Weich und wertvoll: Alttextilien werden zu neuen Kleidern

Die Textilindustrie gilt als äusserst ressourcenintensiv. Baumwolle etwa benötigDie Textilindustrie gilt als äusserst ressourcenintensiv. Baumwolle etwa benötigt viel Land und Wasser zum Wachsen.

Ist die Lieblingshose ausgetragen und löchrig, landet sie oft im Müll oder in der Textilsammlung - so, wie die meisten Altkleider. Die HSLU hat zusammen mit Wirtschaftspartnern Methoden entwickelt, wie sich solche Stoffe wieder zu hochwertigen Pullis, Arbeitskleidern oder Teppichen verarbeiten lassen.

Schauen Sie in Ihren Kleiderschrank: Wie viele Kleider besitzen Sie? Einem Bericht von WWF und PWC nach sind es in einem durchschnittlichen Schweizer Schrank deren 118, wobei ein Outfit - bestehend aus Pulli, Hose und T-Shirt - mit 1.5 Kilo zu Buche schlägt. Pro Tag landen 70’000 dieser Outfits oder 100 Tonnen in der Altkleidersammlung. Tendenz steigend.

Etwa die Hälfte der Altkleider wird weiterverkauft und exportiert. «Wie gross der Anteil an tatsächlich weitergenutzten Kleidungsstücken ist, ist nicht einfach zu beziffern», sagt Designforscherin Tina Tomovic von der Hochschule Luzern. Sicher ist laut der Expertin für textile Nachhaltigkeit, dass ein immer grösserer Teil zu minderwertigen Produkten wie Putzlappen verarbeitet oder direkt verbrannt wird. Das Material dieser Textilien verschwindet damit unwiederbringlich aus dem Wertstoff-Kreislauf.

Dabei gilt die Textilindustrie als äusserst ressourcenintensiv. Textilien stehen gemäss eines Nachhaltigkeits-Aktionsplans der EU beim Verbrauch von Rohstoffen und Wasser an vierter Stelle, nach der Lebensmittelherstellung, dem Wohnungsbau und dem Verkehr. Baumwolle beispielsweise benötigt nicht nur viel Land zum Wachsen, sondern auch sehr viel Wasser. Die Alternative, synthetische Textilien, ist nicht besser, wie Tina Tomovic ergänzt. Sie basieren meistens auf Erdöl - einer endlichen Ressource.

Auf der Suche nach dem reinen Stoff

Für die HSLU-Forscherin ist klar: «Wir müssen unsere alten Kleider viel besser wiederverwerten als bisher und so den textilen Kreislauf schliessen.» Ein geschlossener Kreislauf bedeutet, dass alte Pullis oder T-Shirts nicht verbrannt oder zu Lappen verarbeitet werden, sondern zu neuer Kleidung - die dann wieder im Laden landet. Wie dieses Recycling funktionieren könnte, erforschten Tomovic und ihr Team gemeinsam mit Unternehmen aus der Textilindustrie im Projekt «Texcircle».

Oft bestehen Textilien aus verschiedenen Materialien, beispielsweise Baumwolle vermischt mit Polyester. Das macht das Recycling aufwändig. Denn das Material muss möglichst rein sein, um zu einem vielseitig verwendbaren Garn weiterverarbeitet werden zu können; «wild durcheinander gewürfelte Textilien», so Tomovic, nützten gar nichts.


Zweieinhalb Tonnen Material verarbeitet

Das Projektteam nahm daher die gesamte Recycling-Prozesskette unter die Lupe, vom Sammeln der Alttextilien Übers Sortieren und dem anschliessenden maschinellen Zerkleinern bis hin zum Spinnen des so gewonnenen Rohstoffs zu neuen Garnen und Vliesen. Die verwendeten Alttextilien - insgesamt 2.5 Tonnen Material - stammten grösstenteils aus den Sammlungen des Textilverwerters Texaid. Eine zentrale Rolle im Projekt spielten nationale und internationale Wirtschaftspartner, welche die Fasern, Garne und Vliese zu Produkten verarbeiteten.

Ein einzelnes Unternehmen wird den Herausforderungen einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft nicht begegnen können - dies war eine der Schlussfolgerung aus dem Vorgängerprojekt «Texcycle» , in welchem die Forschenden auf das Sammeln und Sortieren von Alttextilien fokussierten. Daher wurde für das Nachfolgeprojekt der «Texcircle-Cluster», bestehend aus Schweizer und internationalen Unternehmen im Bereich Textilfertigung und -recycling, gegründet. Die Projektpartner steuerten Know-how, Eigenleistung, finanzielle Beiträge und Materialspenden bei.

Texcircle wurde von der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse unterstützt.

Die Tests in den Fabrikhallen der einzelnen Partnerunternehmen bezeichnet Tina Tomovic als «Reality Checks». Mehr als einmal musste das Team beim Bearbeiten des Materials feststellen, dass die Theorie in der Praxis nicht immer umsetzbar ist, wie sie erzählt: «Alte Kissen und Bettdecken sind aus einer Materialperspektive zwar sehr interessant für das Recycling. Eine effiziente und kostengünstige Verarbeitung der Waren ist heute aber noch nicht möglich.»

Neue Pullis aus alten Jeans


Höhepunkt des zweijährigen Projektes war die Produktion mehrerer Prototypen auf der Basis von Alttextilien. Beispielsweise produzierte die Winterthurer Firma Rieter aus alten Jeanshosen Garn für einen Pullover. Der Zuger Arbeitsbekleidungsproduzent Workfashion wiederum verarbeitete alte Kissen und Bettdeckenfüllungen zu Isolationsfutter für Arbeitswesten - die Produktqualität musste im Rahmen des Projektes stets gleich hoch sein wie bei vergleichbaren Textilien im Laden.

Die Firma Ruckstuhl im bernischen Langenthal entwickelte derweil einen Recycling-Teppich für den Wohnbereich. Das Garn dafür stammt zur Hälfte von getragenen Wollmänteln. «Wir haben schon länger nach Mitteln gesucht, wie wir im Betrieb einen weiteren Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gehen können», sagt Ruckstuhls Geschäftsführer Adrian Berchtold. Das Projekt sei somit genau zur richtigen Zeit gekommen. Er erläutert: «Die Projektresultate zwangen uns, zu hinterfragen, welche Produktionsschritte für diesen neuen Teppich nachhaltig sind und welche nicht.»

Berchtold Überraschte insbesondere die Erkenntnis, dass das Waschen von alten Mänteln mit Wasser umweltschädlicher ist als mit Chemikalien: «Der Wasserverbrauch war einfach zu hoch. Paradoxerweise ist es in diesem Fall ressourcenschonender, die Textilien mit Ozon zu reinigen.» Ruckstuhl plant, den Recycling-Teppich ab Mitte 2023 in kleiner Serie herzustellen.

Zirkuläre Textilien im Fokus

Das Schliessen des Textilkreislaufs ist ein Schwerpunkt der Forschungsgruppe Produkt & Textil am Departement Design & Kunst der HSLU. Einige aktuelle Projekte im Überblick:

CIMProW : Die HSLU entwickelt im Innosuisse-Projekt mit Partnern aus der Industrie Schutzmasken und medizinische Schutzbekleidung aus Zellulose-Papier. Auch das Design der Schutzmasken wird völlig Überarbeitet, so dass diese künftig besser an das Gesichts des Trägers oder der Trägerin angepasst werden können. Das Projekt läuft bis Mitte 2023.

Textile Waste 3D-Printing : Die kürzlich abgeschlossene Machbarkeitsstudie befasst sich mit dem Recycling thermoplastischer textiler Abfälle - darunter fallen Textilien aus Polyester. Es zeigte sich, dass diese Abfälle eingeschmolzen und via 3D-Druck etwa auf Textilien im Medtechund Smart Textiles-Bereich aufgebracht werden können. Die HSLU arbeitete hierfür mit der Berner Fachhochschule und der OST – Ostschweizer Fachhochschule zusammen.

Ecomade: In der Schweiz werden jährlich bis zu einer Million Matratzen entsorgt. Nicht eine einzige davon wird recycelt. Master-Absolvent Joel Hügli entwickelte zusammen mit dem Hersteller Roviva und mit Unterstützung der Ikea Stiftung Schweiz einen nachhaltigen Matratzen-Prototyp, dessen Materialien recycelbar sind. Für seine Abschlussarbeit erhielt Hügli den Förderpreis Master of Arts in Design.

Autor: Martin Zimmermann
Bilder: Marchi&Fildi (Titelbild), United States Department of Agriculture (Baumwollernte), HSLU (restliche Bilder)