Ausbildung mit Realitäts-Check

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Ein Coach und acht Lernende bilden zusammen Young’n’Rising. ( Martin

Ein Coach und acht Lernende bilden zusammen Young’n’Rising. ( Martin Schneider / ETH Zürich)

Seit knapp einem Jahr führt ein Team aus Lernenden Aufträge für ETH-Angehörige aus. Ein erstes Fazit zeigt, dass die realitätsnahe Ausbildung funktioniert: Im Pilotprojekt erwerben die angehenden Informatiker, Interactive Media Designerinnen und die Kauffrau wichtige Kompetenzen fürs Berufsleben.

«Young-n-Rising - jung und aufstrebend» nennen die acht Lernenden ihr neugegründetes, interdisziplinäres Team. Als Teil der Ausbildung wickeln sie, begleitet von einem Coach seit August 2019 selbständig Aufträge im Bereich Informatik, Design und Kommunikation von internen und ETH-nahen Kunden ab und entwickelten dafür ihren eigenen Markenauftritt. Ziel der Ausbildungseinheit sind das Erlernen von eigenverantwortlichem Arbeiten sowie der Umgang mit Zeitdruck, Erwartungshaltung und einschränkenden Rahmenbedingungen. Dadurch erfahren sie schon während der Ausbildung, wie die reale Arbeitswelt funktioniert und wie schnell sich die Arbeitsbedingungen in einem laufenden Projekt verändern können. So erlebten sie gleich bei ihrem bisher grössten Auftrag, wie nahe Erfolg und Frust sein können.

Für den Cybathlon 2020 programmierten die beiden Informatiker Jonas Wiesendanger und Yanick Moser eine Weltkarte, die die Herkunft der Teams aus aller Welt anzeigt und über den Touchscreen weitere Informationen preisgibt. Die Oberfläche designten zwei Lernende des Berufs Interactive Media Design. Yanick Moser wurde der Gruppe als Projektleiter zugeteilt. «Wir hatten alle Respekt vor diesem grossen Kunden, deshalb mussten wir die Aufgabe auslosen», erzählt er. Als interdisziplinäres Team mussten sich die Lernenden absprechen, den Informationsfluss gewährleisten und gemeinsam die Deadlines einhalten. Dafür konnten sie vom Wissen der anderen profitieren. «Das Design wäre nie so schön geworden, wenn wir das alleine gemacht hätten», sagt Yanick Moser. Und auch Coach Martin Schneider hat lobende Worte für die Gruppe: «Sie haben eine gute Gruppendynamik und lösen viele Probleme unter sich.»

Fachübergreifend ausprobieren

Für den Auftrag eigneten sich die beiden angehenden Systemtechniker zudem das Applikationsentwickeln an, Fachwissen das eigentlich zur anderen Vertiefungsrichtung der Informatiklehre gehört. Denn bei Young-n-Rising dürfen die Lernenden auch fachübergreifend etwas Neues ausprobieren.

Eine neue Erfahrung für die Jugendlichen war auch die Aushandlung ihres Auftrags mit den Kunden. So erhielten sie die Möglichkeit, verschiedenste Aufgaben der Projektarbeit zu übernehmen, mussten dabei aber den Aufwand abschätzen und die Deadline im Auge behalten. Als Lernende waren sich die beiden nicht gewohnt, auch einmal «Nein» zu sagen. Ihr Fazit lautet deshalb: die Rahmenbedingungen von Anfang an klar abstecken, um zukünftig Stress am Ende zu vermeiden.

Sechs Monate arbeitete das Team an dem Projekt. Die Karte hätte bei der Austragung diesen Mai zum Einsatz kommen sollen. Doch die Grossveranstaltung musste wegen dem Corona-Ausbruch verschoben und das Projekt ohne Realitäts-Check abgegeben werden. «Wir hätten gerne das Feedback der Besucher gesehen», bedauert Jonas Wiesendanger und fügt an: «Mich hätte interessiert, ob wir zu viel gemacht haben - oder zu wenig.»

Berufsbildung überarbeitet Informatik-Lehre

Young’n’Rising ist Teil einer Modernisierung der vierjährigen Informatik-Lehre und wurde in einem fachübergreifenden Prozess in Zusammenarbeit und Begleitung der Informatikdienste, Services und HR Berufsbildung aufgebaut. Ebenfalls in die Weiterentwicklung der Ausbildung involviert waren die IT-Support Gruppen der Departemente sowie zentrale Abteilungen der ETH Zürich. Während der ersten beiden Lehrjahre erwerben die Jugendlichen im IT-Lehrlabor das Grundwissen der Informatik. Auch hier setzen die Berufsbildner auf interdisziplinäres Lernen: Sowohl Systemtechniker als auch Applikationsentwickler lernen in den ersten beiden Jahren gemeinsam. Neu bewerben sie sich nach der Grundausbildung auf Plätze in verschiedenen Einheiten der ganzen ETH.

Der Verantwortliche der IT-Berufsbildung, Marc Winkler erklärt: «Im Gespräch mit anderen Ausbildenden und ehemaligen Lernenden zeichnete sich ab, dass ein Bedürfnis nach mehr projektorientiertem und berufsübergreifendem Arbeiten besteht.» Noch ist Young-n-Rising in der Pilotphase. Zukünftig sollen aber alle Lernenden im dritten Lehrjahr der Berufe Informatik, IMD und Mediamatik die Möglichkeit erhalten, ein halbes Jahr bei Young-n-Rising zu absolvieren.

Eine angehende Kauffrau ergänzt das Team über eineinhalb Jahre hinweg und bildet so das Bindeglied zwischen der wechselnden Besetzung, denn bald zieht die erste YnR-Generation weiter. Für Jonas Wiesendanger und Yanick Moser ist klar: Wenn sie können, möchten sie gerne noch etwas im jungen, aufstrebenden Team bleiben. So können sie der ETH in Form von Aufträgen etwas für ihre Ausbildung zurückgeben.

Auch während dem Notbetrieb haben die Lernenden ihre Projekte vorangetrieben. So entstand die Plattform «Lern mit mir», auf welcher Lernende der ETH Zürich Nachhilfe geben. Zudem bauen sie die Marke Young-n-Rising weiter auf: Bald soll auch ein Image-Film der beiden Interactive Media Designerinnen die Dienstleistungen des jungen Teams bekannter machen. Mit zwei Mediamatik-Lernenden werden sie in Zukunft weitere Verstärkung erhalten. Éber die Website von Young-n-Rising dürfen Professuren und Abteilungen der ETH Zürich ihre Projekte einreichen. young-n-rising.ethz.­ch/

Rebecca Lehmann