50 Jahre später: Viel erreicht, viel zu tun

Vor 50 Jahren führte die Schweiz als eines der letzten europäischen Länder das Frauenstimmrecht ein. Grafikdesign-Studierende und eine Dozentin für Gleichstellungspolitik betrachten das Jubiläum jeweils aus ganz eigenen Blickwinkeln.

Das Historische Museum Luzern widmet dem Jubiläum des Frauenstimmrechts einen Ausstellungszyklus - historische und aktuelle Plakate inklusive. Copyright: Historisches Museum Luzern

Wer ab dem 3. Februar in der Luzerner Innenstadt unterwegs ist, dem dürften spezielle Plakate ins Auge stechen: Hier kriecht eine riesige Schnecke auf die Zahl 1971 zu, da bricht der Schriftzug «Nein zu veralteten Normen» einen Teppichklopfer entzwei, dort kauert eine Frau auf dem Boden. «Jahrzehntelang gekämpft» steht auf ihrem Unterarm geschrieben - nun ist sie müde. Es handelt sich um die Plakate der Ausstellung «50 Jahre später». Studentinnen und Studenten des Bachelor Graphic Design der Hochschule Luzern kommentieren hierfür den 50. Jahrestag des Schweizer Frauenstimmrechts.

Gesine Fuchs, Expertin für Gleichstellungsund Sozialpolitik an der Hochschule Luzern, setzt die Plakate der Studierenden in den Kontext der letzten 50 Jahre und erläutert, was sie über den gesellschaftlichen Wandel verraten.

Gesine Fuchs, wenn Sie die beiden «Plakat-Generationen» vergleichen, die von heute und jene, die damals für den Abstimmungskampf gestaltet wurden: Was fällt auf?

Die heutigen Plakate sind klarer, frecher und fordernder als jene von 1971. Den Studentinnen und Studenten ist bewusst, dass Gleichberechtigung immer noch nicht in allen Lebensbereichen erreicht wurde. Schön finde ich, wie sie gleichzeitig aktuelle Themen ansprechen, etwa die Untervertretung von Frauen in der Politik, und sich in der Gestaltung dennoch oft auf historische Motive beziehen (siehe auch die Infobox zur Plakatausstellung).

Ursprünglich sollten die 18 Plakate der Grafikdesign-Studierenden ab Ende Januar im Historischen Museum Luzern als Teil des Ausstellungszyklus «50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern» gezeigt werden. Weil das Museum aktuell geschlossen ist, werden mehrere Kopien der Plakate im sogenannten Weltformat ab 3. Februar 2021 im öffentlichen Raum Luzerns zu sehen sein.
Die angehenden Designerinnen und Designer sehen ihre Entwürfe als «Hommage an die Frauen, die 1971 das Stimmrecht erkämpften», wie es ein Student beschreibt. Es beziehen sich aber nur wenige Entwürfe direkt auf die Abstimmungsplakate von damals. «Die Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren enorm verändert. Unsere Studentinnen und Studenten beschäftigen heute andere Gleichstellungsthemen, etwa die Sichtbarkeit von Frauen in Beruf und Politik», erläutert Monika Gold, Leiterin des Bachelor Graphic Design.
Gestalterisch stark, aber krude Botschaften
Auch gestalterisch stehe man heute an einem anderen Punkt, so Gold. Die Studierenden griffen für ihre Entwürfe vor allem auf Typografie und Fotografie zurück. Bei den alten Plakaten dominiert hingegen ein illustrativer Stil. Gold: «Gestalterisch sind manche von ihnen trotzdem immer noch stark».
Dass die Gegner des Frauenstimmrechts damals mit kruden Botschaften arbeiteten, findet die Dozentin jedoch «unerträglich». Auf einem Plakat verwandeln sich Frauen in zombiehafte Wesen, auf einem anderen krabbelt eine Fliege auf einem Nuggi herum. Aber auch einige Ja-Plakate wirkten mit ihrer herablassenden Art antiquiert. Zum Beispiel ein Entwurf von 1971, der die Männer dazu auffordert, für «ihre Frauen ein herzliches Ja» in die Urne zu legen. «Als ginge es darum, den Frauen gegenüber grosszügig zu sein, statt ihnen endlich ein elementares Recht zuzugestehen», so Gold.
Die Plakate der Ausstellung «50 Jahre später» sind vom 3. bis zum 17. Februar 2021 in der Luzerner Innenstadt zu sehen. Zudem werden sie voraussichtlich vom 12. bis 26. Mai im Historischen Museum Luzern im Rahmen des Ausstellungszyklus «50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern» ausgestellt.

Was wäre ein Beispiel für die Wiederaufnahme dieser historischen Motive?

Auf einem der Plakate ist eine riesige Nacktschnecke zu sehen. Tatsächlich führten 1928 die Teilnehmerinnen einer Demonstration für Frauenrechte anlässlich der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit in Bern eine solche Schnecke aus Pappmaché mit sich als Symbol für den quälend langsamen Fortschritt bei der Gleichberechtigung.

Wo besteht immer noch Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung?

Ganz klar in der Bildung und im Job. Frauen über 34 haben immer noch öfter als Männer nur einen obligatorischen Schulabschluss und können somit ihr berufliches Potenzial nicht voll ausschöpfen. Erst bei der jüngeren Generation hat sich das Verhältnis gedreht: Hier studieren Frauen öfter als Männer.

Dann löst sich das Problem wohl von allein...’

Nicht unbedingt. Bildung und Beruf sind immer noch nach Geschlechtern getrennt. Frauen lernen und studieren mehrheitlich soziale Berufe, Männer technische. Das hat viel mit Stereotypen und Erwartungen zu tun, die sich aber auch wandeln können: Das Fach Informatik etwa war in seinen Anfängen weiblich konnotiert, jetzt ganz klar männlich. Wenn es uns gelingt, uns von solchen Stereotypen freizumachen, dann schlagen junge Männer und Frauen eher eine berufliche Laufbahn ein, die ihnen liegt, statt eine, welche die Gesellschaft von ihrem Geschlecht erwartet.

Also haben auch Männer Interesse an Gleichberechtigung.

Genau. Gleichstellung der Geschlechter bedeutet: Alle erhalten mehr Chancen, sich gemäss ihren Fähigkeiten und Interessen zu verwirklichen. Für Männer bedeutet das konkret, dass sie nicht mehr in die Rolle des Haupternährers der Familie gedrängt würden. Sie könnten auch genauso selbstverständlich als Erzieher an einer Kita arbeiten wie Frauen - und natürlich ebenso lange Elternzeit beziehen.

Immerhin hat das Schweizer Stimmvolk kürzlich zwei Wochen Vaterschaftsurlaub deutlich angenommen. Wo hat die Gleichstellung seit 1971 die grössten Fortschritte gemacht?

Frauen haben formal heute die gleichen Rechte wie Männer. Sie haben das Sorgerecht für aussereheliche Kinder, sie dürfen ihr Geld selbst verwalten. Es klingt absurd, aber bis 1976 brauchten verheiratete Frauen die Erlaubnis ihres Ehemannes, um einem Beruf nachzugehen oder ein eigenes Bankkonto zu eröffnen! Dann gibt es den Mutterschaftsurlaub, das Recht auf Abtreibung... Kurz: Wir sind einen langen Weg gegangen.

Immer wieder ist in den Medien von einer Rückkehr traditioneller Rollenmuster zu lesen, beispielsweise sei das Heiraten wieder wichtiger geworden. Was ist an dieser Behauptung dran?

Das mit dem Heiraten stimmt nicht. 1971 heirateten rund sieben von 1000 Personen, heute weniger als fünf. Und es wird später geheiratet. Was leider nach wie vor der Fall ist: Nach der Heirat sinkt die Erwerbsquote der Frauen nachweislich. Unsere Gesellschaft findet heute zwar, Frauen sollen arbeiten - aber diese Arbeit sollen sie bitte schön um die Kinderbetreuung herum organisieren. Was für sie natürlich oft mit einem Karriereknick einhergeht. Da erweisen sich die alten Rollenmuster als erstaunlich resistent.

Wie können sich junge Menschen heute für Gleichstellungsfragen engagieren? Was raten Sie konkret, zum Beispiel im Alltag?

Zum Einen ist ein politisches Engagement, ob in Verein, Initiative oder Partei ein guter Weg, langfristig Dinge zu ändern. Zum Anderen sollten wir alle, auch junge Leute, den Mund aufmachen und uns nicht einschüchtern lassen, wenn Frauen im Alltag beleidigt oder sexistische Stereotypen verbreitet werden. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, und konsequent zu sein fällt schwer. Aber das ist aus meiner Sicht der wirkungsvollste Weg, um Veränderungen herbeizuführen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wenn Sie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen weiterdenken, wo stehen wir in Sachen Gleichstellung in 20 Jahren?

Ich hoffe, wir leben dann in einer Gesellschaft, in der die notwendige Arbeit, die sogenannte Care-Arbeit gleich zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Ich hoffe, dass Berufsgruppen wie Kita-Angestellte oder Altenpflegerinnen dann endlich fair behandelt und bezahlt werden. Das wird nicht von heute auf morgen und auch nicht von selbst geschehen. Aber der Erfolg von 1971 nach über 100 Jahren Aktivismus zeigt: Auch wenn man mal eine politische Auseinandersetzung verliert, lohnt sich ein langer Atem.

Autor: Martin Zimmermann
Bilder: zvg Historisches Museum/Thi My Lien Nguyen/HSLU