Handykauf von Jugendlichen belastet Umwelt deutlich mehr als Nutzung

Würden Schweizer Jugendliche ihr Handy ein Jahr länger nutzen, könnte die Umweltbelastung um einen Viertel reduziert werden. ZHAW-Forschende haben berechnet, dass die Herstellung 77 Prozent der Umweltbelastung des gesamten Lebenszyklus von Mobiltelefonen ausmacht.

Textnachrichten und Emojis können ohne schlechtes Gewissen versendet werden. Vor allem der häufige Kauf von neuen digitalen Geräten belastet die Umwelt. Denn bei der Gerätenutzung von Schweizer Jugendlichen macht die Herstellung drei Viertel der gesamten Umweltbelastung aus. Wenn sie beispielsweise ihr Handy drei Jahre statt die in ihrer Altersgruppe durchschnittlichen zwei Jahre nutzen, reduziert sich die Umweltbelastung der gesamten Handynutzung um einen Viertel. Dies haben ZHAW-Forschende aus den Bereichen Ökobilanzierung, Psychologie sowie Nachhaltigkeitskommunikation im Rahmen des von der Stiftung Mercator Schweiz geförderten Projekts «Digitale Suffizienz» aufgezeigt. Dazu wurden über 800 Schweizer Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Nutzung von Smartphone, Tablet & Co. befragt und daraus die entsprechende Ökobilanz berechnet. Auf dieser Basis wurde zusammen mit der Klimaschutzorganisation myblueplanet und der Agentur Spinas Civil Voices eine Pilot-Kampagne lanciert, um Jugendliche zu einem ressourcenschonenden Umgang mit ihrem Handy zu motivieren.

Bei der täglichen Verwendung von Smartphone, Tablet & Co. belastet der typische Jugendliche in der Schweiz die Umwelt mit etwa 1100 Umweltbelastungspunkten. Dies entspricht ungefähr der Umweltbelastung, wenn 3,2 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, ein Hamburger gegessen oder zwei Taschenbücher gekauft werden. Die verwendete Berechnungsmethode der ökologischen Knappheit umfasst ein breites Spektrum von Umweltbelastungen wie Ressourcenknappheit oder Emissionen und schliesst Herstellung, Nutzung und Entsorgung der Geräte ein. «Besonders viele Ressourcen und Energie werden verbraucht, wenn die digitalen Geräte produziert und entsorgt werden», so ZHAW-Forscherin Regula Keller vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen. Somit ist der Besitz eines Gerätes für die Umwelt wesentlich gravierender als das tägliche Chatten oder Browsen im Internet.

Der Gerätebesitz macht über drei Viertel (76 Prozent) der Gesamtbelastung aus, die Nutzung mit Datentransfer und Strombedarf nur 24 Prozent. Dabei sind sowohl die Geräte der Jugendlichen selbst eingerechnet, als auch anteilsmässig jene, die mit der Familie geteilt werden. Die Hälfte der Umweltbelastung ist dem Fernseher zuzuschreiben, da fast jede Familie (96 Prozent) und beinahe jeder dritte Jugendliche einen besitzt und dieser mehr Ressourcen verbraucht als kleinere Geräte. Ausserdem verursacht die hohe Bildauflösung einen grossen Datentransfer im Rechenzentrum und frisst entsprechend Strom. Unabhängig davon, welches Gerät verwendet wird, ist das Anschauen von Videos wegen der grossen Datenmenge jeweils die energieintensivste Nutzung.

Je mehr und je häufiger also neue Geräte gekauft werden, desto grösser sind die negativen Folgen für die Umwelt. Aufgrund dieser Forschungserkenntnisse testeten die ZHAW-Forschenden zusammen mit der Klimaschutzorganisation myblueplanet und der Agentur Spinas Civil Voices neue Wege, um Jugendliche für einen umweltbewussten Umgang mit ihren Smartphones zu gewinnen. Mit einer Sensibilisierungskampagne sollten Jugendliche dazu motiviert werden, öffentlich ein Versprechen abzugeben, ihr Handy mindestens drei Jahre lang zu nutzen. Um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, wurde ein fiktives Crowdfunding für das langlebigste Mobiltelefon aller Zeiten lanciert: das ugPhone. Dieses ist zwar absolut widerstandfähig und daher umweltschonend, aber auch dermassen unpraktisch, dass es Jugendlichen wie eine Strafe vorkommen muss. «Mit diesem humorvollen Zugang sollen Jugendliche motiviert werden, ihr eigenes Handy möglichst lang zu nutzen, damit ein so unpraktisches Smartphone wie das ugPhone nie Realität wird», erklärt ZHAW-Forscher Urs Müller. Verbreitet wurde die Kampagne vor allem auf Social Media, unterstützt von Schweizer Influencern.