Im Einsatz für den Frieden

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Therese Adam: «Mir wurde klar, dass es ohne Frieden keine Entwicklung geben kann

Therese Adam: «Mir wurde klar, dass es ohne Frieden keine Entwicklung geben kann.» (Bild: Daniel Winkler)

Therese Adam war 28 Jahre lang im diplomatischen Dienst und setzte sich für Frieden und Entwicklung ein. Heute gibt die ETH-Alumna ihr Wissen als Dozentin weiter.

Für Therese Adam sind Beruf und Freizeit nicht voneinander zu trennen: «Beides ist in meinem Leben stets ineinandergeflossen». Die pensionierte Diplomatin leitete während fast drei Jahrzehnten Schweizer Auslandsmissionen in über 40 Ländern, war Vizedirektorin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des Aussendepartements (EDA) sowie Schweizer Botschafterin in -Mosambik und führte unzählige Verhandlungen mit internationalen Organisationen oder Konfliktparteien.

Ausgleich zu ihren anspruchsvollen Aufgaben fand sie bei Anlässen, die wiederum mit der Arbeit zu tun hatten. Auf Dienstreisen in Afrika, Zentralasien oder Russland lernte sie an Konzerten neue Musikstile kennen und besuchte Kunstausstellungen. Sie traf Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und debattierte mit ihnen über Gott und die Welt - etwas, das ihr viel positive Energie gibt. «So sieht für mich Freizeit aus», sagt Adam.

Die heute 69-Jährige kam auf Umwegen zur Diplomatie. Nach der Matura entschied sie sich zunächst für ein Studium der Agrarwissenschaften an der ETH. «Ich wollte einen Beruf ergreifen, mit dem ich später ins Ausland gehen konnte», erzählt sie. Das Studium schien ihr als Vorbereitung darauf gut geeignet, da es thematisch breit aufgestellt war. Zudem vereinte es ihre beiden Interessenspole: Naturwissenschaften und Gesellschaft.

Beides fesselte sie bereits als Kind: In der Garage ihres Elternhauses in Solothurn richtete sie sich ein kleines Chemielabor ein. Mit dem Vater teilte sie die Leidenschaft für Fossilien, welche die beiden auf Wanderungen im Jura sammelten. Vielleicht grösser noch war ihre Neugier auf fremde Länder und Kulturen: Schon als Zwölfjährige verschlang sie alle Bücher, die sie darüber finden konnte. «Durchs Lesen wurde mir aber auch früh bewusst, dass es viel Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt gibt», sagt Adam. Entsprechend faszinierten sie Persönlichkeiten, die für mehr Gerechtigkeit eintraten, wie etwa John F. Kennedy und Martin Luther King für das Ende der Rassendiskriminierung in den USA oder die Vertreter der Befreiungstheologie in Südamerika, die für die Rechte der Armen kämpften.

Schritt ins Ausland

Davon inspiriert engagierte sie sich während ihres Studiums in der Kommission für Entwicklungsfragen des Studierendenverbands VSETH. Nach dem Abschluss als Ingenieur-Agronomin (Dipl. Ing. ETH) belegte sie einen Nachdiplom-Studiengang am NADEL, dem Zentrum für Entwicklung und Zusammenarbeit an der ETH. Den Plan, im Ausland zu arbeiten, konnte Adam bald darauf verwirklichen: 1980 ging sie zusammen mit ihrem Lebenspartner - einem Elektroingenieur, der ebenfalls an der ETH studiert hatte - für vier Jahre nach Mosambik und anschliessend für drei Jahre nach Madagaskar. Sie arbeitete als wissenschaftliche Beraterin der dortigen Landwirtschaftsministerien mit lokalen Fachleuten zusammen.

Obwohl sie die Arbeit bereichernd fand, begann sie sich irgendwann zu fragen, ob sie nicht anderswo mehr bewirken könnte. In Mosambik hatte sie erlebt, wie viel Zerstörung der Bürgerkrieg anrichtete, auch in der Landwirtschaft. «Mir wurde klar, dass es ohne Frieden keine Entwicklung geben kann.» Um sich künftig stärker für Demokratie und Friedensförderung einsetzen zu können, bewarb sie sich bei der DEZA. Dort war sie zunächst vier Jahre lang wissenschaftliche Expertin für die Westafrikasektion und konnte dann 1991 als Landesdirektorin der Schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit nach Niger gehen. «Es war eine grosse Chance für mich», sagt Adam, die als erste Frau diesen Posten innehatte.

Von Rebellen bedroht

Sie war mit einem kleinen Team in der Hauptstadt Niamey im Süden des Landes stationiert und zuständig für die Koordination der Entwicklungszusammenarbeit, konsularische Dienste sowie die Sicherheit der Schweizerinnen und Schweizer vor Ort. Insbesondere Letzteres war eine grosse Herausforderung, denn Tuareg-Rebellen machten den Norden des Landes unsicher, sodass immer wieder Leute in Sicherheit gebracht werden mussten. Adam erhielt Drohbriefe, was eine durchaus ernst zu nehmende Gefahr war: Ihr Amtskollege in Mali war ein Jahr zuvor von Tuareg-Rebellen ermordet worden. Hatte sie nie Angst? Adam zögert einen Augenblick und sagt dann: «Mehr um die anderen als um mich.»

Ihre zurückhaltende Antwort passt sehr gut zu ihrer Rolle als Vermittlerin in Konflikten, die sie während ihrer weiteren Laufbahn häufig übernahm. Die wichtigsten Eigenschaften dafür: «Gut zuhören können und sich selbst nicht zu wichtig nehmen», sagt Adam. Nach ihrer Rückkehr aus Niger wurde sie zunächst Chefin der Sektion Globale Umwelt der DEZA in Bern. Sie vertrat unter anderem die Schweiz an multilateralen Verhandlungen von UNO-Umweltkonventionen. Anschliessend wurde sie Vizedirektorin der DEZA und leitete von 2001 bis 2010 den Bereich der Ostzusammenarbeit. Zu Beginn war sie mit dem Erbe der erst kürzlich beendeten Balkankriege konfrontiert: verbrannte Häuser, vermintes Land, vertriebene Menschen.

Dankbar, dabei zu sein

Zu ihren Aufgaben gehörte, die Wiedereingliederung von Flüchtlingen und den Aufbau demokratischer Strukturen zu unterstützen sowie zwischen Konfliktparteien zu vermitteln. Sie staunte darüber, wie beispielsweise Kosovo innerhalb weniger Jahre von einem völlig verwüsteten Land zu einem unabhängigen Staat wurde. «Ich bin sehr dankbar, das miterlebt zu haben.» Das gilt auch für die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung, die sie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sowie in den Beitrittsländern der EU-Erweiterung 2004 begleitete - mit ein Grund, weshalb für Adam die Zeit als Chefin des Bereichs der Ostzusammenarbeit die wichtigste ihre Karriere war.

Auch als Schweizer Botschafterin in Mosambik zwischen 2010 und 2014 lag ihr am Herzen, Friedensund Demokratieprozesse zu unterstützen. Der Bürgerkrieg dort war zwar schon lange vorbei, doch der Frieden labil: 2013 flammten im Vorfeld von Wahlen alte Konflikte zwischen der Regierung und der Oppositionspartei wieder auf. Als Vertreterin der neutralen Schweiz beriet Adam lokale Vermittler zwischen den Konfliktparteien - etwas, das viel Fingerspitzengefühl erfordert. «Man trägt grosse Verantwortung, kann aber auch viel bewirken.» Die Verhandlungen mündeten schliesslich in einen Waffenstillstand, sodass die Wahlen stattfinden konnten.

Zweite Karriere als Dozentin

Ein besonderes Anliegen war Adam immer die Frauenförderung. In Mosambik gründete sie mit Botschafterinnen aus anderen Ländern das «Lady Ambassadors»-Netzwerk, das sich auch mit lokalen Politikerinnen über Genderfragen austauschte. Und als Vizedirektorin der DEZA sorgte sie dafür, dass auch in Führungspositionen Jobsharing möglich wurde. Heute, nach ihrer Pensionierung, engagiert sie sich für die Nachwuchsförderung: Sie unterrichtet Globale Gouvernanz und Diplomatie an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der ETH. Es macht ihr viel Freude, ihren Erfahrungsschatz weiterzugeben. Ausserdem unterstützt sie über die ETH Foundation die Exzellenzstipendien der ETH, die herausragenden Masterstudierenden aus der Schweiz und aller Welt ein Studium an der ETH ermöglichen. Ihr gefällt, dass dabei auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet wird: «Mir ist wichtig, dass Männer und Frauen gleiche Chancen bekommen.»

Dieser Text ist in der Ausgabe 21/01 des ETH-Magazins Globe erschienen.

Zur Person

Therese Adam: Die Ingenieur-Agronomin (Dipl. Ing. ETH) arbeitete nach dem Studium in Mosambik und Madagaskar. Von 1987 bis zur Pensionierung 2014 war sie für die DEZA/EDA tätig, unter anderem als Vizedirektorin und Chefin des Bereichs Ostzusammenarbeit sowie als Schweizer Botschafterin in Mosambik. Nun ist sie als Dozentin tätig.

Claudia Hoffmann

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