Der Stadtschreiber

Marc Angélil  ( Hannes Hübner)

Marc Angélil ( Hannes Hübner)

Marc Angélil hat die Architekturlehre an der ETH entscheidend mitgeprägt, sowohl als Professor wie auch als zeitweiliger Vorsteher des Departements. Seit Jahren forscht er zu politischen, sozialen und ökonomischen Treibern der globalen Verstädterung. Im Rahmen seiner Emeritierung wirft er in einem umfassenden Buch und einer Ausstellung nochmals einen kritischen Blick auf aktuelle Urbanisierungstrends.

Auf den ersten Blick ist Marc Angélil eine unauffällige Person. Puristisch wirkt er mit seiner schlanken Postur, meist schwarz gekleidet, mit unauffälliger Junghans-Uhr. Manchmal ziert ein Tintenklecks seinen Unterarm - Spuren seiner schwarzen Füllfeder, die ihn stets begleitet und mit welcher er während Meetings dem Gegenüber gerne seine Gedanken in einfachen Skizzen erläutert. Auffällig hingegen ist der unruhige, strahlende und einnehmende Blick, wenn Angélil beginnt über seine Arbeit als ETH-Professor, als weitgereister Forscher und ausgezeichneter Architekt zu erzählen. Seine Neugierde auf die Welt scheint auch mit 65 ungebrochen. Schon als Zehnjähriger verbrachte er Tage mit Lesen in der Bibliothek seines Grossvaters in Alexandria, wo er aufgewachsen ist. Bis heute ist eine Stunde seiner meist langen Arbeitstage zum Lesen reserviert. Noch mehr Zeit fliesst ins Schreiben: Seit Abschluss des Architekturstudiums an der ETH Zürich vor 40 Jahren hat er hunderte von Essays und mehrere Bücher zu Themen rund um Architektur, Urbanisierung und Städteplanung verfasst. Getrieben vom Drang, Urbanisierungsdynamiken vor Ort zu ergründen und sie schreibend zu verstehen, hat er sich an Kairo, Rio de Janeiro, Addis Abeba, Shanghai, Mumbai, Paris und Zürich abgearbeitet.

«The american»

Wir treffen uns zum Gespräch in der Nähe des Zürcher Letzigrund im hellen, offenen Büro von «agps», dem Architekturbüro, das Angélil 1982 mit Manuel Scholl und seiner Partnerin, der kalifornischen Architektin Sarah Graham, aufgebaut hat. Sie motivierte ihn damals auch zum Umzug in die USA, nachdem sie sich an einigen Schweizer Wintern abgekämpft hatte. Nach einem Lehrauftrag an der Harvard University in der Nähe von Boston zog Angélil nach Los Angeles, wo er sieben Jahre als Assistenzprofessor an der University of Southern California lehrte. «Zum Thema Urbanisierung kam ich über die Erfahrung von Los Angeles», resümiert er. Die Faszination für die Grossstadt, deren Heterogenität und Widersprüche, gekoppelt mit den postmodernen Diskursen der 80er-Jahre an der Universität, veränderten seinen Bezug zur Architektur für immer. 1994 kehrte er als Assistenzprofessor an seine Alma Matter zurück. «Nirgends sonst findet man als Professor vergleichbare Rahmenbedingungen», begründet er den Entscheid. Doch der Start in Zürich war hart: Die Kollegen am Departement nannten ihn schlicht «the american». Das hatte nichts mit Angélils Akzent zu tun, sondern mit seiner Perspektive auf Architektur. Er begann sich für Agglomerationen, Peripherie, städtische Infrastrukturen, sozio-räumliche Beziehungen und globale Urbanisierungsprozesse zu interessieren. Themen, die damals noch nicht zu den Kernkompetenzen von Architektur im engeren Sinne gehörten.

Dieser erweiterte Blick auf Stadt und Architektur sowie die Frage nach den sozialen, politischen und ökonomischen Treibern der globalen Urbanisierung sollten fortan Angélils Forschung und Lehre prägen; die «politische Ökonomie» des Bauens wurde zu seinem theoretischen Leitkonzept. «Welche Kräfte treiben heute das Bauen tatsächlich an?», fragt Angélil rhetorisch. «Es ist das Kapital! Die Ökonomie wurde zum A und O in der Architektur.» Dafür sei sie in der Lehre bislang unterrepräsentiert. Wirtschaftliche Entwicklungen, wie die globale Finanzkrise ab 2007, verändern heute das Leben in urbanen Zentren radikal - mit einer Geschwindigkeit und Brutalität, mit welcher die klassische Städteplanung oft nicht mehr mithalten kann. Damit werden auch neue Fragen bezüglich der Beziehung von formellem und informellem Bauen aufgeworfen, besonders im globalen Süden. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Angélils Schaffen zieht.

Unsterbliche Pläne

Mit der Entwicklung eines «MAS in Urban Design» übertrug Angélil die neuen Herausforderungen für Architektinnen und Städteplaner in die Lehre. Entstanden ist ein transdisziplinärer Studiengang mit globalem Anspruch. In dessen Zentrum steht ein Studio, in dem sich die Studierenden mit eigener Feldforschung vor Ort einem bestimmten urbanen Kontext annehmen. Zum Beispiel dem Sozialbau in Brasilien. Dort hat eine Gruppe nach Möglichkeiten der Inklusion von informellen Bautätigkeiten in offizielle Regierungsprogramme gesucht. Basierend auf einer vertieften Analyse, unterstützte sie die Zusammenarbeit zwischen Aktivistinnen für sozialen Wohnungsbau, Wohnkooperativen und Behörden. Schliesslich wurde die Professur von der zuständigen Behörde mit dem Bau von 500 Wohneinheiten nach dem eigens dafür entwickelten Baukasten für inklusiven und nachhaltigen Sozialbau beauftragt. Doch am Ende scheiterte das Projekt an der rauhen brasilianischen Realität: Das für die Planungen zugesprochen Land wurde Teil eines Korruptionsskandals. Trotz Enttäuschung ist Angélil überzeugt: «Unsere Pläne und Empfehlungen sind publiziert, sie leben weiter.»

Gleich mehrere Studios beschäftigten sich mit Angélils Herkunftsland Ägypten, denn er ist zugleich fasziniert und schockiert von den dortigen Umwälzungen. «Heute erscheinen populäre Viertel in Kairo, in welchen mehr als zehn Millionen Menschen leben, auf keiner offiziellen Karte mehr. Für den Staat existieren diese Menschen nicht.» Anderorts entlang des Nils frisst sich die Stadt in Agrarland und gefährdet dadurch die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung. Gleichzeitig baut die Regierung unter El-Sisi mithilfe von internationalen Investoren und chinesischen Entwicklern in der Wüste komplett neue Städte mit Luxushotels und Shoppingmalls. Dass Architektur und Städteplanung immer auch politisch sind, zeigte sich im Rahmen des Buchs «Housing Cairo», das 2016 erschienen ist. Als Angélil mit einigen Exemplaren im Gepäck in Kairo einreisen wollte, wurde er von den Behörden angehalten. Das Buch wurde konfisziert mit der Begründung, es enthalte Pläne zu informellen Siedlungen, die es offiziell gar nicht gebe. Mittlerweile ist das Buch vergriffen. «Aufgrund des Verbots verbreitete es sich schlagartig», erinnert sich Angélil und lacht schelmisch.

In seinem neusten, fast 1000-seitigen Buch «Mirroring Effects. Tales of Territory»1, hat er zehn grosse Geschichten zu aktuellen Stadtentwicklungen versammelt - auch aus Ägypten und Brasilien. Zehn Jahre hat er mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Cary Siress an diesem Opus magnum gearbeitet. «Viele der Erzählungen lesen sich wie Horrormärchen darüber, wie der Mensch sein Territorium umgestaltet und die Erde neu erschafft», sagt Angélil. «Nur dass es eben keine Märchen sind.»

Raumerfahrung mit Tango

Ehemalige Studierende und Assistierende werden Marc Angélil nicht nur wegen seiner scharfen Analysen, fundierten Kritik und philosophischen Exkurse in Erinnerung behalten, sondern auch aufgrund seiner experimentellen und spielerischen Lehrformen. 13 Jahre war er für die Entwurfsklasse im ersten Studienjahr verantwortlich. Rund 300 Studierende gingen Jahr für Jahr durch Angélils Schule. Seine «Tango-Übung» war ein fester Bestandteil davon: Am Morgen hielt der Professor eine Vorlesung zur Relation zwischen Figur und Grund. Am Nachmittag wurden Tangotänzerinnen und -tänzer in den Zeichnungssaal geladen. Nun mussten die Studierenden zuerst beobachtend, dann tanzend den Raum zwischen den Tänzerinnen und ihrer Umgebung auf Papier bringen. Abschliessend sollten sie die Raumerfahrung in einem Gipsmodell darstellen. «Wir wollten die Schulabgänger zu Beginn des Studiums für das Sinnliche und Haptische der Architektur begeistern.» Mittlerweile wird die «Tango-Übung» auch in der Architekturlehre in Südkorea, Äthiopien, Mexiko und China eingesetzt.

Stolz ist Angélil auch auf die erste Ausgabe von «ETH Singapore month», einem neuen Lehrformat, das er gemeinsam mit Rektorin Sarah Springman und Kollege Aurel von Richthofen entwickelt hat. Dies im Rahmen des «Future Cities Laboratory» in Singapur, zu dessen Gründungsvätern er gehört. 21 ETH-Studierende aus 17 verschiedenen Disziplinen suchten gemeinsam mit Studierenden aus sieben weiteren Hochschulen während eines Monats nach Lösungsansätzen für Herausforderungen von urbanen Gesellschaften - transdisziplinär und mit Methoden des «Design Thinking». «Die Studierenden sollen eine eigene Haltung entwickeln, kritisch über aktuelle Entwicklungen reflektieren und auch politisch aktiv werden», fasst Angélil die Ziele zusammen. «In Zeiten des aufstrebenden Populismus ist nichts wichtiger als das.»

Mehr Zeit in den USA

Was die Zeit nach seiner Emeritierung angeht, so freut sich Angélil auf neue Freiheiten, um der alten Leidenschaft zu frönen. Aus dem eigenen Architekturbüro «agps», das heute 20 Mitarbeitende beschäftigt, zieht er sich weitgehend raus. «Es wird Zeit, Platz für eine neue Generation zu machen.» Er will wieder mehr Zeit in Kalifornien bei seiner Partnerin verbringen. Eine soeben umgebaute Ranch auf dem Land lädt zum Entspannen ein. Meist werde ihm jedoch bereits nach wenigen Tagen langweilig, sagt er. Bereits lockt auch ein Angebot für einen Dekanposten an einer amerikanischen Universität. Und dann ist da noch ein gross angelegtes Forschungsprojekt zu Chinas Bautätigkeiten in Afrika, für das er im Rahmen des «Future Cities Laboratory» einen Finanzierungsantrag gestellt hat. Man darf also davon ausgehen, dass zu den unzähligen Publikationen aus den vergangenen 40 Jahren, bald noch einige hinzukommen werden.

Mirroring Effects: Tales of Territory

«Mirroring Effets: Tales of Territory» von Marc Angélil und Cary Siress ist im Mai bei Ruby Press (Berlin) erschienen. ruby-press.com/shop/­mirroring-effects-tales-of-territory/

Abschiedsvorlesung von Marc Angélil

Die Abschiedsvorlesung von Marc Angélil mit dem Titel «Tales of Territory: Athropocene, Urbicene, Capitalocene» findet am 3. Oktober 2019 um 17.15 im Auditorium Maximum der ETH Zürich statt. Um 18.15 wird die Ausstellung «Terrestrial Tales: 100+ Takes on Earth» in der Halle des ETH-Hauptgebäudes eröffnet. angelil.arch.ethz.ch­/portfolio-item/farewell-lecture-eth-2019/

Samuel Schlaefli