Zu vermieten: Freiheit to go

Michele Matt hat 2015 MyCamper gegründet. Mittlerweile beschäftigt das Start-up

Michele Matt hat 2015 MyCamper gegründet. Mittlerweile beschäftigt das Start-up aus Basel 17 Mitarbeitende.

Camper-Ferien sind das Freizeitvergnügen der Stunde. Ein ehemaliger Student der Hochschule Luzern hat sich den Trend zum Geschäft gemacht - und profitiert jetzt vom Boom durch Corona.

«Die Fahrt ist das Ziel!», «Freiheit auf vier Rädern», «Einsteigen und weg»: Das kommt dabei raus, wenn man bei Google und co. nach der Faszination von Camper-Ferien sucht. Kein Zweifel, das Verreisen in den eigenen vier Wänden liegt im Trend - nicht erst seit Corona. Das bestätigen die steigenden Buchungszahlen von Campingplätzen in den letzten fünf Jahren.

Geschäftsidee im Gepäck

Den Trend erkannt hat auch Michele Matt. Er hat 2015 das Start-up «MyCamper» gegründet. Auf seiner Vermittlungsplattform können Privatpersonen ihren Camper an Abenteuerlustige aus dem Internet weitervermieten. Es war 2014 an einem lauen Sommerabend in Sardinien, als Matt und seine Freundin vor dem Camper sassen und darüber philosophierten, wie oft ihr Fahrzeug in der Garage steht. Mindestens 90 Prozent der Zeit sei sein VW-Bus damals ungenutzt geblieben, sagt er, und fügt hinzu: «So geht es den meisten Eigentümerinnen und Eigentümern von Camping-Fahrzeugen.».

«Ich hatte immer den Drang, etwas selber aufzubauen. Es hat einfach lange die zündende Idee gefehlt.»

Michele Matt, Gründer von MyCamper

Deshalb suchte er noch in den Ferien nach einer entsprechenden Sharing-Plattform. Doch was sich für Kleider, Werkzeuge oder Autos schon länger etabliert hatte, gab es damals für Camper und Wohnmobile in der Schweiz noch nicht. Erholt und mit einer Geschäftsidee im Gepäck kehrte Matt von den Ferien zurück. «Voll enthusiastisch», wie er sagt. Eine Marktanalyse, ein Businessplan und ein paar Monate später ging mycamper.ch online.

Mit Flipflops unterwegs

Wieso ausgerechnet das Camper-Geschäft? Das sei so nicht von langer Hand geplant gewesen, sagt Matt. Nach seinem Bachelor-Studium in Umweltgeowissenschaften hat er an der Hochschule Luzern im Master Business Administration studiert und später einen Master in International Management an einer anderen Hochschule angehängt. «Dann bin ich in den Finanzbereich hineingerutscht», so Michele Matt. Da habe sich ihm zwar eine interessante, neue Welt aufgetan, als typischen Banker habe er sich aber nie gesehen. «Ich hatte immer den Drang, etwas selber aufzubauen. Es hat einfach lange die zündende Idee gefehlt.» So ganz aus dem Nichts kam das Camping-Thema nicht. «Das Campen habe ich bereits als Kind kennengelernt. Schon damals hat es mich fasziniert, immer draussen zu sein und so vieles erleben zu können», sagt Matt. Und was fasziniert ihn heute? «Die Freiheit, immer mit Flipflops unterwegs zu sein», meint er. «Und nicht immer Hotels buchen zu müssen.»

Inkasso und AGBs

Bei der Gründung von MyCamper hat Michele Matt gemerkt, was es alles braucht, um ein Start-up zum Fliegen zu bringen. «Vor allem rechtliche Aspekte und Problemstellungen bei der Finanzabwicklung haben uns stark beschäftigt», so Matt. Gemäss Definition der Finanzmarktaufsicht gehört MyCamper als Vermittlungsplattform zu den Inkassofirmen. «Wir treiben im Prinzip für andere Geld ein, das uns nicht selber gehört», erklärt er. Das sei ihm anfangs nicht klar gewesen. Bei solchen Themen - Rechnungswesen, AGBs aufsetzen, Mietverträge schreiben und Marketingkonzepte erarbeiten - sei er besonders froh um das Studium an der Hochschule Luzern: «Das geht alles nicht mit Learning-by-doing. Da braucht es schon eine Grundlage an theoretischem Wissen.» Ihm war dann auch schnell klar, dass er das alles nicht alleine machen kann. Mittlerweile beschäftigt das Start-up aus Basel 17 Mitarbeitende. Zwei davon haben ihr Büro in Stockholm, doch dazu später.

Vermieten lohnt sich: bis zu 30’000 Franken im Jahr

Ein beträchtlicher Teil der Arbeit investierte das MyCamper-Team in die Suche nach Personen, die bereit sind, ihr Fahrzeug über die Online-Plattform weiterzuvermieten. Rund 100’000 private Camper gebe es in der Schweiz, weiss Michele Matt. Zu Anfangszeiten sei es echt schwierig gewesen, die Leute von den Vorteilen des Sharings zu überzeugen. «Die Eigentümerinnen und Eigentümer wollten nicht, dass jemand Fremdes in ihrem Camper schläft. Oder sie hatten Bedenken bezüglich der Versicherung, falls etwas passiert», sagt Matt. Geholfen hat die Kooperation mit einer bekannten Versicherungsanstalt. MyCamper kann den Vermieterinnen damit eine komplette Versicherungslösung anbieten.

Dieses Jahr bleiben rund 80 Prozent der Leute mit dem gemieteten Camper in der Schweiz. Normalerweise sind es 45 Prozent.

Am überzeugendsten sei jedoch der finanzielle Aspekt, sagt Matt: «Durch unser Sharing-Modell haben die Eigentümer die Möglichkeit, ihr eigenes Fahrzeug zu amortisieren.» Durchschnittlich verdient jede Eigentümerin mit dem Vermieten ihres Fahrzeugs auf MyCamper 6’000 Franken pro Jahr. Die fleissigsten Vermieter machen sogar bis zu 30’000 Franken Umsatz jährlich. Mittlerweile hat MyCamper rund 1’200 Fahrzeuge im Angebot.

Boom durch Corona

Auf der anderen Seite ist eine immer stärker wachsende Nachfrage nach Miet-Campern spürbar. Im letzten Jahr konnten Michele Matt und sein Team schon über 3’000 Buchungen abwickeln. Im Vergleich zu 2018 bedeutet das ein Wachstum von 300 Prozent. Die aktuelle Situation mit Corona habe einen weiteren Camping-Boom ausgelöst. Nicht überraschend zeigt sich der deutlichste Unterschied zu den Vorjahren aber in den Reisedestinationen. «Normalerweise bleiben rund 45 Prozent der Leute mit den gemieteten Campern in der Schweiz. Dieses Jahr gehen wir von rund 80 Prozent aus», so Matt. Der Boom kommt gerade richtig. Seit Anfang Jahr ist MyCamper auch in Schweden präsent. Von da aus will Michele Matt mit seiner Camper-Vermittlung den skandinavischen Markt erobern. Und wie geht es danach weiter? Frei nach dem Motto eines echten Campers: Grenzen gibt es keine.

Text: Saverio Genzoli
Bilder: zVg/MyCamper

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