30 Jahre «Wende»: Der unbequeme Osten

Ungarisch-österreichische Grenze 1989. ©FORTEPAN / Zsolt Szigetváry

Ungarisch-österreichische Grenze 1989. ©FORTEPAN / Zsolt Szigetváry

Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Die liberale Demokratie setzte sich im ehemaligen ‘Ostblock’ jedoch nicht überall durch. Um Geschichte, Politik, Sprachen und Kulturen Osteuropas besser zu verstehen, gründeten die Universitäten Bern und Fribourg 2009 den Studiengang ‘Osteuropa-Studien’. Am Jubiläumsanlass vom 17. Oktober ziehen die beiden Universitäten Bilanz und diskutieren das Verhältnis zwischen Osteuropa und der Schweiz seit 1989.

1989 zeigte der Eiserne Vorhang erste Risse: Zwischen Ungarn und Österreich öffnete sich die Grenze, ein paar Monate später fiel die Berliner Mauer. Politikwissenschaftler wie Francis Fukuyama sahen die Leitprinzipien des Liberalismus - Demokratie und Marktwirtschaft - auf dem Vormarsch. 30 Jahre später zeigt sich ein komplexeres Bild: Das Nebeneinander von EU-Integration, dem Aufstieg illiberaler Demokratien, wachsender Wirtschaftsbeziehungen, aber auch Korruption und bewaffneter Konflikte erscheint vielen Beobachtenden widersprüchlich und unerklärbar. ’Der Osten ist unbequem geblieben und fordert Europa bis heute heraus, nicht zuletzt auch durch seine grosse Heterogenität’, erklärt Geschichtsprofessorin Julia Richers, Studienleiterin der Osteuropa-Studien an der Universität Bern.

Kompetenzzentrum für Osteuropa

Nach der Wende wurden verschiedene Osteuropa-Professuren, die sich während des Kalten Kriegs mit dem ’Feind’ beschäftigt hatten, als überflüssig erachtet und abgebaut. ’Die wissenschaftliche Vernachlässigung Osteuropas zeigt uns nun, dass der Westen Europas noch immer sehr wenig über Osteuropa weiss’, so Richers. Umso wichtiger war deshalb vor zehn Jahren die Gründung des interdisziplinären Studienprogramms ’Osteuropa-Studien’ durch die Universitäten Bern und Fribourg.

’Die Osteuropa-Studien vermitteln fundierte Kenntnisse zu Geschichte, Politik, Sprachen und Kulturen Osteuropas’, sagt Richers. Einem anhaltenden Bedarf an Osteuropa-Expertinnen und -Experten in Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Medien und Wissenschaft wird damit Rechnung getragen. Die Osteuropa-Studien haben sich innerhalb eines Jahrzehnts erfolgreich als Kompetenzzentrum für das östliche Europa etabliert und stellen heute den grössten Osteuropa-Studiengang der Schweiz dar.

2019 feiern die Universitäten Bern und Fribourg das zehnjährige Jubiläum des Studiengangs mit einem öffentlichen Anlass und einer wissenschaftlichen Tagung.

Öffentlicher Anlass: ’Osteuropa, Europa und die Schweiz’

Osteuropa bewegt - und sorgt 30 Jahre nach der ’Wende’ fast täglich für Schlagzeilen. An der Jubiläumsfeier in Bern ziehen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Medien sowie Studierende und Alumni der Osteuropa-Studien eine erste Bilanz zu 30 Jahre ’Wende’. Der ehemalige Staatspräsident Polens, Aleksander Kwa?niewski, wird über seine politischen Erfahrungen nach der ’Wende’ berichten und die Entwicklungen in Ostmitteleuropa der vergangenen Jahre kommentieren. Die enge, vielen aber unbekannte Wechselbeziehung zwischen der Schweiz und Osteuropa wird anschliessend auf dem Podium diskutiert.

Öffentliche Jubiläumsfeier an der Universität Bern:

Christian Leumann (Rektor, Universität Bern), Elena Mango (Dekanin, Philosophisch-historische Fakultät, Universität Bern), Bernadette Charlier (Dekanin, Philosophische Fakultät, Universität Fribourg) und Studienleiterin Julia Richers (Universität Bern)

’From the Round Table to the European Union. 30 Years of Transformation in Poland and Central and Eastern Europe’

Christof Franzen (SRF), Christine Honegger (EDA), Philipp Egger (GRS), Stefan Kube (G2W) und Christophe von Werdt (Moderation)

Wissenschaftliche Tagung: ’The Meaning of ‹1989› Thirty Years Later’

In Fribourg befassen sich Osteuropa-Expertinnen und -Experten mit dem ’Wendejahr’ 1989 und diskutieren seine Folgen im Hinblick auf Demokratieentwicklung, Migration und Erinnerungskulturen: Wie haben sich die jungen Demokratien im östlichen Europa seit 1989 entwickelt? Wie wird die ’Wende’ dreissig Jahre danach erinnert? Welche Migrationsbewegungen lassen sich nach der Öffnung der Grenzen und seit der EU-Osterweiterung festmachen? Die Expertinnen und Experten aus Ostmittel-, Südostund Osteuropa ermöglichen fundierte Analysen sowie anregende Debatten über die Veränderungsprozesse in Europa seit 1989.

Wissenschaftliche Tagung an der Universität Fribourg:

Regina Fritz (Universität Bern/Wien), Ekaterina Makhotina (Universität Bonn), Oksana Myshlovska (Universität Bern)

András Bozóki (Central European University), Paulina Codogni (Polish Academy of Sciences), Darina Malová (Comenius University)

Joanna Kosmalska (University of -ód?), Attila Melegh (Corvinus University Budapest), Marta Stojiä? Mitroviä? (Serbian Academy of Sciences and Arts)

Studienprogramm Osteuropa-Studien Bern-Fribourg

Die Universitäten Bern und Fribourg verfügen über vielfältige Osteuropa-Kompetenzen, die im interuniversitären und interdisziplinären Studienprogramm Osteuropa-Studien zu einem einmaligen Angebot zusammengeführt wurden. Es ist einzigartig im gesamten deutschsprachigen Raum, da es geistesund sozialwissenschaftliche Disziplinen kombiniert und Expertinnen und Experten ausbildet, die Kompetenzen aus der Geschichts-, Politikund Kulturwissenschaft sowie aus der Sozialanthropologie mitbringen. Die Studierenden haben die Möglichkeit, ihre Lehrveranstaltungen in Bern und Fribourg zu belegen. Zentraler Bestandteil des Studiums ist das Erlernen mindestens einer osteuropäischen Sprache (Russisch, Polnisch, Bosnisch/Kroatisch/Montenegrinisch/Serbisch, Bulgarisch sowie weitere Sprachen).

Den inhaltlichen Schwerpunkt der Osteuropa-Studien bilden Entwicklungen der Gegenwart und der jüngeren Geschichte des europäischen Ostens. Gegenstand des Studiums ist geographisch der Raum, der sich zwischen Deutschland, Österreich und Italien im Westen und dem Pazifik im Osten erstreckt. Dazu gehören die neuen Mitgliedstaaten der EU in Ostmitteleuropa und dem Baltikum, die Länder Südosteuropas (Balkanhalbinsel), Osteuropa im engeren Sinne (Russland, Ukraine, Belarus) sowie Zentralasien und Kaukasien. Ziel ist es, den Studierenden fundiertes Wissen über Osteuropa zu vermitteln. Sie erwerben methodische und inhaltliche Kompetenzen, um aus verschiedenen fachlichen Perspektiven Fragestellungen zur Gegenwart und Zeitgeschichte der Länder und Gesellschaften Osteuropas zu analysieren und mündlich sowie schriftlich differenziert zu vermitteln.