Zustrom aus der SP verhalf den Grünen zum Wahlsieg

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Wegen der verbreiteten Sorge um das Klima legten die ökologischen Parteien bei den eidgenössischen Wahlen 2019 insbesondere bei der jungen Wählerschaft deutlich zu. Die SP konnte ihre Parteibasis gut mobilisieren, verlor aber fast einen Viertel ihrer ehemaligen Wählerschaft an die Grünen. Demgegenüber hatte die SVP Mühe, ihre Anhängerschaft zum Urnengang zu bewegen. Sie verfügt aber insgesamt über die stabilste Wählerbasis. Die parteiübergreifende Mobilisierung der Frauen gelang nur teilweise. 2019 wurde trotzdem zum Jahr der Frauenwahl, weil die Bereitschaft Frauen anstatt Männer zu wählen im Vergleich zu 2015 deutlich zunahm. Dies zeigt eine Studie aus dem Wahlforschungsprojekt Selects, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert und vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS in Lausanne durchgeführt wird.

Die Grünen (GPS) und die Grünliberale Partei (GLP) waren die grossen Gewinnerinnen der eidgenössischen Wahlen 2019, während die vier Bundesratsparteien an Wählerstärke einbüssten, allen voran die SVP und die SP. Die Gründe für diese Verschiebungen wurden im Rahmen der Schweizer Wahlstudie Selects untersucht. Die Studie zeigt: Der historische Wahlerfolg der Grünen kam nicht etwa dank einer ungewöhnlich starken Mobilisierung der eigenen Basis zustande. 44 Prozent jener, die 2015 grün gewählt hatten, nahmen 2019 nämlich nicht mehr an den Wahlen teil. Vielmehr verdankt die GPS ihren Wahlsieg dem grossen Zustrom ehemaliger SP-Wählender: Rund ein Drittel der GPS-Wählenden von 2019 hatten 2015 ihre Stimme noch der SP gegeben. Darüber hinaus schnitt die GPS bei der jungen Wählerschaft überdurchschnittlich gut ab. Die GPS profitierte davon, dass sich ihre Kernthemen Klima und Umwelt während des Wahlkampfs als wichtigstes politisches Problem für die Wählerschaft etablierten.

Im Zuge der Klimadebatte ist auch die GLP in der Wählergunst gestiegen, obwohl ihr die Wählerinnen und Wähler in der Umweltthematik deutlich weniger Engagement und Kompetenz zusprechen als den Grünen. Die GLP legte insbesondere bei den unter 35-Jährigen stark zu und überzeugte viele ehemalige SP- und FDP-Wählende zum Wechsel. Allerdings hat die GLP nach wie vor eine wenig gefestigte Stammwählerschaft. Sie konnte nur knapp zwei Drittel ihrer Wählerschaft von 2015 halten und weniger als die Hälfte jener, die im Frühsommer eine GLP-Wahl beabsichtigten, legten im Herbst tatsächlich GLP ein.

SVP mit Mobilisierungsproblemen

Die SVP litt darunter, dass ihre Kernthemen Migration und Asyl bei den Wahlen 2019 praktisch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwanden. Sie bekundete von allen grossen Parteien denn auch am meisten Mühe, ihre Basis zur Wahlteilnahme zu bewegen: Erstmals ging weniger als die Hälfte der SVP-Sympathisierenden an die Urnen. Allerdings verfügt die SVP von allen Parteien nach wie vor über die stabilste Wählerbasis: 85 Prozent jener, die 2015 der SVP die Stimme gaben und 2019 an die Urnen gingen, wählten wiederum SVP.

Die FDP hatte ebenfalls mit Mobilisierungsproblemen zu kämpfen. Sie büsste vor allem bei den Frauen an Wählergunst ein. Im Gegensatz dazu gelang es der CVP von allen Parteien am besten, ihre Anhängerschaft zu mobilisieren. Dank der Loyalität ihrer Stammwählerschaft konnte die CVP ihren Wähleranteil einigermassen halten. Für Erstund Wechselwählende war die CVP hingegen wenig attraktiv.

Frauenwahl ohne Frauenmobilisierung

Im Jahr des Frauenstreiks erreichte der Anteil gewählter Kandidatinnen einen historischen Höchststand. Dieser ist aber nicht eine Folge einer verstärkten Mobilisierung der Frauen. Die Frauen beteiligten sich nämlich auch 2019 weniger häufig an den Wahlen als die Männer. Hingegen sind Frauen stärker gewillt, Kandidatinnen zu wählen: Vier von fünf Frauen, jedoch nur gut die Hälfte der Männer, sagten aus, dass sie bei gleicher Kompetenz eine Kandidatin einem Kandidaten vorziehen würden. Die Kandidierendenbefragung zeigt, dass die Parteien 2019 gezielt Frauenförderung betrieben. So unterstützten sie weibliche Kandidierende finanziell stärker als männliche. In den Medien erfuhr die "Frauenwahl" nur gerade Mitte Juni zum Frauenstreik starke Beachtung, war ansonsten aber - anders als Klimaund Umweltfragen - kein dominantes Thema in der Medienberichterstattung oder in den Online-Auftritten der Kandidierenden.

Die Schweizer Wahlstudie Selects

Die Schweizer Wahlstudie Selects untersucht seit 1995 die Wahlteilnahme und das Wahlverhalten bei eidgenössischen Wahlen. Zu einem besseren Verständnis von Meinungsbildung und Wahlentscheid der Bürgerinnen und Bürger werden auch Daten zur Medienberichterstattung und den Kampagnenaktivitäten der Kandidierenden erhoben. Selects wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert und von FORS in Lausanne durchgeführt.

Datengrundlage

Im Rahmen von Selects wurden zu den eidgenössischen Wahlen 2019 umfangreiche Erhebungen durchgeführt:

Medienstudie: Inhaltsanalyse von 87 traditionellen Medien (Print und Online) sowie den Auftritten der Kandidierenden und Parteien in den sozialen Medien (Twitter und Facebook)

Sämtliche Datensätze sind bei FORS dokumentiert und für wissenschaftliche Zwecke frei zugänglich.

Studienberichte

Tresch, Anke, Lauener, Lukas, Bernhard, Laurent, Lutz, Georg und Laura Scaperrotta (2020). Eidgenössische Wahlen 2019. Wahlteilnahme und Wahlentscheid. FORS-Lausanne. Publikation auf Deutsch (erhältlich auch auf Französisch und Italienisch) unter

www.forscenter.ch/selects_reports

Gilardi, Fabrizio, Dermont, Clau, Kubli, Maël und Lucien Baumgartner (2020). Der Wahlkampf 2019 in traditionellen und digitalen Medien. Digital Democracy Lab, Universität Zürich. Publikation auf Deutsch unter

www.digdemlab.io

Anke Tresch ist Projektleiterin der Schweizer Wahlstudie Selects am Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS in Lausanne sowie Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne.

Fabrizio Gilardi , Verantwortlicher der Selects-Medienstudie, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Zürich und Leiter des Digital Democracy Lab.

Georg Lutz , Mitautor der Studie, ist Direktor des Kompetenzzentrums Sozialwissenschaften FORS in Lausanne sowie Professor für Politikwissenschaften an der Universität Lausanne.

Isabelle Stadelmann-Steffen ist Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Bern und Präsidentin der wissenschaftlichen Selects-Kommission.