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Kolumne Dezember 2021 in der Luzerner Zeitung zum Thema Stadtentwicklung

Das CCTP veröffentlicht eine Reihe von Kolumnen in der Luzerner Zeitung zum Thema Stadtentwicklung. In der Dezember-Kolumne richtet Dieter Geissbühler, Co-Leiter CAS Baukultur an der Hochschule Luzern seinen Blick darauf, wie wir als Gesellschaft mit den akuten Problemen umgehen und was das mit Baumhäusern zu tun hat.

Baumhäuser und Co.
Das Baumhaus ist wohl für viele eine prägende Kindheitserinnerung. Der Wunsch, mal wieder in einem Hochsitz zu Übernachten, ist nachvollziehbar. Trotzdem - als Architekt war ich irritiert über einen Artikel von SRF zu einem Buch über Baumhäuser. Darin geht es um einen Architekten, der solche Wohnformen anbietet. Das Thema an sich ist unbedeutend, aber der Umgang damit auf SRF doch aufschlussreich.

Das Baumhaus wird als erstrebenswerte Wohnform vermarktet. Das ist nicht Überraschend. «Einzigartige Naturerlebnisse» liegen im Trend - oft an Orten, die von einer sonstigen Nutzung losgelöst sind: in zeltähnlichen Gebilden am Strand, auf einem Floss schwimmend auf dem See. Oder eben im Baumhaus. So weit, so gut. Was mich irritiert, ist der Rest des Urlaubpakets: Am nächsten Morgen kann ich mich im Stammhaus frisch machen und kriege ein Zmorge, gleichzeitig wird meine Bleibe gereinigt. Da wird die «Natur» als Konsumgut angeboten, das Übernachten im Freien zum Event deklariert.

Der Eventcharakter war immer schon Bestandteil der touristischen Infrastruktur, etwa bei einem Grand Hotel. Der Unterschied: Diese Bauten bieten auch der Gemeinschaft einen Raum. Die Aussicht und der Bezug zur Natur war meist wichtiger Teil der Standortwahl. Das Wohnen blieb aber - anders als beim Baumhaus - nicht auf das individuelle Erlebnis fixiert.

Ökologisch gesehen haben Baumhäuser kaum positive Aspekte, sie verursachen aber auch wenig ökologische Probleme. Verstörend bleibt für mich, dass in einem der wichtigsten Medienhäuser der Schweiz das Thema nicht eingeordnet wird. Zwar stellt SRF die Klimaerwärmung durchaus als relevant dar und schafft auch Formate, in denen sie diskutiert wird. Parallel dazu scheint es jedoch eine entkoppelte Lebensvorstellung zu geben, in der es «Natur» zu «erleben » gilt. Das scheint sie zu sein, unsere Freiheit, die ja nicht beeinträchtigt werden darf. Nun wissen wir, auch wenn das schwer in unser bewusstes Handeln hinüberschwappt, dass nur Verzichten zu einer nachhaltigen Lösung beitragen kann. Technologischer Fortschritt kann das Problem mildern, aber er kann nur dazu beitragen, die Umstellungen erträglicher zu machen. Was es aber braucht, ist weniger unreflektierter Konsum - für den die Baumhäuser ein Symbol sind.

Es geht mir nicht darum, den Wunsch, in einem Baum zu Übernachten, zu unterbinden. Es ist die Einordnung solcher Bagatellen in unsere Lebensvorstellungen, die mich stört. Dass im gleichen Medienhaus im gleichen Zeitraum in der Sternstunde Philosophie sehr differenziert auf einen verantwortungsbewussten Konsum verwiesen wird, dass dies dann aber durch solch eigentlich harmlose, aber eben sehr entlarvende Geschichten in der Rubrik «Lifestyle » relativiert wird. Das trägt dazu bei, dass wir als Gesellschaft nicht wirklich resolut den akuten Problemen gegenübertreten und aktiv an den Lösungen zu arbeiten beginnen.


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