Einstein Lectures: Vom Umgang mit Wut

 

  
	Martha Nussbaum gastierte an den sechsten Einstein Lectures der Univer

Martha Nussbaum gastierte an den sechsten Einstein Lectures der Universität Bern und der Albert-Einstein-Gesellschaft.

Die renommierte US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum begeisterte ihre zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer am ersten Vortrag der Einstein Lectures 2014 mit ihren Thesen über das Gefühl der Wut. Sie führte dem Publikum vor Augen, warum wir unsere Wut aufgeben und uns stattdessen darauf konzentrieren sollten, das Wohl aller zu befördern.

Viele Philosophinnen und Philosophen haben sich bereits detailliert mit menschlichem Fehlverhalten befasst und in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Strafe und Vergebung betont. Dem Gefühl der Wut allerdings wurde bisher zu wenig Beachtung geschenkt. Martha Nussbaum setzt nun die Wut ins Zentrum der dreiteiligen Einstein Lectures, die noch bis zum 17. Dezember dauern. Die profilierte Rednerin und ihr Thema zogen am Montagabend ein breites und internationales Publikum an. Die Aula war so gut gefüllt, dass ein Teil des Publikums den Ausführungen stehend lauschte – oder in den Zusatzraum wechselte, in den der Vortrag per Video übertragen wurde.

Mit ihrer inspirierenden und packenden Art ergründete die Altphilologin, die auf eine kurze Karriere als Schauspielerin zurückblicken kann, was Wut ist, welchen Zweck sie erfüllt und welche Folgen sie hat. Hierbei dient ihr Aristoteles als wichtiger Bezugspunkt. Ihm zufolge ist Wut ein Wunsch nach einer imaginierten Strafe, ein Wunsch, der von Schmerz begleitet ist. Er entsteht anlässlich des Verhaltens von anderen, das man selbst als Beleidigung deutet und zu der die anderen kein Recht haben.

Obwohl Nussbaum dieser Definition von Wut nicht in jeder Hinsicht zustimmt, geht sie mit Aristoteles einig: Wut empfinden wir dann, wenn wir glauben, dass wir selbst oder Menschen, die uns nahe stehen, ungerecht behandelt wurden. Wut ist ausserdem immer von einer Art Schmerz oder Leiden begleitet und beinhaltet stets den Wunsch nach Strafe oder Vergeltung. Mit einem Augenzwinkern verweist sie darauf, dass sich Wut nur auf belebte Dinge richten kann und Wutgefühle gegenüber «fiesen» Getränkeautomaten schwer zu begründen sind.

Keine Wut ohne den Wunsch nach Vergeltung

Der Wunsch nach Strafe oder Vergeltung kann Nussbaum zufolge in zweierlei Hinsicht problematische Konsequenzen nach sich ziehen: Zum einen führe dieses Gefühl zum irrationalen, ja «magischen» Glauben, Rache könne das erlittene Unrecht ungeschehen machen. Das erfahrene Leid kann durch die Bestrafung des Täters aber niemals rückgängig gemacht werden. Was geschehen ist, ist geschehen. Zum anderen hält Nussbaum den Wunsch für moralisch verwerflich, der dem Gefühl von Wut inhärent ist: nämlich den Verursacher des erlittenen Unrechts so sehr zu demütigen, dass eine Art Gleichgewicht zwischen Täter und Opfer wieder hergestellt wird – also dass der Status des Opfers durch die Erniedrigung des Täters erhöht wird.

Der dritte Weg: «übergangswut»

Nussbaum wirft die Frage auf, wie wir mit unserer Wut also umgehen sollten, damit sie weder zu unmoralischen Konsequenzen führt noch irrationale Wünsche beinhaltet. Sie schlägt vor, bei erfahrenem Unrecht den Weg der Rache («road of payback») ebenso wie den Weg des Status («road of status») zu vermeiden und stattdessen den dritten Weg, nämlich den der «übergangswut» («Transition-Anger») zu wählen. Am Beispiel von Martin Luther King Juniors Rede vom 28. August 1963 in Washington D.C. «I have a dream» illustriert sie, dass dieses Gefühl anders als Wut nicht den Wunsch beinhaltet, dem Verursacher eines Unrechts zu schaden, sondern das starke Bedürfnis, weiteres Leid zu verhindern: «Something has to be done».

Nussbaum macht klar, dass ein auf die Prävention ausgerichteter Umgang mit entstandenem Unrecht nicht nur das Wohlergehen der Gemeinschaft in den Fokus rückt. «übergangswut» ist darüber hinaus eine differenzierte emotionale und rationale Herangehensweise an menschliches Fehlverhalten, welche die Bedürfnisse des Opfers ebenso wie jene der Gesellschaft und jene des Täters mit einbezieht. Nur «übergangswut» lasse uns in einem konkreten Fall in den Blick nehmen, was richtigerweise zu tun sei. Ob sie damit nicht zu viel von den Menschen verlange, will ein Zuhörer am Ende ihres Vortrags wissen. «It requires a lot of discipline but it’s not beyond what people can do», so ihre überaus überzeugende Antwort.

Weitere Vorträge

Im zweiten Vortrag wird Nussbaum darlegen, welche Rolle «übergangswut» in der politischen Sphäre, etwa beim Umgang mit ungerechten Institutionen, spielen kann. Den dritten Vortrag wird sie dem Konzept der revolutionären Gerechtigkeit widmen und ihrem Publikum aufzeigen, welches Potenzial «übergangswut» bei der radikalen Umgestaltung politischer Systeme entfalten kann.

«Anger and Retribution: Everyday Justice», Dienstag, 16. Dezember, 17.15 Uhr in der Aula
«Anger and Retribution: Revolutionary Justice», Mittwoch, 17. Dezember, 19.30 Uhr in der Aula
Hauptgebäude der Universität Bern, Hochschulstrasse 4, 3012 Bern