«Wir müssen alle Sektoren der Mobilität berücksichtigen»

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Die 2018 lancierte Mobilitätsinitiative gewinnt zunehmend an Fahrt. Konstantinos Boulouchos, treibende Kraft hinter dem Vorhaben, erklärt, wie weit die Umsetzung fortgeschritten ist und in welche Richtung sich die Initiative entwickeln soll.

Herr Boulouchos, Anfang 2018 hat die ETH Zürich zusammen mit den SBB die Lancierung einer gross angelegten Mobilitätsinitiative verkündet. Wie weit ist das Vorhaben inzwischen gediehen?
Konstantinos Boulouchos: Es ist sehr viel passiert seither. Zu Beginn erhielten wir von den SBB eine Donation zur Anschubfinanzierung der Initiative über 10 Jahre hinweg. Inzwischen konnten wir weitere Partner gewinnen: Siemens ist seit 2019 mit im Boot. Und dieses Jahr konnten wir mit der AMAG einen zusätzlichen Partner gewinnen. Zusammen mit dem Engagement einer Privatperson wurden mittlerweile insgesamt 18 Mio. Franken an Donationen eingebracht. Davon konnten über 10 neue Forschungsprojekte mit je knapp 3 Mio. Franken von der Initiative und durch Eigenmittel finanziert werden.

Die zwölf bisher bewilligten Projekte betreffen in erster Linie den Schienenverkehr. Warum diese Fokussierung?
Dass der Schienenverkehr bislang im Vordergrund steht, hängt damit zusammen, dass die SBB bisher der grösste Partner sind. Wir streben aber einen breiteren Ansatz an und wollen alle Sektoren der Mobilität berücksichtigen. Mit der AMAG haben wir nun einen starken Partner aus dem Bereich Strassenverkehr dabei, so dass das Spektrum der verschiedenen Mobilitätsformen nun breiter abgedeckt ist. Mittelfristig möchten wir auch die Luftfahrt und wenn möglich die Schifffahrt einbeziehen. Die Schweiz ist zwar ein Binnenland, aber es gibt hierzulande viele Firmen, die in diesem Bereich tätig sind.

Wie bringen Sie die Interessen von so unterschiedlichen Partnern zusammen?
Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Unsere Industriepartner sind natürlich in erster Linie interessiert, ihre Probleme von heute zu lösen. Wir müssen daher aufpassen, dass wir nicht in der betriebswirtschaftlichen Sichtweise stecken bleiben. Als ETH-Forschende sind wir an der längerfristigen Perspektive interessiert, an den grundlegenden Problemen.

Was heisst das konkret?
Es gibt drei zentrale Themen, die alle Bereiche der Mobilität betreffen. Das erste Thema ist die Dekarbonisierung: Wir müssen das Verkehrssystem klimafreundlicher machen, indem wir die fossilen Treibhausgasemissionen möglichst stark reduzieren. Das zweite Thema ist die Digitalisierung, die auch die Mobilität grundlegend verändern wird. Und das dritte grosse Thema ist die Planung der Infrastruktur. Wir stossen überall an Kapazitätsgrenzen und müssen das Verkehrssystem als Ganzes optimieren. Die breite Fachexpertise der ETH, kombiniert mit wichtigen Impulsen aus der Praxis, eröffnet das Potenzial, eine führende Position auf diesem Gebiet einzunehmen.

Konstantinos Boulouchos ist Professor für Energietechnik und Leiter des Laboratoriums für Aerothermochemie und Verbrennungssysteme. Er war Gründungsdirektor des Energy Science Center (ESC) an der ETH Zürich und leitet heute das Swiss Competence Center for Energy Research - Efficient Technologies and Systems for Mobility (SCCER Mobiltity). Zudem ist der Präsident der Energiekommission der Schweizer Akademien der Wissenschaften.

Sie sind als Forscher gleichzeitig auch noch im nationalen Kompetenzzentrum SCCER Mobility engagiert. Wie spielen die beiden Plattformen zusammen?
Das SCCER Mobility ist grundsätzlich ein anderes Vehikel. Es handelt sich um ein nationales Kompetenzzentrum, an dem sich Gruppen aus verschiedenen Hochschulen beteiligen. Allerdings läuft dieses Zentrum Ende Jahr nach sieben Jahren aus. Mit der Mobilitätsinitiative möchten wir das Netzwerk erhalten, das wir innerhalb der ETH aufgebaut haben, und in den zukunftsträchtigen Bereichen ausbauen. Zudem planen wir ein neues Kompetenzzentrum für Mobilität.

Warum braucht die ETH ein solches Zentrum?
Es geht nicht nur darum, Forschungsprojekte zu lancieren. Es braucht auch neue Angebote in der Lehre und neue Professuren. Und wir müssen unbedingt den Outreach stärken, also der öffentlichkeit, der Verwaltung, der Politik und der Industrie vermitteln, was heute Stand der wissenschaftlichen Forschung ist.

Wie ist eigentlich die Resonanz innerhalb der ETH?
Da die Projekte bisher eher auf den Schienenverkehr ausgerichtet waren, haben sich vor allem Forschende aus dem Departement Bau, Umwelt und Geomatik sowie aus dem Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik, die sich mit Energiebereitstellung, Digitalisierung und Robotik befassen, engagiert. Wir sind aber daran, vermehrt Forschende aus der Elektrotechnik und der Informatik stärker einzubeziehen, ebenso wie Wissenschaftler aus den Departementen Management, Technologie und Ökonomie sowie Umweltwissenschaften. Ich hoffe, dass wir in Zukunft auch grössere und interdisziplinäre Projekte realisieren können, an denen sich dann vier oder fünf unterschiedliche Forschungsgruppen beteiligen. Das Potenzial dazu wäre an der ETH vorhanden.

Aber noch sind wir nicht soweit.
Eine solche Initiative aufzubauen braucht viel Zeit, das darf man nicht unterschätzen. Bis man mit einem Partner einen Vertrag unterzeichnen kann, vergehen in der Regel einige Jahre.

Die gegenwärtige Krise macht die Suche nach neuen Partnern wohl nicht einfacher, gerade im Bereich Luftfahrt.
Das ist so. Gemeinsam mit der ETH Foundation engagieren wir uns, neue Partner an Bord zu holen. Vor der Corona-Krise sahen wir, dass die Industrie durchaus grosses Interesse an unserer Initiative hat. Das kohlenstoffarme Fliegen stellt die Branche vor eine grosse Herausforderung, nicht nur die Fluggesellschaften, sondern auch die Flugzeugbauer, die Flughäfen und alle anderen Akteure. Trotz der gegenwärtig schwierigen Lage der Industrie sind wir zuversichtlich, dass wir Partner aus weiteren Sektoren des Mobilitätssystems für spannende Forschungsarbeiten gewinnen werden.

Die Mobilitätsinitiative der ETH Zürich

Anfang 2018 hat die ETH Zürich zusammen mit den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) eine langfristig angelegte Mobilitätsinitiative lanciert. Nachdem 2019 Siemens hinzukam, konnte 2020 die AMAG Group AG als erster Partner aus der Automobilbranche gewonnen werden. Die formelle Vertragsunterzeichnung fand am 9. November 2020 statt.

Mit der Mobilitätsinitiative werden bisher vor allem Forschungsprojekte auf Doktorandenund Postdoktorandenebene unterstützt. Die Projekte zielen beispielsweise darauf ab, Diagnoseinstrumente zu entwickeln, die man zur Éberwachung der Bahnanlage in regulären Zügen einsetzen kann, oder untersuchen das Zusammenwirken von Schiene und Rad, um die Abnützung an den Fahrzeugen besser voraussagen zu können.

Auch grundsätzliche Aspekte werden untersucht, zum Beispiel wie sich der Güterverkehr klimafreundlicher gestalten lässt. Andere Projekte wiederum erforschen, wie man mit Hilfe von künstlicher Intelligenz oder mit Fernerkundungsmethoden Schäden an der Infrastruktur frühzeitig erkennen kann oder welche Folgen sich ergeben, wenn man Photovoltaikanlagen und Ladestationen für Elektroautos an das Stromnetz der Bahn anschliesst.

Felix Würsten

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