Wir brauchen einen Grey New Deal

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Psychische Krankheiten erhalten nicht die Beachtung, die ihnen gebührt, und sie werden tabuisiert, schreibt Gerhard Schratt. In Anlehnung an den Green New Deal schlägt er einen Grey New Deal vor.

Unsere grauen Zellen, die Neuronen des Gehirns, entscheiden jeden Tag über unser Leben, unsere Gesundheit, und unser Wohlbefinden. Um die Bedeutung mentaler Gesundheit zu unterstreichen, findet jedes Jahr im Oktober der «Mental Health Day» der WHO statt. Wie schon in den letzten Jahren nahmen Medien und breite öffentlichkeit hiervon kaum Notiz. Diese mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit steht in Diskrepanz zur grossen Bedeutung, die psychische Krankheiten haben.

Rund jede zweite Person in der Schweiz leidet mindestens einmal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung. Am häufigsten sind darunter Depressionen, Angststörungen und Drogenmissbrauch1. Nimmt man die durch Krankheit, Behinderung oder frühzeitigen Tod verlorenen Jahre des produktiven Lebens als Mass für die gesellschaftliche Belastung einer Erkrankung, so rangieren psychische Erkrankungen nach Krebs, kardiovaskulären und muskuloskeletalen Erkrankungen an vierter, in der Altersgruppe der unter 50-Jährigen sogar an erster Stelle2. Besorgniserregend ist, dass alleine zwischen 2006 und 2016 die durch psychische Erkrankungen verlorenen produktiven Lebensjahre um fast 15 Prozent zugenommen haben.

Auch die durch psychische Erkrankungen bedingten volkswirtschaftlichen Kosten sind immens. Waren es in der EU 2010 bereits knapp 800 Milliarden Euro (rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts), rechnen Experten wegen des demografischen Wandels bis 2030 mit einer Verdoppelung3. Damit rangieren psychische zusammen mit kardiovaskulären Erkrankungen an der Spitze aller von Krankheiten verursachten volkswirtschaftlichen Kosten, wobei bei psychischen Erkrankungen die indirekten Kosten, wie zum Beispiel die durch Arbeitsausfall verursachten, besonders stark ins Gewicht fallen.

Pandemie wirkt sich aus

Es ist zu erwarten, dass die Bedeutung psychischer Erkrankungen im Zuge der Covid-19-Pandemie weiter zunimmt. Die Pandemie wirkt nämlich auf psychische Erkrankungen geradezu wie ein Brandbeschleuniger: Mit Covid-19 verbundene Faktoren wie soziale Isolation, Trauer, Ängste, erhöhter Alkoholkonsum und Einkommensverlust können nicht nur psychische Erkrankungen auslösen, sondern insbesondere bereits bestehende verschlimmern.

Laut einer Studie der Universität Basel zu den Auswirkungen von Covid-19 auf die mentale Gesundheit stieg der Anteil von Befragten mit schweren depressiven Symptomen von 3 Prozent vor der Pandemie auf 18 Prozent im November 20204. Die psychosozialen Folgen eines 3-monatigen Lockdowns würden einer Modellberechnung zufolge alleine der Schweizer Bevölkerung zukünftig 1,7 Millionen Lebensjahre kosten, wobei hier weitere Faktoren, wie zum Beispiel Veränderungen des Essund Bewegungsverhaltens, noch gar nicht mitberücksichtigt wurden5.

Eine Ursachenforschung, warum mentale Gesundheit in der Gesellschaft nichtsdestotrotz eine untergeordnete Rolle spielt, bringt mannigfaltige Gründe zutage. Zuvorderst ist die nach wie vor existente Tabuisierung psychischer Krankheiten zu nennen6. Psychische Themen bleiben zum allergrössten Teil im familiären Kreis, und die Tabuzone beginnt bereits in der Arbeitswelt, wo psychisch bedingte Fehlzeiten häufiger werden. Damit verbunden ist eine Stigmatisierung der Betroffenen, die sich wiederum zurückziehen, womit sich der Teufelskreis schliesst.

Laut WHO unterfinanziert

Diese mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit spiegelt sich auch in der Ausstattung der Gesundheitsversorgung wider. Die WHO geht sogar soweit, von einer chronischen Unterfinanzierung des mentalen Gesundheitssektors zu sprechen. Global werden laut WHO nur 2 Prozent aller Gesundheitsausgaben auf psychische Erkrankungen verwendet, ein verschwindend geringer Anteil gemessen an den gesundheitlichen und finanziellen Folgen psychischer Erkrankungen.

Weiterhin ist auch die akademische und industrielle Forschung im Bereich psychischer Erkrankungen im Vergleich zu anderen Sektoren, wie zum Beispiel der Krebsforschung, unterentwickelt, wodurch dringend notwendige Innovationen in Prävention, Diagnostik und Therapie ausbleiben. Wesentliche Ursache hierfür ist die dem Gehirn innewohnende Komplexität, deren Entschlüsselung extrem langfristig angelegte Forschungsprojekte erfordert. Dieses Problem ist besonders evident in der industriellen Forschung, wo Fehlschläge in der Entwicklung neuartiger Wirkstoffe zu einem generellen Herunterfahren der neurowissenschaftlichen Forschung führten.

Dialog trägt zu Enttabuisierung bei

Wie können wir hier gegensteuern? Analog zu dem kürzlich vorgeschlagenen Konzept des Green New Deal für die Bewältigung der Klimakrise schlage ich in Anlehnung an unsere grauen Zellen einen «Grey New Deal» vor. Im Rahmen eines solchen Programms könnte durch eine gezielte Einbeziehung der unterschiedlichen Interessengruppen - Bevölkerung, Patientenorganisationen, akademische und industrielle Forschung, Krankenversorgung und politische Entscheidungsträger - der Dialog gefördert, Wissen ausgetauscht und Investitionen in Forschung und Innovation beschleunigt werden.

Das übergeordnete Ziel muss es sein, schlussendlich eine bessere Prävention, Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen zu ermöglichen. Nur ein intensiver Dialog kann zu der zwingend erforderlichen Enttabuisierung psychischer Erkrankungen beitragen und das Bewusstsein für deren Bedeutung sowohl in der Bevölkerung als auch bei den politischen Entscheidungsträgern stärken. So könnten beispielsweise psychosoziale Aspekte bei gesundheitlichen Krisensituationen wie Covid-19 zukünftig besser berücksichtigt werden.

Im Rahmen eines Grey New Deals müssten die finanziellen Voraussetzungen geschaffen werden, um multidisziplinäre, translationale Forschungsprogramme unter Einbezug von Akademie, Klinik und Industrie im Bereich der mentalen Gesundheit zu lancieren. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Stärkung der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung, die mittels innovativer Technologien zukünftig alternative Therapieoptionen eröffnen kann.

Covid-19 und die entwickelten Impfstoffe haben uns gezeigt, wie viel in relativ kurzer Zeit erreicht werden kann, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte und finanziellen Ressourcen mobilisiert werden. Nun gilt es, dieses Momentum auch für dringend benötigte Innovationen im Bereich der mentalen Gesundheit zu nutzen.

Referenzen

1 OBSAN Bulletin 5/2017
2 Global health: time for radical change? Lancet 2020. 396: 1129, doi: 10.1016/S0140-6736(20)32131-0
3 Trautmann S, Rehm J, Wittchen HJ: The economic costs of mental disorders. EMBO Reports 2016, 17: 1245, doi: 10.15252/embr.201642951
4 de Quervain D et al.: The Swiss Corona Stress Study: second pandemic wave, November 2020
5 Moser DA, Glaus J, Frangou S, Schechter DS: Years of life lost due to the psychosocial consequences of COVID-19 mitigation strategies based on Swiss data, European Psychiatry 2020, 63: e58, doi: 10.1192/j.eurpsy.2020.56
6 Werner Alfred Selo Stiftung: Stigma psychischer Erkrankungen 2013

Prof. Gerhard Schratt