«Das Problem nimmt insgesamt zu»

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Zurich - University of Zurich

Auch diese Weihnachten werden viele Kinder Computerspiele auf dem Gabentisch finden. Machen sich Eltern damit zu Helfershelfern einer bisher unterschätzten Sucht? Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Psychiatrischen Poliklinik, sagt: Nicht unbedingt. Aber feste Regeln sollten bestimmen was, wann und wie lange gespielt werden darf.  

Marita Fuchs

Laut einer deutschen Studie spielen 15-jährige Jungen im Durchschnitt knapp 2,5 Stunden täglich am Computer, mit der Spielkonsole oder mit mobilen Geräten. Mädchen bringen es auf fast eine Stunde am Tag. Wo hört das Spiel auf und wo fängt die Sucht an?

Wenn Jugendliche oder Erwachsene intensiv spielen, sind die Schäden meistens sozialer Art. Es folgt ein sozialer Rückzug, Freundschaften werden vernachlässigt, bei Jugendlichen kommt es häufig zu massiv schlechteren Leistungen in der Schule. Sobald das Spiel zur Flucht aus der realen Welt wird, sollte fachkundige Hilfe in Anspruch genommen werden. Das gilt auch für die Älteren, die eher zu anderen Spielen neigen als die Jugendlichen. Ich habe Patienten, die abhängig sind vom Online-Roulette oder Online-Casino.

Medien sprachen jüngst von 70’000 Computersüchtigen in der Schweiz. Ist die Zahl korrekt?

Für die Medien ist Computersucht immer ein dankbares Thema, deshalb werden auch diese alarmierenden Zahlen gerne berichtet. Die Angaben sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen, denn Computerspielsucht ist kein definiertes Störungsbild und die Kriterien für die Diagnosestellung sind nicht einheitlich. In den aktuellen Klassifikationssystemen gehört die Computerspielsucht zur Gruppe der Impulskontrollstörungen, sie weist aber auch Merkmale des Spektrums der Zwangsstörungen auf.

Das Bild wird zudem verzerrt durch Spieler, die nur kurze Zeit intensiv spielen und dann wieder ganz das Interesse verlieren. Sollte man sie als süchtig bezeichnen? Eher nicht. Über die genaue Zahl von Computerspielsüchtigen kann heute noch keine sichere Aussage gemacht werden. Aus meiner therapeutischen Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass das Problem insgesamt zunimmt.

Wer ist besonders gefährdet?

Es gibt dazu wissenschaftlich gesehen keine genaue Definition. Von meiner klinischen Erfahrung her würde ich jedoch sagen, dass ein vermindertes Selbstwertgefühl und Unsicherheiten im Rahmen des Erwachsenwerdens dazu verleiten können, sich in Computerspielen zu verlieren. Um ein Beispiel zu nennen: Ich hatte einen Patienten, der nach einem Suizidversuch zunächst stationär behandelt wurde und dann zu mir kam. Der junge Mann hatte grosse Hemmungen, sich gegenüber anderen zu öffnen und auf Frauen zuzugehen, obwohl er sich sehr eine Freundin wünschte.

Grosse Anerkennung fand er in dem Computerrollenspiel «World of Warcraft», denn hier schlüpfte er in die Rolle eines Helden, bekam plötzlich viel Beachtung von seinen Online-Mitspielern und Mitspielerinnen, mit denen zusammen er in der Spielerhierarchie immer höher rückte. Im Spiel konnte er seinen Alltagsproblemen entfliehen und sie vergessen. Dadurch wurden die realen Probleme jedoch immer grösser.

Was ist so faszinierend an einem Online-Rollenspiel?

Bei «World of Warcraft» zum Beispiel tun sich mehrere Spieler zusammen in so genannten Gilden. Sie verabreden sich zum gemeinsamen Spiel zu einer bestimmten Uhrzeit, planen eine Strategie und spielen dann gemeinsam gegen eine andere Online-Gilde. Diese Strategiespiele sind spannend.

Das Fatale ist, dass man sehr lange und intensiv spielen muss, um viele Punkte zu erringen. Nur so rückt man in die oberen Spielligen. Das bedeutet für die Spieler, dass sie täglich bis zu fünf Stunden und mehr vor dem Computer sitzen.

Ich möchte jedoch das Spiel nicht grundsätzlich verteufeln. Es fördert auch gute Eigenschaften wie Verlässlichkeit und Zusammenarbeit, Konzentration und Multitaskingfähigkeiten. Diese Spiele, es zählen auch andere wie Second Life dazu, führen nicht unbedingt zur Sucht. Es wird erst dann gefährlich, wenn es zur Flucht aus dem realen Leben führt; wenn das Spiel dazu verleitet, Lebensprobleme nicht anzupacken und für den Betroffenen negative soziale Folgen entstehen. Aber noch lange nicht alle, die gerne spielen, werden auch süchtig.

Sind Jugendliche und Kinder besonders gefährdet?

Ja, weil bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung des Gehirns noch nicht ausgereift ist. Die Kontrollmechanismen sind noch nicht vollständig entwickelt. Das zeigen auch die aggressiven Reaktionen Jugendlicher, wenn ihre Eltern versuchen, sie vom Spiel wegzulocken. Es kann zu schlimmen Szenen kommen, wenn die Mutter entnervt den Stecker herauszieht. 

Jugendliche, die viel online spielen, verpassen zudem wichtige soziale Entwicklungsschritte. Sie müssten diese Zeit nutzen, um soziale Kompetenzen zu entwickeln. Das geschieht eher auf dem Fussballplatz, als mit Online-Mitspielern. Wichtig ist es auch, dass Kinder und Jugendliche in Umbruchphasen der Entwicklung nicht dazu verleitet werden, nur noch am Computer zu sitzen.

So zum Beispiel beim Eintritt in die Pubertät. Lego spielen ist nicht mehr attraktiv. Was tun? Anstatt neue Spiel- und Freundschaftsformen auszuprobieren, sitzen sie den ganzen Tag vor dem Computer. Es wäre wichtiger, mit Langeweile umgehen zu lernen, Frustrationstoleranz zu entwickeln, und sich auf die Suche nach neuen sinngebenden Aktivitäten zu begeben. Hier sind auch die Eltern gefordert.

Wie sieht die Therapie aus?

Bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen packen wir das Problem an der Wurzel an. Wir versuchen von der ersten Sitzung an, die Motive zu klären und relativ schnell die individuellen Ursachen der Computerspielsucht therapeutisch anzugehen. Abstinenz vom Spiel ist meistens nicht das oberste Ziel, sondern der sinnvolle Umgang mit dem Medium. Nicht selten reichen einige wenige Sitzungen. Wenn der Betroffene erkennt, was die Hintergrundprobleme für sein Spielen sind, kann er oft auch ohne weitere therapeutische Unterstützung daran arbeiten. Manchmal ist aber auch eine längerdauernde Psychotherapie von mehreren Monaten notwendig.

Was empfehlen Sie Eltern oder Betroffenen?

Für Eltern: Klare Regeln, wann und wie lange gespielt werden darf. Das Computerspiel nicht grundsätzlich verteufeln, sondern selber schauen, was die Kinder an dem Spiel fasziniert. Auch selber einmal mit den Kindern spielen und in die Rolle eines Elfen oder Zauberers schlüpfen. Beim Fussballspielen gehen die Eltern ja auch hin und schauen, wie ihre Kinder spielen. Es sollten keine gewaltverherrlichenden Spiele gekauft und geduldet werden, wie zum Beispiel «Counterstrike».

Erwachsene sollten sich selbst beobachten: Sobald das Spiel zur Flucht aus dem Alltag führt und zur Sucht wird, sollte fachkundige Hilfe in Anspruch genommen werden. Es geht darum, einen guten und sinnvollen Umgang mit dem Internet zu lernen.

Einer unserer Patienten hat mir nach der Therapie gesagt: «Ich bin jetzt ein Genuss-Spieler.» Damit kann man leben.

Computerspielsucht war ein Thema der diesjährigen Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangstörungen. Sie fand am Samstag, 5. Dezember 2009 unter dem Thema «Zwangsstörungen – erforscht und behandelt» statt. 

Literaturtipps

Computerspielsüchtig?: Rat und Hilfe, Sabine Grüsser-Sinopoli, Ralf Thalemann, Bern 2006, ISBN 978-3-456-84325-4

Verhaltenssucht: Diagnostik, Therapie, Forschung, Sabine Grüsser-Sinopoli, Carolin N. Thalemann, Bern 2006, ISBN 3-456-84250-3

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