Werkschau Design & Kunst: ganz schön flauschig, ganz schön hart

Logo der Werkschau Design & Kunst 2021

Logo der Werkschau Design & Kunst 2021

Wenn Studierende Stühle aus Pilzen herstellen, Filme über die Klima-Apokalypse drehen oder Boxsäcke zum Knuddeln und Verdreschen kreieren, dann ist wieder Werkschau. 200 Absolventinnen und Absolventen ziehen für die öffentliche Abschlussausstellung des Departements Design & Kunst alle Register ihres Könnens.

Ausstellung

25. Juni bis 4. Juli 2021

Werkschau Design & Kunst 2021

Was dabei rauskommt, wenn die Design-, Filmund Kunst-Absolventinnen und -Absolventen der Hochschule Luzern einen eigenen Standpunkt einnehmen, neue Blickwinkel ausprobieren und die Welt aus ihrer Perspektive gestalten, ist dieser Tage an der Werkschau Design & Kunst 2021 zu sehen.

«Ich bin sehr glücklich, dass wir die Werkschau als reale Ausstellung hier in unserem Gebäude in der Viscosistadt durchführen können», sagt Gabriela Christen, die Direktorin des Departements Design & Kunst. «Für unsere Absolventinnen und Absolventen ist diese Diplomausstellung die Eintrittskarte in die Kreativbranchen und Kunstszenen und ein idealer Ort, sich mit der öffentlichkeit zu vernetzen.»

Die an der Werkschau Design & Kunst 2021 gezeigten Produkte, Bilder, Filme und Kunstwerke zeichnen sich durch eine enorme thematische, mediale und handwerkliche Vielfalt aus. Die folgenden vier Beispiele geben einen kleinen Vorgeschmack auf die rund 200 Bachelorund Masterarbeiten. Diese sind von Freitag, 25. Juni, bis Sonntag, 4. Juli, am Hochschulstandort 745 Viscosistadt in Luzern-Emmenbrücke zu sehen.

Wie könnte die Schweiz aussehen, wenn wir die Klimakrise weiter ignorieren? Das zeigt Lukas Bieri (Muri BE), Absolvent des Bachelor Animation, in seinem Kurzfilm «3.5%».

Die Kapellbrücke ragt ins Leere. Unter ihr plätschert nicht das Wasser der Reuss, vielmehr zeigt sich das Flussbett brüchig vor Dürre. Auch der Vierwaldstättersee - ausgetrocknet. Die Luft ist braun vor Flugsand, denn wo kein Wasser, da Staub. Es ist eine beängstigende Vision, die Lukas Bieri (25) in seinem Kurzfilm «3.5%» entwirft. Seine Bilder basieren auf realen Aufnahmen, wurden aber stark mit digitalen 3D-Elementen und Compositing bearbeitet und verfremdet.

Das Ergebnis: Düstere Bilder einer möglichen Zukunft. Denn Bieris Projekt zeigt Luzern in der Zukunft einer Klimakrise. Eine menschenverlassene Stadt, die aus jeder Pore, jedem Stein nach Wasser dürstet. «Ich wollte den Klimawandel vor unserer Haustür ganz konkret sichtbar machen», sagt der gebürtige Muriger (BE). «Ich spiele mit dem Gegensatz des heutigen Überflusses an Wasser in der Schweiz und der Dürre in einem Zukunftsszenario.»

Die Aufnahmen beginnen in einer verlassenen Küche. Das Licht ist milchig, Überall hat sich Staub niedergelassen; auf Tellern, Geschirr und Flaschen, auf vertrockneten Blumen und in den Vorhängen. Und vor allem auf unzähligen Wasserkanistern, die die Abstellfläche bevölkern. Draussen sieht es nicht besser aus: dasselbe milchige Licht, Staub Überall, dazu Fassaden voller Graffiti, Strassen voller Panzersperren, Spuren der Verwüstung.

«Persönliche Konsumentscheidungen alleine retten die Welt nicht»

Der Titel des Films basiert auf einer wissenschaftlichen Untersuchung. Die besagt, dass Protestbewegungen historisch immer Erfolg hatten, wenn sich mehr als 3.5 Prozent der Bevölkerung aktiv an gewaltfreien Protesten beteiligt. Bieri: «Dass wir die Welt allein mit persönlichen Konsumentscheidungen retten können, empfinde ich als Halbwahrheit.» So könnten, sagt er, die grossen Verursacher aus der Wirtschaft ihre Verantwortung abschieben. «Ich bin der Überzeugung: Echter Wandel kann nur über politischen Druck auf diese Verursacher erreicht werden.»

Dass eine Beteiligung von nur 3.5 Prozent der Bevölkerung an Protesten historisch zuverlässig Veränderungen brachte, ist für Bieri inmitten den vielen düsteren Nachrichten zum Thema Klima ein Funken Hoffnung. «Deshalb blende ich diese Information am Ende meines Filmes als Text ein.»

Die beiden Textildesignerinnen Laura Schwyter (Suhr AG) und Célina von Moos (Luzern) haben für ihre Bachelorarbeit Stoffprodukte entwickelt, die dafür sorgen, dass uns auch zuhause genug Berührung zuteilwird.

Seit die Corona-Pandemie die Menschen ins Homeoffice und ins Homeschooling geschickt hat, ist es noch wichtiger geworden, sich im eigenen Heim wohlzufühlen. Doch nicht jede Wohnung ist entsprechend eingerichtet: Gerade in Mietwohnungen sind viele Wände und Einbauschränke in kaltem Weiss gestrichen.

Das wollen die Textildesignerinnen Laura Schwyter (27) und Célina von Moos (22) mit dem Entwurf einer Inneneinrichtungsserie unter dem Namen «I feel good» ändern. Dafür haben sie in einem ersten Schritt untersucht, wie Stoffe geschaffen sein müssen, dass sie zur Berührung einladen. Ergebnis: Flauschig-weich-warm müssen sie sein und so beschaffen, dass man die Hand hineinschmiegen oder sogar hineingraben kann.

Wohltuendes Gewicht

Mit diesem Wissen haben sie in einer zweiten, praktischen Arbeit Objekte aus dem Gesundheitsbereich untersucht und stiessen dabei auf eine Gewichtsdecke, die durch ihr Gewicht beruhigend wirken und den Schlaf verbessern soll. Die hat die beiden Textildesignerinnen zu einer eigenen Variante inspiriert: Zum einen ist ihre Version der Decke aus weicher Wolle gestrickt. Kleine, hervorstehende Noppen machen Lust, sie zu berühren. Zusätzlich hat das pulloverförmige Textil zwei Ärmel, von denen sich der Träger oder die Trägerin umarmen lassen kann. Über das ganze Objekt verteilt sind kleine Taschen mit Kirschsteinen; die lassen sich aufheizen und können ihre Wärme als zusätzlichen Stimmungshelfer wieder abgeben.

Schwyter und von Moos haben weitere Objekte entwickelt, die eine Wohnung haptisch aufwerten und mal mehr, mal weniger aktiv genutzt werden können: Die Pulloverdecke wird eher passiv genutzt; genauso ein Überwurf, der aus gewebten Falten den Duft von Arvenholzspänen verströmt. Kachelähnliche Stoffrechtecke hingegen können an Wohnungsund Schrankwänden befestigt werden und laden zum Befühlen und Streicheln ein. «Am aktivsten soll eine Art Boxsack benutzt werden», sagt Laura Schwyter. «Er ist bunt und flauschig. Man kann ihn umarmen, wenn einem danach ist, aber man kann auch seine Aggressionen daran auslassen.»

«Wie Malen mit Stoffstreifen»

Die beiden Textildesignerinnen Überlegen derzeit, ob sie nach dem Studium ihr Produkt zur Marktreife bringen wollen. Für ihre Produktmuster haben sie mit Restmaterial von Textilfirmen gearbeitet. «Zusätzlich bekamen wir von einer Wäscherei ausrangierte Tischtücher», sagt Célina von Moos. Die haben sie gefärbt, in Streifen geschnitten und getuftet - eine Technik aus der Teppichherstellung, bei der die Streifen in Schlaufen durch das Gewebe geschossen werden und zum Beispiel Badezimmerteppiche flauschig dick werden lassen. «Es ist wie Malen mit Stoffstreifen», sagt von Moos.

Die zur Berührung einladenden textilen Produkte sollen eine Antwort sein auf die allzu weissen, allzu glatten und allzu kalten Wände daheim und, so der Wunsch von Laura Schwyter und Célina von Moos, darauf hinweisen, «dass wir Menschen mehr achtsamen physischen Kontakt mit unserer Umwelt brauchen, um unser Wohlbefinden und unsere mentale Gesundheit zu stärken».

Objektdesign-Absolvent Valentin Küng (Wolfhalden AR) füttert seinen Stuhl und lässt ihn in die gewünschte Form wachsen: Denn er besteht aus einem Verbundstoff von Pilzwurzel und Holzspänen – und ist damit auch perfekt kompostierbar.

Für seine Arbeit inspirieren liess sich Valentin Küng (25) vom Chemiker Michael Braungart, der einen Vortrag über sein Label hielt. «Wir sahen das Video im Nachhaltigkeits-Unterricht, und das Konzept der Kreislaufwirtschaft leuchtete mir sofort ein», sagt Küng. Gutes Produktdesign solle zu Ende gedacht sein und auch dann eine Lösung bereithalten, wenn das Produkt selbst ausgedient habe. Die Natur kenne schliesslich keinen Abfall, «alles wird auf die eine oder andere Art wieder genutzt».

In seiner Bachelorarbeit in Objektdesign machte es sich der gelernte Schreiner aus dem Appenzellerland deshalb zur Aufgabe, einen Stuhl zu entwickeln, der komplett aus kompostierbaren Komponenten besteht. Der Fokus liegt auf einem Baumaterial, das noch kaum genutzt wird, aber grosses Potenzial hat: Myzelium, die Wurzelstruktur der Pilze.

Das Myzelium wird unter sterilen Bedingungen gezüchtet und mit einem Substrat gefüttert. Das können zum Beispiel Holzspäne oder Hanffasern sein. Der Pilz umschliesst das Substrat und beginnt es zu verwerten. Unterbricht man diesen Prozess im richtigen Moment, entsteht ein Verbundwerkstoff, der zum einen aus dem Substrat besteht, zum andern aus dem Myzelium, das die Funktion eines Leims Übernimmt.

Komplexe und wenig erforschte Pilzzucht

Da die Pilzzucht an sich sehr komplex und noch wenig erforscht ist, arbeitete Valentin Küng mit Mycrobez zusammen, einem Startup aus Basel. Die Firma produziert Verpackungsmaterial aus Myzelium. So schaffen sie eine nachhaltige Alternative zu Styropor. Küng: «Mycrobez Übernahm für mich die Pilzzucht und lässt den Pilz in die gewünschte Form wachsen.

Sobald der Pilz gross genug war, presste Küng den Verbundwerkstoff in der Werkstatt an der Hochschule unter Hitze in die richtige Form. So wurde das Material anschliessend stabiler. Der Pilz stirbt bei diesem Vorgang ab und wächst entsprechend nicht mehr weiter. So entstand ein Material, welches mit einer Spanplatte verglichen werden kann.

Nach dem Pressen wird die Sitzschale des Stuhls auf das richtige Mass zugeschnitten, geschliffen und geölt. Die Holzbeine haben ein Gewinde und lassen sich direkt in die Sitzschale schrauben. So kann auf Schrauben oder Leim verzichtet werden. «Da es in diesem Bereich noch wenig vergleichbare Produkte gibt, musste ich viel testen und ausprobieren», sagt Valentin Küng. «Gleichzeitig war es aber auch gerade das Ausprobieren und das Forschen, das die Arbeit für mich so spannend und aufregend gemacht hat.»

Dimitri Grünig hat im Bachelor ÜBern BE) Illustration Fiction eine Essay-Reportage über Konversionstherapien gezeichnet, mit der Homosexuelle von ihrer «Krankheit» geheilt werden sollen.

Bei den sogenannten Konversionstherapien handelt es sich um pseudowissenschaftliche Therapien, die in der Regel in einem streng evangelikalen, freikirchlichen Milieu praktiziert und propagiert werden, um Homosexuelle zur Heterosexualität zu «bekehren». Dimitri Grünig, Absolvent des Bachelor Illustration Fiction, ist für seine Essay-Reportage «Sorry, aber schwul bin ich immer noch» tief in diese erschreckende Welt abgetaucht.

In Deutschland und Österreich sind seit kurzem jegliche Formen der Konversionstherapie verboten; sie gilt nicht nur als wirkungslos, sondern kann auch die Gesundheit der «Patientinnen» und «Patienten» schädigen. Bereits die Werbung dafür wird mit einem Bussgeld von bis zu 30’000 Euro bestraft.

In der Schweiz sind solche Therapien noch erlaubt, laut Grünigs Recherchen werben sogar zwei Organisationen mehr oder weniger unverhohlen dafür. «Ich bin selbst nicht freikirchlich aufgewachsen und habe glücklicherweise nichts dergleichen erlebt», erzählt der 25-jährige Berner. «Daher habe ich für die Arbeit mit Betroffenen, die die Therapien durchlitten haben, und mit Expertinnen und Politikern Interviews geführt.»

Gewalt gegen sich selbst

Grünig zeichnet ein breites Bild des Phänomens und analysiert dabei die vermeintlich libertäre Rhetorik, hinter der sich die Anbieter solcher Behandlungen verstecken. Sein Graphic Essay besteht aus einer Textebene mit erklärenden Passagen und persönlichen Lebensberichten Die Bildebene zeigt mehrheitlich ländliche Gebiete - hier ist Dichte an Freikirchen deutlich höher als in den Städten.

Schwarz-Weisse-Bleistift-Zeichnungen vermitteln in beklemmenden Nahaufnahmen subtil die Gewalt, die während der Behandlungen ausgeübt wird, und die die Betroffenen in ihrer Verzweiflung zuweilen auch gegen sich selbst richten.

Wälder, Berge und menschenleere Spielplätze versinnbildlichen die Isolation, der sie ausgesetzt sind im Versuch, sich selbst zu ändern und ihre Neigungen zu unterdrücken. Grünig sagt: «Die Motive meines Essays habe ich bei den Betroffenen selbst beobachtet. Die Texte sind leider sehr hart und sehr realistisch.»

Ebenfalls an der Werkschau : Data Design & Art-Studierende haben auf Basis der Corona-Fallzahlenkurve eine begehbare Datenskulptur kreiert. Mehr zum Projekt

  • Ausstellung Werkschau Design & Kunst 2021 der Abschlussarbeiten der Bachelorund Master-Absolventinnen und -Absolventen (ohne Master Kunst): Sa, 26. Juni bis So, 4. Juli 2021; 12 bis 20 Uhr; So bis 18 Uhr; digitale Vernissage: Fr, 25. Juni, ab 18:30 Uhr;
  • Ausstellung «liminoid» des Master Kunst im Neubad Luzern (Sa, 26. Juni bis Fr, 2. Juli 2021). Detailliertes Programm folgt unter liminoid.ch
  • Rahmenprogramm unter hslu.ch/werkschau
  • Diplomfeier (online) Sa, 3. Juli 2021, ab 11:00 Uhr

Die Ausstellungen in der 745 Viscosistadt und im Neubad Luzern sowie das Rahmenprogramm sind kostenlos. Es können sich 100 externe Gäste gleichzeitig vor Ort aufhalten. Dadurch sind Wartezeiten möglich. Beim Eingang werden Kontaktdaten erhoben; im Gebäude gilt Maskenpflicht.

Autoren: Valeria Heintges, Martin Zimmermann Veröffentlicht: 24. Juni 2021


This site uses cookies and analysis tools to improve the usability of the site. More information. |