Kritische Stimmen fördern

Kritische Stimmen fördern

Die ETH Zürich hat im Beisein zahlreicher Gäste den traditionellen ETH-Tag 2014 feierlich begangen. Der abtretende ETH-Präsident Ralph Eichler wurde speziell gewürdigt. Im Zentrum der Reden stand die Besorgnis um eine zunehmende Isolierung der Schweiz.

«Eine gute Hochschule vermittelt nicht primär Wissen, sondern die Fähigkeit zu denken». Dies sagte ETH-Rektor Lino Guzzella in seiner Rede zum diesjährigen ETH-Tag. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssten ihren Forschungsansatz sorgfältig auswählen, dabei die Suchrichtung immer wieder justieren und ihre eigenen Resultate selbstkritisch prüfen. Kritische Stimmen sind deshalb nicht nur zuzulassen, sondern sogar zu fördern. Die ETH Zürich sei deshalb daran, mit einer breit abgestützten Initiative das eigenständige Reflektieren noch verstärkt ins Curriculum ihrer Studierenden aufzunehmen.

Aber auch der Dialog mit Menschen ausserhalb des Hochschulbereichs sei wichtig, erklärte der ETH-Rektor weiter. So führten insbesondere die Beziehungen zwischen Forschung und Wirtschaft in jüngster Vergangenheit zu einigen Debatten. Zuerst gelte es festzuhalten, dass die ETH den gesetzlichen Auftrag habe, mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten. Andererseits müssten Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen korrekt abgewickelt werden. Transparenz und Unabhängigkeit seien zentrale Werte einer Hochschule wie der ETH. So könnten alle Donationsverträge eingesehen werden, und alle diese Verträge müssten die Lehrund Forschungsfreiheit wie auch das Recht auf Publikation der Forschungsergebnisse garantieren, hielt Guzzella fest.

Rankings und Abstimmungsergebnisse


Der Rektor äusserte sich besorgt über die zunehmende Tendenz zur «Boulevardisierung» des Hochschulbetriebs. Am klarsten sichtbar sei diese bei den immer mehr um sich greifenden Rangierungslisten. «Eine gute Position in diesen Rankings ist das Nebenprodukt einer guten Hochschulentwicklung und nicht deren Ziel. Rankings sind wie Aktienkurse: Man darf sie nicht ignorieren, aber man darf sie auf keinen Fall als einzigen Indikator der Qualität verwenden», betonte Guzzella.

Zum Schluss ging der ETH-Rektor noch auf das Thema Offenheit und Internationalität ein. Das Resultat der Abstimmung vom 9. Februar dieses Jahres sei ein demokratisch gefällter Entscheid und als solcher von allen zu akzeptieren. Gleichzeitig müsse er aber als einer der Verantwortungsträger dieser Hochschule darauf hinweisen, dass die ETH auf einen ungehinderten Zugang zum globalen Talentpool angewiesen sei, um ihren Auftrag erfüllen zu können. «Die ETH ist für die Schweiz unter anderem deshalb nützlich, weil sie brillante Köpfe aus der ganzen Welt hierher holt und diese Menschen in der Schweiz integriert», so der ETH-Rektor.

Swiss Innovation Valley


Der SNF-Präsident Martin Vetterli entwickelte in seiner Rede eine Vision der Forschungslandschaft Schweiz. (Bild: ETH Zürich / Oliver Bartenschlager)

Martin Vetterli, Präsident des Nationalen Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds SNF, machte in seiner Festansprache die zahlreichen Vernetzungen zwischen der Schweizer und der europäischen Forschung sichtbar. Die Schweiz, welche 0,11 Prozent der Weltbevölkerung ausmache, produziere 1,2 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen. Damit ist die Schweiz weltweit auf Platz 1 bezüglich Publikationen pro Kopf. Gemäss einer kürzlich von Nature durchgeführten Studie hätten aber mehr als zwei Drittel aller erscheinenden Schweizer Publikationen mindestens einen ausländischen Autor oder eine Autorin.

Vetterli rekurrierte in seine Rede auf das unbeugsame Gallische Dorf aus Asterix und Obelix. Das Vorwort von Asterix erinnere ihn stark an gewisse Tendenzen in der heutigen Schweizer Politik, insbesondere mit Europa. Was ihn aber früher schmunzeln liess, mache ihn heute nervös, so der SNF-Präsident. Im Gegensatz zu den Galliern im Comic verfügten die Schweizer nämlich nicht über einen Zaubertrank. Aus diesem Grund formulierte Vetterli deutlich: «Die Schweiz muss langfristig am europäischen Forschungsraum teilhaben. Daran führt kein Weg vorbei. Die gegenwärtige politische Isolierung wird sonst zu einem Verlust der schweizerischen Wissenschaftsexzellenz führen - und damit auch zum Verlust eines wichtigen Innovationsund Wirtschaftsmotors unseres Landes.»

Der SNF-Präsident entwickelte eine Vision der Forschungslandschaft Schweiz, in der er das Land mit dem amerikanischen Silicon Valley verglich. Bei der Einwohnerzahl, dem Territorium und der Qualität der Hochschulen zeigte Vetterli erstaunliche Parallelen zwischen den beiden Regionen auf. Während allerdings im Silicon Valley die Risikokapitalsumme enorm viele höher sei, sei dafür die Infrastruktur in der Schweiz viel besser. Vetterlis Fazit aus dem Vergleich: «Die Schweiz könnte für Europa die Rolle spielen, wie sie das Silicon Valley in Amerika spielt.»

Würdigung von ETH-Präsident Ralph Eichler


Bei der diesjährigen Feier wurde zudem ETH-Präsident Ralph Eichler speziell geehrt, der nach sieben Jahren sein Amt 2015 an Lino Guzzella übergeben wird. Der Präsident des ETH-Rats, Fritz Schiesser, würdigte die grossen Verdienste von Ralph Eichler nicht nur als Präsident der Hochschule, sondern auch als langjähriges Mitglied des ETH-Rats, dem strategischen Führungsund Aufsichtsorgan des Bundes für den ETH-Bereich. Er betonte zudem die grosse Bedeutung der ETH Zürich für den gesamten Bildungs-, Forschungsund Innovationsplatz und bezeichnete die Hochschule als «eine Erfolgsgeschichte, auf die die Schweiz stolz sein kann». Einen Blick in die Zukunft nahm Ralph Eichler in seinem Grusswort vor und unterstrich, wie wichtig die Autonomie für jede Hochschule sei. «Keine Bundesbeamtin, kein ETH-Präsident kennt die Zukunft, somit müssen wir breit aufgestellt sein, um mögliche Entwicklungspfade auszuloten», erklärte der ETH-Präsident.

Die ETH Zürich würdigte zwei Forschende für ihre ausserordentlichen Leistungen in Wissenschaft, Lehre und Praxis mit der Ehrendoktorwürde. Der 1940 geborene Peter J. Bickel ist Professor für Statistik an der University of California, Berkeley, und hat mit seinen fundamentalen Beiträgen in diversen Gebieten die mathematische Statistik modernisiert und grundlegend beeinflusst. Er gilt zudem auch als hervorragender Lehrer, da viele seiner ehemaligen Studierenden bedeutende Positionen auf dem Gebiet der Statistik und der ökonomie einnehmen. Nick McKeown ist der zweite neue Ehrendoktor der ETH Zürich. Der Professor für Elektrotechnikund Computerwissenschaften an der Stanford University wurde 1963 in England geboren. Er hat sich einen Namen gemacht mit seinen bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Computernetzwerke, insbesondere auch mit seinen Beiträgen zur Architektur von Internet-Routern und von «Software Defined Networking».

Der amtierende ETH-Rektor Lino Guzzella gratuliert der designierten Rektorin Sarah Springman zur Goldenen Eule. (Bild: ETH Zürich / Oliver Bartenschlager)

Am ETH-Tag zeichnen die Studierenden Lehrpersonen für ihre engagierte und exzellente Lehre aus. Pro Departement erhalten jeweils eine Dozentin respektive ein Dozent eine Goldene Eule vom Verband der Studierenden an der ETH Zürich (VSETH). Im Departement Bau, Umwelt und Geomatik vergaben die Studierenden dieses Jahr den Preis an Professor Sarah Springman, die ihr Amt als neue ETH-Rektorin am ersten Januar 2015 antreten wird. Basierend auf der Umfrage bei den Studierenden für die Vergabe der Goldenen Eule werden auch die Kandidatinnen und Kandidaten für einen weiteren Award im Bereich Lehre ermittelt. Den Credit Suisse Award for Best Teaching 2014 erhält Assistenzprofessor Michael Eichmair vom Departement Mathematik.