Dem Zufall auf die Sprünge helfen

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Vernetzung unter Studierenden lässt sich gezielt fördern. ( ETH Zürich / Gian Ma

Vernetzung unter Studierenden lässt sich gezielt fördern. ( ETH Zürich / Gian Marco Castelberg)

Wenn sich angehende Studierende vor dem Start des Studiums kennenlernen, wirkt sich das positiv aus. Es fördert Freundschaften und den Austausch unter ihnen und trägt zum Studienerfolg bei. Einführungsevents vor dem Semester sind deshalb sinnvoll, wie Forschende der ETH Zürich zeigen konnten.

Wenn Studierende während ihrer Studienzeit Freundschaften und starke Netzwerke aufbauen, hat das oft weitreichende Folgen für ihren Erfolg im Studium und auch im späteren Leben. Studierende, die mit Freunden auf Prüfungen lernen, haben zum Beispiel bessere Chancen, diese zu bestehen (vgl. ETH-News vom 10.01.2019). Diese Einsicht haben vier Forschende des Social Networks Lab an der ETH Zürich nun weiter vertieft. Mit verschiedenen Ansätzen haben sie drei Jahre lang im Rahmen der Swiss Student Life-Studie untersucht, wie die Vernetzung unter Studierenden verläuft und welche Ereignisse die Beziehungen unter ihnen stärken können. Ende Februar veröffentlichten sie die Ergebnisse eines Experiments, das auf einer frühen «sozialen Netzwerkintervention» basiert.

Erstkontakte bewusst organisieren

Dabei geht es um Folgendes: Wie genau Menschen sich kennenlernen und mit wem sie wann Freundschaften bilden, ist oft vom Zufall geleitet. Auch im Studium. Die Einteilung in eine Arbeitsgruppe kann ebenso dazu führen, dass Freundschaften entstehen, wie dass man am ersten Tag zufällig nebeneinandersitzt. Selbst wenn diese anfänglichen Beziehungen mit der Zeit verblassen sollten, sind sie doch wichtige erste Kontakte, die die weitere Entwicklung des eigenen Netzwerks entscheidend beeinflussen können.

Oft ist auch gar nicht so viel Zufall im Spiel, wie man meinten könnte. Etwa, wenn eine Arbeitsgruppe alphabetisch nach Nachnamen eingeteilt wird. Ausländische Studierende sind dann vielleicht eher hinten im Alphabet. Das kann dazu führen, dass die Gruppen homogener werden. Eine grössere Durchmischung könnte demgegenüber viel Positives bewirken. Darum wollten die Forschenden gezielt testen, was geschieht, wenn man diese Erstkontakte zwischen den Studierenden nicht dem Zufall überlässt, sondern bewusst organisiert.

Erstmals genauer Untersucht

Dazu nutzten sie zwei Einführungsveranstaltungen für angehende Ingenieurs-Bachelorstudierende an einer Schweizer Hochschule. Die Veranstaltungen seien einerseits zur Information gedacht, andererseits, um eine frühe Vernetzung zu ermöglichen: «Aber vieles verläuft da implizit. Es hat noch niemand systematisch untersucht, was tatsächlich ihr sozialer Effekt ist», meint Christoph Stadtfeld, einer der Autoren der Studie. Auch auf Anregung von Lehrverantwortlichen aus den Studiengängen hin kam die Idee zustande, die Entstehung und Entwicklung der Beziehungsnetzwerke längerfristig zu untersuchen.

Die zwei identischen Veranstaltungen dauerten jeweils zwei Stunden und fanden zwei respektive drei Monate vor Beginn des Studiums statt. Nach einem kurzen Einführungsreferat wurden die teilnehmenden Studierenden für eine Campus-Tour, eine Diskussionsrunde und eine gemeinsame Mahlzeit in Gruppen von fünf bis neun Personen eingeteilt, bei denen sie sich kennenlernen konnten. Die Gruppenzusammensetzung war randomisiert, das heisst, es wurde eine Zufallsauswahl getroffen. Die Forschenden achteten einzig darauf, dass die Geschlechterzusammensetzung der jeweiligen Gruppe möglichst dem Geschlechterverhältnis aller angehenden Bachelorstudierenden entsprach und keine reinen Frauenoder Männergruppen entstanden. Rund 200 Studierende - etwa die Hälfte hatte an den Veranstaltungen teilgenommen - wurden nach der Veranstaltung rund ein Jahr lang zu sechs verschiedenen Zeitpunkten zu ihrem Sozialleben befragt. Also unter anderem dazu, mit wem sie im Studium befreundet sind und zusammenarbeiten.

Sichtbare Unterschiede

Die Auswertung ergab, dass bis drei Monate nach der Intervention jene Studierenden deutlich häufiger miteinander befreundet waren, die an der Einführungsveranstaltung teilgenommen hatten und in derselben Gruppe gewesen waren. Noch bis nach sieben Monaten hatten sie häufiger gemeinsame Freunde, und nach neun Monaten stellten die Forschenden zudem fest, dass auch häufiger Freundschaften zwischen Studentinnen und Studenten entstanden waren. Wie die Forschenden weiter schreiben, spielen auch andere soziale Prozesse eine Rolle bei der Entwicklung studentischer Netzwerke. Zum Beispiel, dass Menschen dazu neigen, mit anderen Menschen zusammenszuspannen, die ähnliche Eigenschaften haben wie sie selbst. Oder dass Menschen sich zu bereits besonders beliebten Mitmenschen hingezogen fühlen. Aber diese Prozesse brauchen Initialkontakte, um ihre Wirkung zu entfalten. Darum sind frühe Interventionen wie die Kennenlernevents sehr hilfreich, um den Austausch und die Entwicklung von Beziehungen unter den Studierenden anzuregen.

Durchmischung wirkt positiv

Aus der Sicht einer Universität gehe es in einem Studium vor allem auch darum, sagt Mitautor Timon Elmer, jene Studierenden zu fördern, die das Potenzial, das Talent, den Willen und die Motivation mitbringen, um sich im jeweiligen Fachgebiet zu qualifizieren. «Was nicht passieren sollte, ist, dass Studierende mit Potenzial die Prüfungen und das Studium nicht schaffen, weil sie in innerhalb des Netzwerks der Studierenden wenig integriert sind oder ganz durch das soziale Raster fallen.»
Das passiert am ehesten bei jenen, die in der Gesamtmenge der Studierenden «unterrepräsentiert», also als Gruppe weniger vertreten sind. In MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) sind das zum Beispiel oft die weiblichen Studierenden, deren Abbruchquote höher ist als bei Männern. Eine bessere Integrationsbasis zu schaffen, könnte die Chancengleichheit für alle Gruppen und Geschlechter erhöhen, meint Elmer.

Erkenntnisse fliessen in die Praxis ein

Das Potenzial beschränkt sich dabei offenbar nicht auf Geschlechter. Auch herkunftsoder sprachbedingte soziale Grenzen könnte man mit Netzwerkinterventionen überwinden. Mehr Austausch und mehr Kontakte zwischen den sozialen Gruppen erhöhe die Chancengleichheit im Studium und auch später im Arbeitsmarkt, weil die Studierenden eben auch mehr studienund berufsrelevante Information untereinander austauschen, wenn sie aktive Beziehungen und Freundschaften zueinander pflegen.

Was heisst das für die ETH? Seine Forschungsgruppe sei ständig im Kontakt mit den Departementen und deren Lehrpraxis, meint Christoph Stadtfeld. Das Wissen aus der mehrjährigen Forschung fliesse laufend in den Lehrbetrieb der ETH ein. Und es hat sich bestätigt, dass sich die an der ETH gepflegte Praxis der Informationstage vor Studienbeginn grundsätzlich lohnt. Besonders in den aktuellen Zeiten von Online-Events während der Corona-Pandemie sei es wichtig, dass Möglichkeiten für frühe soziale Integration nicht verloren gehen, schliesst Stadtfeld.

Forschende des Social Networks Lab sind an der Qualitätsoffensive «Open ETH (vormals ETH+)» beteiligt. Die Netzwerkforschung wurde im Rahmen der «Future Learning»-Initiative aufgegriffen.

Literaturhinweis

Boda, Z., Elmer, T., Vörös, A. et al. Short-term and long-term effects of a social network intervention on friendships among university students. Sci Rep 10, 2889 (2020). DOI: 10.1038/s41598-020-59594-z

Leo Herrmann