Patientinnen und Patienten erhalten häufig widersprüchliche Einschätzungen

Viele Patientinnen und Patienten in der Schweiz haben schon einmal Diagnosen und Empfehlungen von Gesundheitsfachpersonen erhalten, die sie als widersprüchlich empfanden. Besonders betroffen sind chronisch Kranke. Das zeigt eine aktuelle Studie der ZHAW. Sie enthält zudem einen Patientenleitfaden mit konkreten Tipps.

Rund die Hälfte der Patientinnen und Patienten, die für die vorliegende ZHAW-Studie befragt wurden, waren im Lauf der letzten zwei Jahre mit sich widersprechenden medizinischen Einschätzungen konfrontiert: Das bedeutet, dass ihnen bei einer Behandlung verschiedene Gesundheitsfachpersonen Diagnosen und Empfehlungen kommunizierten, die sie im Vergleich zueinander als widersprüchlich empfanden. Die Untersuchung wurde im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG durchgeführt. Es ist eine der ersten Analysen, die genaue Informationen zu Bedeutung, Beschaffenheit und Ursachen widersprüchlicher Einschätzungen im Schweizer Gesundheitswesen liefern. Die Autorinnen und Autoren haben zudem konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet.

«Widersprüchliche Einschätzungen sind in der Schweizer Gesundheitsversorgung ein relevantes Thema», erklärt Studienleiter Florian Liberatore. «Bei vielen Behandlungsprozessen sind mehrere Fachpersonen involviert, die zum Teil aus verschiedenen Bereichen kommen. Das ist absolut notwendig. Es kann aber dazu führen, dass Patientinnen und Patienten unterschiedliche Informationen erhalten.» Ein Beispiel wäre, wenn eine medizinische Fachperson nach einem Kreuzbandriss als Behandlung einen operativen Eingriff empfiehlt und eine andere eine Physiotherapie.

Besonders häufig von widersprüchlichen Einschätzungen berichten Personen mit einer chronischen Erkrankung wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen (49 Prozent im Vergleich zu 28 Prozent der übrigen Befragten). Laut den Patientinnen und Patienten kommen sich widersprechende Einschätzungen vor allem dann vor, wenn Ärztinnen und Ärzte aus unterschiedlichen Disziplinen involviert sind, und betreffen vorwiegend die Bereiche Medikation, Diagnose und die Wahl von Therapieoptionen. «Eine zentrale Ursache für das Phänomen ist häufig eine mangelnde Abstimmung zwischen den verschiedenen Gesundheitsfachpersonen, nicht zuletzt in der Kommunikation gegenüber den Patientinnen und Patienten», erklärt Liberatore.

«Widersprüche führen bei etwa der Hälfte der Betroffenen zu Verunsicherung und einer emotionalen Belastung.»

Florian Liberatore , Stv. Leitung Management im Gesundheitswesen

Patientinnen und Patienten holen als Reaktion auf gegensätzliche Einschätzungen in der Regel weitere Informationen ein und wenden sich an eine Gesundheitsfachperson, der sie besonders vertrauen. In der Folge können die Widersprüche in rund neun von zehn Fällen aufgelöst werden. «Dennoch führt die Situation bei etwa der Hälfte der Betroffenen zu Verunsicherung und einer emotionalen Belastung», sagt Liberatore. Für etwa jede oder jeden fünften ergab sich zumindest teilweise ein negativer Einfluss auf den Behandlungsverlauf, etwa eine Verzögerung oder eine nicht passende Therapie. Weitere mögliche unerwünschte Konsequenzen sind ein Vertrauensverlust der Patientinnen und Patienten oder in einigen Fällen ein Behandlungsabbruch. Positiv wirken sich divergierende Beurteilungen beispielsweise aus, wenn das Ausdiskutieren unter den Gesundheitsfachpersonen zu einer konsolidierten, ganzheitlichen Einschätzung führt.

Um die Häufigkeit widersprüchlicher Einschätzungen zu reduzieren und den Umgang damit zu verbessern, braucht es laut den Forschenden vor allem die Sensibilisierung aller Beteiligten. Als Beitrag dazu haben die Studienautorinnen und -autoren einen Leitfaden mit Ratschlägen für Patientinnen und Patienten entwickelt. Weitere Empfehlungen betreffen unter anderem den Aufbau geeigneter Prozessund Verantwortungsstrukturen in der Behandlungskette oder die Schaffung von Anreizen für einen besseren Informationsaustausch zwischen Gesundheitsfachpersonen.

Erarbeitet hat die Studie «Widersprüchliche Einschätzungen durch Gesundheitsfachpersonen» das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW School of Management and Law. Das Projekt ist Teil des Förderprogramms «Interprofessionalität im Gesundheitswesen» des BAG und wurde durch dieses finanziert. Die Forschenden befragten für die Untersuchung mittels einer anonymen Online-Umfrage 314 Patientinnen und Patienten, die über Patientenorganisationen vermittelt worden waren. Die Befragung ist nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Schweizer Bevölkerung. Die Datenerhebung fand zwischen Mai 2019 und Januar 2020 statt.