Intellektueller auf Gullivers Spuren

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Engagierte sich, wenn es darum ging, das Forschungssystem kritisch zu beleuchten

Engagierte sich, wenn es darum ging, das Forschungssystem kritisch zu beleuchten und Standpunkte der Wissenschaft gesellschaftlich einzubetten: Gerd Folkers ( Florian Bachmann / ETH Zürich)

Nach seiner Emeritierung vor Jahresfrist gab Gerd Folkers nun auch die Zügel als prägender erster Leiter der Critical Thinking Initiative in andere Hände. Mit ihm verabschiedet sich einer der vielseitigsten Intellektuellen von der ETH, der dem Wissenschaftsbetrieb auch immer einen Spiegel vorhielt.

«Gullivers Reisen» haben es ihm angetan. Der Abenteurer aus Jonathan Swifts rund 300-jährigem Klassiker, der sich immer wieder magisch von fremden Welten angezogen fühlt und vorbehaltlos auf sie eingeht, ist einer von Gerd Folkers’ Säulenheiligen. Liess ihm seine Beanspruchung als Dozent und Forscher einmal Zeit, um in sich zu gehen, bot das Werk einen wichtigen Orientierungspunkt: «Es sind die erfrischenden, perfekt inszenierten Perspektivenwechsel, die mich an Gulliver immer aufs Neue verblüffen», so Gerd Folkers. Perspektivenwechsel: ein Schlüsselbegriff für sein Wirken in den vergangenen rund fünfzehn Jahren.

Seit 1991 ausserordentlicher, seit 1994 ordentlicher ETH-Professor für pharmazeutische Chemie, lehrte und forschte er über das molekulare Design von bioaktiven Molekülen und deren Einsatz in Tumortherapien und Erkrankungen des Immunsystems. Seine Kreativität und Tatkraft blieben bereits in dieser Zeit nicht auf sein Spezialgebiet beschränkt. So sorgte er als Leiter des Center of Pharmaceutical Sciences Basel-Zurich in den neunziger Jahren zielstrebig dafür, dass zwischen der ETH und der Uni Basel Vorlesungen in hoher Qualität übertragen werden konnten, samt der Möglichkeit standortübergreifender Interaktion. Mit dieser Verbindung zweier Hörsäle zu einem einzigen virtuellen Raum - damals eine technische Pioniertat - verschaffte Folkers dem für die Schweizer Pharmazieforschung zentralen Standort Basel einen wichtigen Schub.

Vom Grundlagenzum Wissenschaftsforscher

An der ETH machte er sich bald mit Wortmeldungen einen Namen, die zeigten, dass ihm viel daran lag, die wissenschaftliche Praxis zu hinterfragen. So leitete er in den frühen Nullerjahren über zwei Semester eine öffentliche Veranstaltungsreihe unter dem Titel «Wissenschaft kontrovers», in der Themen wie Fälschungen in der Wissenschaft, Industrieabhängigkeit von Forschung oder der Hype um die Nanotechnologie debattiert wurden. Wenn es darum ging, Standpunkte der Wissenschaft gesellschaftlich einzubetten oder über Sinn und, manchmal auch Unsinn, der Forschung nachzudenken, war der eloquente «Apotheker der ETH», wie er sich halb im Scherz gern selbst bezeichnet, oft zur Stelle.

Deshalb konnte der persönliche Perspektivenwechsel, den er 2004 vollzog, eigentlich nicht überraschen. In jenem Jahr übernahm Gerd Folkers die Leitung des Collegium Helveticum, des Thinktanks für transdisziplinäre Studien von Universität Zürich, ETH Zürich und Zürcher Hochschule der Künste. Von der pharmazeutischen Grundlagenforschung zog es ihn jetzt sichtbar in die Position des Forschers, der den Wissenschaften neue Blickfelder eröffnet, indem er sie miteinander reagieren liess. Als Direktor des Collegiums prägte er dessen Umgestaltung von einem Graduiertenkolleg für junge Forschende zu einem Institut, das Professorinnen und Professoren aller drei Hochschulen und aus unterschiedlichen Forschungsgebieten zusammenbringt. Diese verpflichten sich für eine mehrjährige Periode und widmen sich in dieser Zeit einem Schwerpunktthema - wie etwa «Reproduzierbarkeit, Vorhersage, Relevanz», das Gerd Folkers bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2015 koordinierte.

Kritischer Vordenker

Als unter dem damaligen ETH-Rektor und späteren -Präsidenten Lino Guzzella ab 2012 eine Initiative für kritisches Denken an der ETH gestartet und ein Repräsentant dafür gesucht wurde, war Gerd Folkers auch hier die natürliche Wahl. Er verkörperte unterdessen wie kein zweiter an der ETH die umfassende wissenschaftliche Selbstreflexion. «Kritisches Denken kann ja nicht einfach verordnet werden, es ist eine Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Qualität», sagt er. «Sie muss sich als Haltung entwickeln können und deshalb primär in die Curricula eingebaut werden.»

In den Geisteswissenschaften sei tastendes, suchendes Denken samt Irrwegen selbstverständlich, meint Gerd Folkers. Demgegenüber beobachte er in den Naturwissenschaften weltweit und vor allem der modernen Biomedizin, wo enorme Mittel im Spiel sind, einen wachsenden Trend, Risiken zu vermeiden und den Nutzen von Forschung zu in den Vordergrund zu stellen - auf Kosten der Kreativität. Dem gelte es entgegenzuwirken. Die Chancen dafür ständen, an der ETH Zürich zumindest, gut: «Unsere Hochschule war immer bekannt dafür, sich nicht beeinflussen zu lassen, und keine Abstriche an ihrem enormen Qualitätsanspruch zu dulden. Daher rührt ein guter Teil ihres hervorragenden Rufs», so Gerd Folkers und bringt seinen Gedanken - wie sonst - mit einem Perspektivenwechsel auf den Punkt: «Ich hoffe, die ETH rückt trotz dem Druck der ’Strasse’ nicht von dieser Maxime ab. Das bedingt vielleicht den Verzicht auf ein paar kurzfristige Gewinne. Langfristig aber ist es der richtige Weg zum Erfolg.»

Norbert Staub