«Ich interessiere mich für fast alles»

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Kay Schaller. (Bild: zvg)

Kay Schaller. (Bild: zvg)

Kay Schaller wurde am Montag zum neuen VSETH-Präsident gewählt. Er übernimmt dieses wichtige Amt der Studierendenvertretung von seinem Vorgänger Thomas Gumbsch. Erholung von seinem Chemiestudium erwartet Schaller nicht; dafür erhofft er sich umso mehr wertvolle Erfahrungen für seine berufliche Zukunft.


ETH-News: Herr Schaller, wie verlief ihr erster Tag als Präsident des Verbands der Studierenden an der ETH Zürich (VSETH)?
Kay Schaller: Heute war ich zusammen mit dem Vorstand beim Stab der Rektorin, um mich vorzustellen. Wir wurden herzlich empfangen und die Stimmung war sehr angenehm. So richtig los geht’s dann aber erst nächste Woche, wenn wir die Ressorts innerhalb des Vorstands verteilt und die Vorstandsmitglieder ihre Arbeitsplätze eingerichtet haben.

Mit der Wahl des neuen Präsidenten wurde also auch gleich der Vorstand erneuert?
Vier Vorstandsmitglieder waren schon dabei, und acht wurden für ein Jahr neu gewählt. Zum ersten Mal seit längerem ist auch wieder ein Doktorand dabei, was ich persönlich sehr begrüsse.

Wieso wurden gerade Sie zum neuen Präsidenten gewählt?
Da fragen Sie am besten die Delegierten der Fachvereine (lacht). Ich war sowohl im Mitgliederrat des VSETH, als auch im Fachvereinsrat tätig. Dort amtete ich letztes Jahr als Delegierter für die VCS, den Fachverein, dem neben den Studierenden der Interdisziplinären Naturwissenschaftlern und den Chemieingenieuren auch die Chemiker angehören. Dort war ich für das Ressort Hochschulpolitik verantwortlich. Deshalb kannten mich viele aus den VSETH-Gremien bereits.

Sie studieren Chemie und haben diesen Sommer das Bachelorstudium abgeschlossen. Nun legen Sie ein Jahr Pause ein. Was reizt Sie an der Aufgabe des VSETH-Präsidenten, dass Sie dafür sogar ihr Studium unterbrechen?
Ich war mein ganzes Leben lang in der Pfadi und habe immer viel ehrenamtliche Arbeit geleistet. Während dem vergangenen Jahr habe ich dann meine Freude an der Hochschulpolitik entdeckt. Als Fachvereinsvertreter habe ich viel dazugelernt, und ich wollte damit weitermachen, aber den Aufgabenbereich noch etwas ausbauen. Dafür ist das VSETH-Präsidium ideal. Hier kommen alle Fäden zusammen, und man kann vieles bewirken. Ausserdem arbeite ich sehr gerne im Team. Ich finde es deshalb spannend, dass auch die meisten Kollegen und Kolleginnen im Vorstand neu sind und wir nun zuerst zu einem Team zusammenwachsen müssen.

Was glauben Sie, was brennt den Studierenden derzeit unter den Nägeln?
Was uns dieses Jahr sicher beschäftigen wird, ist die Evaluation der Testatabschaffung. Testate sind eine Bescheinigung für gelöste Aufgaben während des Studiums und wurden vor zwei Jahren als Pilotprojekt abgeschafft. Nun ist es an der Zeit, die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen.

Die Sistierung der Schweizer Teilnahme am Studierendenaustausch-Programm «Erasmus» durch die EU war für Ihren Vorgänger ein wichtiges Thema. Wird Sie Erasmus weiterhin beschäftigen?
Das hat sich etwas beruhigt, weil wir ja nun trotzdem daran teilnehmen können. Erasmus würde wohl erst wieder zum Thema, wenn es zu neuen politischen Entwicklungen käme.

Wo sehen Sie heute an der ETH noch Verbesserungspotenzial und wofür möchten Sie sich einsetzen?
Die Mitsprachemöglichkeit ist derzeit noch nicht in allen Gremien ideal. Wir würden es begrüssen, wenn die Fachvereine das Geschehen in den Departementen noch stärker mitbestimmen könnten. Zum Beispiel durch mehr Mitsprache darin, wie Vorlesungen organisiert werden oder ein Studium generell aufgebaut ist. Eine grössere Unzufriedenheit innerhalb der Studierenden ist mir aktuell jedoch nicht bekannt. Auch die diesjährige Zufriedenheitsumfrage unter den ETH-Studierenden zeigte keine gravierenden Mängel.

Was schätzen Sie denn persönlich an der ETH?
Als Chemiestudent ist man hier sehr verwöhnt! Die Lehre und die Rahmenbedingungen sind ideal, da gibt es wohl kaum Vergleichbares. Und was ich an der ETH im Vergleich zu anderen Top-Universitäten schätze, ist der freie Zugang zum Studium. Es wird nicht wie anderswo nach teils abstrusen Kriterien ausgewählt, wer überhaupt zum Studium zugelassen wird und wer nicht. Vielmehr dürfen alle mit einer Matura während einem Jahr zeigen, was sie auf dem Kasten haben. Dann entscheidet sich, ob man bleiben darf oder nicht.

War für Sie schon während der Matura klar, dass Sie an der ETH studieren werden?
Nein, ich habe die etwas spezielle Angewohnheit, dass ich mich für praktisch alles interessiere. Nach der Matura wusste ich zwar, dass ich studieren will, aber nicht, in welchem Gebiet. Deshalb sass ich in meinem Zwischenjahr in möglichst viele Vorlesungen, darunter Geschichte, Politikwissenschaften, Wirtschaft, Lebensmitteltechnologie und Chemie. Am Schluss kristallisierten sich dann zwei komplett unterschiedliche Möglichkeiten heraus. Ich musste am Ende eine Münze werfen.

Kopf stand für Chemie. Wofür wäre die Zahl gestanden?
Geschichte und Politikwissenschaften an der Uni Zürich. Doch am Ende war ich sehr froh, dass ich mich für Chemie entschieden hatte, weil man hier nicht nur Vorlesungen besucht, sondern auch Praktika absolviert, während welchen man auch handwerklich arbeiten kann. Das ist ein sehr guter Ausgleich.

Wird Ihnen die Chemie im kommenden Jahr nicht fehlen?
Doch, als Fachgebiet schon. Denn je tiefer man hineinschaut, desto faszinierender wird es. Ich bin hingegen froh, dass ich nächstes Jahr nicht schon wieder eine Blockprüfung schreiben muss. Die drei Blockprüfungen während des Bachelors, in denen jeweils der Stoff des gesamten vergangenen Jahres geprüft wird, sind nämlich sehr anstrengend.

Verbinden Sie mit dem VSETH-Präsidium also auch die Hoffnung, wieder mehr Zeit für anderes als das Studium zu finden?
Anderes schon; aber das werden vor allem Tätigkeiten in Rahmen des VSETH sein. Wer sich mehr Freizeit erhofft, ist im VSETH-Präsidium fehl am Platz. Ich konnte dem Vorstand im vergangenen Jahr etwas über die Schulter schauen und kam zum Schluss: Langweilig wird’s einem dabei sicherlich nicht.