Ausbrechen aus den Geschlechtergräben dringend nötig

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Die Gender-Gräben in der Forschung sind für Frauen oft tief. (cc3.0) Unsplash, K

Die Gender-Gräben in der Forschung sind für Frauen oft tief. (cc3.0) Unsplash, Kristopher Roller

Eine Gruppe von Geowissenschaftlern, darunter die Eawag-Doktorandin Andrea Popp, wollte mit einer kleinen Umfrage via soziale Medien Daten sammeln für einen Konferenzbeitrag an der Jahrestagung der EGU (European Geosciences Union). Wie denken Kolleginnen und Kollegen über die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in den Geowissenschaften, lautete die Kernfrage. Man habe mit rund 50 Rückmeldungen gerechnet, sagt Popp. Eingetroffen sind über 1400 ausgefüllte Fragebögen - Stoff genug, um damit ,,echte Wissenschaft" zu betreiben. Jetzt sind die Erkenntnisse der Umfrage in einem Artikel in Earth and Space Science publiziert: A global survey on the perceptions and impacts of gender inequality in the Earth and space sciences. Popp et al. doi.org/10.1029/2019­EA000706 (open access).

Gibt es typische Beispiele dafür, was ihr unter "gender biased", also geschlechtsbezogene Verzerrungen, versteht?

Geschlechtsbezogene Verzerrungen und Voreingenommenheiten führen dazu, dass Frauen in der Forschung oft die schlechteren Karten haben. Das wirkt sich in allen Bereichen der Wissenschaft aus, z.B. haben Frauen oft schlechtere Chancen auf gute Stellen oder auf Finanzierung ihrer Projekte, in erster Linie, weil die Anträge meist von Männern beurteilt werden. Aber auch Frauen beurteilen Männer oder die Arbeit von Männern oft positiver. Ganz typisch ist, dass Männer lieber mit Männern zusammenarbeiten und dass Frauen dadurch benachteiligt werden.

Wie erklärst du, weshalb Männer offenbar öfter in die Falle tappen und zu Verursachern von geschlechterspezifischen Verzerrungen werden?
Es ist nur eine Vermutung. Ich denke, in unserer Gesellschaft sind die meisten Schlüsselpositionen immer noch von Männern besetzt. Das schafft automatisch eine ungleiche Hierarchie. Die wird zumindest als unfair empfunden oder fördert tatsächlich unfaire Behandlungen.

In eurer Umfrage haben 40% der Frauen angegeben, in ihrer Institution keine geschlechtsspezifische Verzerrungen zu erkennen. 27% geben an, auch schon positive Effekte erlebt zu haben im Zusammenhang mit ihrem Geschlecht. Ist das nicht positiv?
Dass ein Drittel der Frauen auch schon positive Erfahrungen gemacht hat, ist sicher erfreulich. Negativ ist, dass über ein Viertel angegeben hat, mehrheitlich negative Erfahrungen zu machen - bei den Männern liegt dieser Anteil unter 10%. Das zeigt schon, dass es noch viel zu tun gibt.

45% der Frauen würden eine Geschlechter Quote für akademische Positionen bejahen. Bei den Männern sind es nur 28%. Haben die Männer einfach Angst um ihre Jobs?
Wenn man genauer hinschaut, woher welche Antworten kommen, wird es interessant: Vor allem die Männer, die vor oder in einer Postdoc-Position sind, lehnen Genderquoten am stärksten ab. Da scheinen Konkurrenz und Betroffenheit schon eine Rolle zu spielen. Aber interessanterweise sind auch circa 25% der Frauen gegen Quoten.

Was sollten die Institutionen und die verantwortlichen Leute unternehmen?
Solange die kritische Masse der Frauen an wichtigen Positionen unter 30% liegt, ist es schwierig, das Leck in der Pipeline zu stopfen. Die Forschung zeigt, dass dieser Einbruch des Fauenanteils nach dem Doktorat nicht durch die Entscheidung der Frauen für eine traditionelle Mutterund Familienrolle entsteht, sondern vor allem von unbewussten, geschlechtsbezogenen Verzerrungen beeinflusst wird. Also müssen wir ein stärkeres Bewusstsein für diese Verzerrungen schaffen. Und zwar vor allem bei denen, die später wieder an den entscheidenden Stellen sitzen. Es braucht obligatorische Trainings für Führungskräfte, egal ob Frau oder Mann. Transparentere Anstellungsprozesse oder die Förderung von familienfreundlichen Arbeitsmodellen sind weitere Punkte.

Zur Studie: doi.org/10.1029/2019­EA000706 (open access).