Muhammad als formidabler Risikomanager

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Zurich - University of Zurich

«Islamic Banking» ist kein Nischenprodukt mehr. Auch Schweizer Banken wie UBS und CS verfügen heute über Scharia-konforme Anlagemöglichkeiten. Zum Erfolg des «Islamic Banking» beigetragen hat nicht nur die Finanzkrise, sondern auch die Diffamierung des Islams nach 9/11.

Stefan Leins

Die staatliche Rettung von Banken in der Finanzkrise sorgte weltweit für Schlagzeilen. Interessant ist, dass islamische Banken zwar ebenfalls Verluste auf den Immobilien- und Aktienmärkten erlitten, aber nie auf staatliche Hilfe oder fremde Kapitalspritzen angewiesen waren.

Die Anpassung der Finanzinstrumente an die Scharia (siehe den Hintergrundartikel von Chesney/Weber-Berg ) und insbesondere der verbotene Handel mit verbrieften Schuldpapieren entwickelte sich während der Subprime-Krise zu einem enormen Wettbewerbsvorteil. Die Islamic Banking-Branche war nicht durch toxische Papiere belastet und deshalb krisenresistenter.

Kein Wunder, wechselten viele konventionell agierende Kunden aus risikotechnischen Überlegungen während der Krise zu islamischen Banken. Allein die Bahrain Islamic Bank verzeichnete 2008 einen Mittelzufluss von umgerechnet knapp 600 Mio. Schweizer Franken.

Muhammad als Krisenmanager

Die Finanzkrise hatte für den islamischen Finanzmarkt jedoch nicht nur einen materiellen, sondern auch einen ideologischen Nutzen. Muslime gehen davon aus, dass die Befolgung der islamischen Rechtsquellen den Angehörigen des islamischen Glaubens langfristig nicht nur in spirituellen, sondern auch in weltlichen Angelegenheiten konkrete Vorteile verschaffe.

Die Krise wurde auf dem islamischen Finanzmarkt als weltliches Problem betrachtet, vor dem man durch die Anwendung der Scharia geschützt sei. Der Beweis schien vollbracht, dass der islamische Prophet Muhammad nicht nur wichtigstes Sprachrohr Gottes, sondern auch ein formidabler Risikomanager war. Die Finanzkrise bestätigte islamische Banker folglich nicht nur in ihrer Wirtschaftsform, sondern auch in ihrem Glauben an Gott selbst.

Ständig neue Finanzprodukte

Der Aufschwung des «Islamic Banking» hatte allerdings schon vor der Krise begonnen. Seit der Jahrtausendwende hat sich der islamische Finanzmarkt von einer kleinen, wenig beachteten Nische zu einem viel diskutierten globalen Phänomen entwickelt. Im Iran, Sudan und in Pakistan ist das «Islamic Banking» den Finanzinstituten gar staatlich vorgeschrieben.

Die Idee der Etablierung eines Islam-konformen Finanzmarktes bestand bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts und wurde erstmals nach der Ölkrise der 1970er Jahre von lokalen Finanzinstituten in Südostasien und der Golfregion aufgenommen und umgesetzt. Ihr Fokus lag dabei auf der Verwaltung des Vermögens wohlhabender Muslime.

Durch den Einstieg internationaler Finanzinstitute ins Islamic Banking erlebt der islamische Finanzmarkt seit einigen Jahren einen enormen Boom. Während Grossbritannien diesen Trend bereits früh erkannte und entsprechende Regulierungen für islamische Finanzprodukte einführte, hat sich der Bankenplatz Schweiz bislang nur marginal mit «Islamic Banking» befasst.

Gründe für die Thematisierung Scharia-konformer Produkte gäbe es genug: Seit 2006 agiert die Faisal Private Bank als erste und bislang einzige Bank in der Schweiz vollständig nach den Regeln der Scharia.

Auch die Schweizer Banken UBS, Credit Suisse und die Privatbank Sarasin verfügen über namhafte Islam-konforme Kundenangebote. Im Diskurs zwischen islamischen Gelehrten, Finanzexperten und Kunden werden ständig neue islamische Finanzprodukte entwickelt. Mittlerweile existiert für fast jede Dienstleistung, die im konventionellen Markt angeboten wird, ein Scharia-gerechtes Pendant.

Zugehörigkeit demonstrieren

Die Gründe für das rasante Wachstum sind vielschichtig. Einerseits ebnete die «Accounting and Auditing Organization for Islamic Financial Institutions» (AAOIFI) als verlässlicher Ansprechpartner den Weg für internationale Banken, die ihren Kunden durch «Islamic Windows», also Scharia-konforme Abteilungen innerhalb konventioneller Banken, islamisches Banking anbieten wollten.

Ein weiterer Faktor findet sich auf der Ebene der muslimischen Identität. Im Zuge der zunehmenden Diffamierung muslimischer Glaubensangehöriger seit 9/11 berichten islamische Banken von einer stark erhöhten Nachfrage nach islamischen Finanzprodukten.

Islamisch zu investieren, so argumentieren die Vertreter islamischer Finanzinstitute, sei eine Möglichkeit, die Zugehörigkeit zum Islam auf moderne Art und Weise zu demonstrieren. Für viele Kunden in der Golfregion gehört der Scharia-konforme Umgang mit Finanzen deshalb mittlerweile zum guten Ton. Der islamische Finanzmarkt repräsentiert eine stolze, selbstbewusste islamische Gemeinschaft.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Immer wieder wird gegenüber islamischen Banken der Vorwurf erhoben, nicht die Produkte selbst, sondern lediglich die Terminologie zu ändern: Die nach islamischer Auffassung verbotenen Zinsen würden einfach als Profit deklariert. Will ein Bankkunde etwa ein Auto kaufen, so wird ihm die Bank nicht einen Kredit gewähren und dafür Zins verlangen. Die Bank wird das Auto vielmehr selber kaufen und dem Kunden gegen einen zuvor festgesetzten Betrag vermieten.

Der erzielte Profit unterscheidet sich in der Tat meist nicht stark von einem konventionellen Zinsertrag. Aus der Sicht islamischer Banker ist die Kritik trotzdem unberechtigt. Nicht das Resultat, sondern der Prozess der Erwirtschaftung des Gewinns sei ausschlaggebend.

Laufend neu aushandeln

Welche Produkte im Islamic Banking erlaubt sind, ist allerdings nicht in Stein gemeisselt, sondern wird laufend neu ausgehandelt. Der fortwährende Diskurs darüber ist zentraler Bestandteil des islamischen Finanzmarktes.

Nicht nur kodierte Quellen wie der Koran oder Geschichten über die Lebensweise des islamischen Propheten Muhammad spielen in diesem Prozess eine grosse Rolle, sondern ebenso der Konsens der islamischen Gelehrten (igma), das Vergleichen moderner mit traditionellen Praktiken (qiyas), sowie die auf Logik basierende Interpretation islamischer Regeln (igtihad). Diese Vielzahl an verschiedenen Rechtsquellen macht die Scharia zu einem sich ständig wandelnden Rechtskodex.

So hatte die AAOIFI als einflussreichste Dachorganisation des islamischen Finanzmarktes im Frühling 2008 einen Grossteil der marktüblichen sukuk-Mechanismen (ein sukuk ist eine islamische Anleihe) als zinsähnlich deklariert und deshalb verboten.

Die internationale Finanzwelt staunte nicht schlecht: Dieselbe Organisation, welche die ersten kodierten Scharia-Standards erarbeitet und somit einen Grundkonsens des islamischen Finanzmarktes geschaffen hatte, verbot nun eines der profitabelsten islamischen Produkte.

Eine von globalen Akteuren erhoffte unveränderliche Definition islamischer Produkte wird es vermutlich auch in Zukunft nicht geben. Denn im Gegensatz zu westlichen Institutionen ist für islamische Banker bereits lange klar, dass der «islamische Charakter» eines Finanzprodukts nicht starr, sondern stets wandelbar ist.

Für seine Arbeiten zum islamischen Finanzmarkt forschte der Ethnologe Stefan Leins in Bahrain und beteiligte sich an internationalen Konferenzen in London und Istanbul. Im Frühjahrssemester 2010 leitet er an der Universität Zürich die Lehrveranstaltung «Anthropology of Finance – Der Finanzmarkt aus ethnologischer Sicht» . Darin wird es um aktuelle ethnologische Forschungen im Umfeld des globalen Finanzmarktes gehen.

Kontakt

Website Stefan Leins Ethnologisches Seminar

Hinweis

Die moralisch-religiösen Aspekte des Finanzwesens und des «Islamic Banking» werden im Artikel von Marc Chesney und Christoph Weber-Berg beleuchtet.

«Banken ohne moralischen Kompass», UZH News, 8.1.2010

Tags

Forschung | Wirtschaftswissenschaften und Informatik | Theologie und Religionswissenschaften

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