Die Saat ist aufgegangen

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Die Saat ist aufgegangen

Erstmals haben Bauern auf den Philippinen den Golden Rice in grösserem Stil angebaut und in diesem Oktober fast 70 Tonnen Körner geerntet. Ihren Anfang nahm diese beinahe unendliche Geschichte an der ETH Zürich.

Meilensteine

  • 1991 Ingo Potrykus lanciert die Idee eines Vitamin-A-angereicherten Reises zur Bekämpfung von Mangelerkrankungen. Erste Experimente ab 1992.
  • 1993 Karotinoid-Spezialist Peter Beyer schliesst sich dem Projekt an.
  • 1999: Die Forscher präsentieren den Prototyp des Golden Rice. Dieser Durchbruch zeigt, dass es möglich ist, den Karotinoid-Stoffwechselweg in Reiskörnern zu rekonstruieren.
  • 2000: Potrykus und Beyer entscheiden, die notwendige Produktentwicklung als humanitäres Projekt voranzutreiben.
  • 2005: Die Verwendung eines Mais-Gens anstelle des ursprünglichen Osterglocken-Gens steigert den Provitamin A- Gehalt.
  • 2006 bis 2018: Erarbeitung aller erforderlichen Daten für das regulatorische Dossier, das erforderlich ist, um ein gentechnisch verändertes Produkt im Freiland anzubauen.
  • 2021: Philippinische Biosicherheitsbehörden erteilen grünes Licht für den Anbau und Verzehr von Golden Rice.
  • 2022: Beginnt unter der Federführung des nationalen Reisforschungsinstituts PhilRice der Anbau in den Philippinen.

Um diese Mangelernährung - den sogenannten «hidden hunger»- zu bekämpfen, fassten der ehemalige Professor für Pflanzenwissenschaften und sein Kollege Peter Beyer von der Universität Freiburg i.Br. Anfang der 1990er einen Entschluss: Sie wollten Reis mit Hilfe der Gentechnik so verändern, dass die Pflanzen in ihren Körnern Beta-Karotin anreichern. Beta-Karotin wird im Körper zum lebenswichtigen Vitamin A umgebaut. Auf diese Weise würden Menschen in Ländern, in denen Reis der wichtigste Kohlenhydratlieferant ist, ihren Tagesbedarf an Vitamin A besser decken können.

1999, im Jahr seiner Emeritierung, präsentierten Potrykus und Beyer einen Prototyp des sogenannten Golden Rice: eine Reissorte, die aufgrund eines transferierten Konstrukts aus mehreren Fremdgenen in den Körnern Beta-Karotin anreicherte. Die Körner schimmerten goldgelb, der erste Golden Rice (GR) war Tatsache.

«Ich bin auch sehr verärgert, dass wegen der Verzögerungen Millionen von Kindern leiden mussten.»

Weil die Beta-Karotin-Menge im Prototyp noch zu niedrig war, um den täglichen Vitamin-A-Bedarf eines Menschen zu decken, entwickelte Beyer in Zusammenarbeit mit einem Team des Agrartechnologieunternehmens Syngenta eine zweite Variante, den GR2. Anstelle des Gens der Osterglocke verwendeten die Pflanzenwissenschaftler Gene von Mais. Dadurch liess sich der Beta-Karotin-Gehalt in den Reiskörnern gegenüber dem Prototyp stark steigern.

Verzögert, verschleppt

Der Golden Rice war seit seiner Schaffung heftig umstritten. Sein Einsatz wurde jahrelang blockiert, verschleppt, verzögert. Umweltverbände bekämpften diese genmodifizierte Pflanze (und andere) erbittert. Auch Regierungen sperrten sich dagegen, den Reis für den Anbau zuzulassen. Von der Entwicklung bis zum ersten grossangelegten Anbau sind mittlerweile 22 Jahre vergangen.

Dass es nun mit dem Anbau im grossen Stil geklappt hat, freut den bald 89--jährigen Pflanzenforscher Potrykus sehr: «Ich bin sehr erleichtert, dass es nach so vielen Jahren Produktionsverzögerung endlich losgegangen ist», sagt er. Auch sei es eine Genugtuung, dass die wissenschaftliche Beurteilung über Ideologie gesiegt habe. «Aber ich bin auch sehr verärgert, dass wegen der Verzögerungen Millionen von Kindern leiden mussten.»

Abbau der Regulatorien als Herausforderung

Nach wie vor ist eine zentrale Herausforderung, die starke Regulierung des Einsatzes von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen in vielen Ländern abzubauen. «Die Daten des philippinischen Dossiers stehen Ländern frei zur Verfügung. Das erleichtert die Entwicklung nationaler Dossiers enorm», betont Potrykus.

Was es aber auch brauche: Mut. Den hätten die philippinischen Biosicherheitsbehörden und der Landwirtschaftsminister bewiesen, als sie dem GR2 zum Durchbruch zu verhalfen.

Was es aber auch brauche: Mut. Den hätten die philippinischen Biosicherheitsbehörden und der Landwirtschaftsminister bewiesen, als sie dem GR2 zum Durchbruch zu verhalfen.

Der Anbau von GR2 soll auf den Philippinen nun exponentiell auf 17 sorgfältig evaluierte Provinzen ausgeweitet werden. Weitere Bauern werden mit Saatgut versorgt und Wirksamkeitsstudien sollen zeigen, wie gut der Verzehr von GR2 den Vitamin-A-Mangel verhindert. Nach Abschluss der Untersuchungen soll der Reis in den lokalen Handel kommen.

GR2 in Bezug auf Vitamin A weiterzuentwickeln, ist laut Potrykus nicht vorgesehen. «Der Golden Rice enthält genug Beta-Karotin, um den Tagesbedarf eines Menschen zu decken.»

Reis soll auch Eisen und Zink anreichern

Pflanzenforscher sind derzeit jedoch daran, den GR2 zu erweitern: um Zink und Eisen. Ein Mangel an diesen Spurenelementen führt ebenfalls zu grossen gesundheitlichen Beschwerden. Auch das ist eine lange Geschichte: Am gleichen Emeritierungs-Symposium 1999 an dem der Golden Rice vorgestellt wurde, präsentierte die damalige Doktorandin Paola Lucca einen transgenen Reis mit erhöhtem Eisengehalt.

In verschiedenen Ländern Süd-- und Südostasiens werden derzeit die Sorten für das jeweilige Land optimiert. In Bangladesch ist GR2 bereit zur Aussaat. «Dort ist alles fertig. Der Umweltminister des Landes blockiert aber aus ideologischen Gründen die Aussaat», sagt Potrykus. Er ist aber Überzeugt, dass dem Minister die Argumente ausgehen - und hoffentlich dringt bald die Erfolgsgeschichte des philippinischen Golden Rice ins Bangladescher Umweltministerium durch.

Peter Rüegg