Mit krummen Rüebli und fleckigen Kartoffeln

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Nachhaltigkeit

Von: Dr. Claudio Beretta

Ethisch und ökologisch können wir uns Foodwaste nicht länger leisten, findet Claudio Beretta. Doch bei der Vermeidung stehen wir erst am Anfang.

Heute hat sich das geändert. Mittlerweile ist Foodwaste ein Thema in den hiesigen Medien, und die Lebensmittelbranche kommt nicht mehr darum herum, Stellung zu nehmen und Strategien gegen die Verschwendung aufzuzeigen. Es gibt immer mehr Studien zum Thema, und auch die Politik hat die Nahrungsmittelabfälle prominent auf die Agenda genommen.

Dies nicht zuletzt wegen dem Sustainable Development Goal 12.3 der Uno: Das Ziel für nachhaltige Entwicklung will Foodwaste pro Kopf auf Detailhandelsund Konsumentenebene bis 2030 halbieren und die Lebensmittelverluste in Landwirtschaft und Verarbeitung reduzieren. Unabhängig davon sind hierzulande etliche Projekte aus Eigeninitiativen entstanden, welche direkt oder indirekt Lebensmittel vor der Vergeudung retten.1

Es passiert einiges, aber nicht genug

Wer diesen Wandel der letzten Jahre beobachtet, mag sich fragen: Wo stehen wir denn jetzt? Tatsächlich wecken die mediale Präsenz des Themas und die kreativen Initiativen die berechtigte Hoffnung, dass wir die Foodwaste-Problematik in den Griff bekommen. Gerade in einem Land wie der Schweiz müsste das doch möglich sein. Doch wenn wir die Situation hierzulande genauer anschauen, müssen wir gnadenlos feststellen: Wir stehen noch ganz am Anfang.

Heute fallen über alle Glieder der Schweizer Lebensmittelkette 2.8 Millionen Tonnen vermeidbare Lebensmittelverluste an. Dies entspricht etwa 330 kg vermeidbarem Lebensmittelabfall pro Person und Jahr oder 37 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion im In- und Ausland zur Deckung des Schweizer Lebensmittelkonsums.2

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Ein Beispiel verdeutlicht die Relationen: Über Spendenorganisationen wie Tischlein deck dich, Schweizer Tafel und Partage werden schweizweit jährlich Lebensmittel in der Grössenordnung von 10’000 Tonnen gerettet. Weitere rund 200 Tonnen bewahren die knapp 3’000 Foodsaver von Foodsharing Schweiz jährlich. In Anbetracht der vielen Freiwilligenarbeit, welche dahinter steckt, ist dies eine grossartige Leistung. Doch verglichen mit den über 300’000 Tonnen, welche alleine im Schweizer Detailhandel und der Gastronomie anfallen, liegen diese Zahlen nur im Bereich von einigen Prozenten.

Es gibt zwar vereinzelt Leuchtturmprojekte wie etwa den Gastronomiebetrieb «Mein Küchenchef», bei dem Lebensmittel praktisch ohne Verlust vom Hof auf den Teller gelangen. Aber vorbildlich Foodwaste vermeidende Betriebe bilden noch immer die Ausnahme und nicht die Regel.

Ein ambitionierter, aber notwendiger Schritt

Machen wir uns nichts vor: In Zeiten von Klimawandel und kriselnder Ökosysteme sind unnötig vergeudete Lebensmittel ethisch, ökologisch und nicht zuletzt finanziell untragbar. Meiner Ansicht nach sollte Schweiz das nachhaltige Entwicklungsziel 12.3 der Uno darum ernsthaft anstreben. Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung fällt dabei uns allen als Konsumentinnen und Konsumenten zu. Wie wir uns verhalten und was wir nachfragen beeinflusst nicht nur die Verluste im eigenen Haushalt, sondern im gesamten Ernährungssystem.

Eine Halbierung der vermeidbaren Abfälle bis 2030 könnte zudem 9-15 Prozent der Klimaeffekte unserer Ernährung einsparen, was etwa 1.5 bis 2 Prozent der Klimaemissionen unseres gesamten Konsums entspricht. Dies mag auf den ersten Blick wenig erscheinen. Es gibt aber kaum einen anderen Handlungsbereich, bei dem wir mit so einfachen Massnahmen wie «in den Kühlschrank schauen vor dem Einkaufen» oder «Buffetüberschüsse mit einem Tupperware mitnehmen und später essen» so viel bewirken können.

« Wer erkennt, dass uns Lebensmittel mit Mass glücklicher machen als Lebensmittel in Massen, ist auf dem besten Weg zu einem bewussten Konsumverhalten. » Claudio Beretta


Weniger Foodwaste ist zwar nur ein Mosaikstein der nötigen Klimamassnahmen, aber ein ganz zentraler. Wer erkennt, dass uns Lebensmittel mit Mass glücklicher und gesünder machen als Lebensmittel in Massen, ist auf dem besten Weg zu einem rundum massvollen, bewussten Konsumverhalten.

Es ist Zeit, umzudenken. Und umdenken braucht immer auch Zeit. Vielleicht bieten die Feiertage zum Jahresende den einen oder anderen besinnlichen Moment, um sich des dringend nötigen Wandels bewusst zu werden. Das Festessen mit unförmigen Kartoffeln und krummen Rüebli zu garnieren, wird dann gar nicht mehr so abwegig sein. In diesem Sinne wünsche ich restlos frohe Festtage.