhythmusstörungen führte zu schwerwiegenden klinischen Ereignissen. Der Anteil an Personen mit Herzrhythmusstörungen blieb über die unterschiedlichen Höhenlagen hinweg stabil. Interessanterweise traten die meisten der Herzrhythmusstörungen unter 7300 Metern auf, wo die Mehrheit der Bergsteiger keinen zusätzlichen Flaschensauerstoff nutzte.

’Die beobachteten Rhythmusstörungen sind auf verschiedene Mechanismen zurückzuführen. Charakteristische Atemmuster während des Schlafes und Störungen des Salzhaushaltes im Körper nehmen dabei eine wichtige Rolle ein’, erklärt Thomas Pilgrim, stellvertretender Chefarzt an der Universitätsklinik für Kardiologie und Leiter des Forschungsprojektes und ergänzt: ’Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen harmlosen und bedrohlichen Herzrhythmusstörungen. Zukünftige Studien müssen die möglichen Auswirkungen der beobachteten Rhythmusstörungen genauer untersuchen, um ein besseres Verständnis darüber zu gewinnen, ob Herzrhythmusstörungen ein zusätzliches, bisher unterschätztes Risiko beim Höhenbergsteigen darstellen.’