Citizen Science zur Schliessung statistischer Lücken

- DE - FR- IT

Ein internationales Team, dem auch die Universität Genf angehört, plädiert für Citizen Science, um dem Rückgang der grossen Bevölkerungserhebungen entgegenzuwirken.

Da die grossen demografischen Erhebungen weltweit zurückgehen, wird die Frage nach der Erstellung zuverlässiger Bevölkerungsstatistiken immer wichtiger. Um diesen Mangel zu beheben, hebt eine internationale Studie, die von Fachleuten des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA), der Vereinten Nationen, der Weltstatistikgemeinschaft und der Universität Genf mitunterzeichnet wurde, die Notwendigkeit hervor, die Bürgerwissenschaft stärker in die offiziellen Systeme der Datenproduktion zu integrieren. Die Ergebnisse werden in Nature Communications Sustainability veröffentlicht.

Das 1984 ins Leben gerufene DHS-Programm (Demographic and Health Survey) unterstützt über 90 Länder bei der Erhebung und Verbreitung zuverlässiger Statistiken über die Gesundheit der Bevölkerung. Das Programm wird grösstenteils von der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) finanziert, ist jedoch durch die Haushaltskürzungen der US-Regierung geschwächt und muss seine Aktivitäten drastisch einschränken. Dies gefährdet insbesondere die Überwachung der Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs), vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, deren Umsetzung auf Schlüsselindikatoren in den Bereichen Gesundheit und Ungleichheit beruht.

Die europäischen Staaten sind trotz ihres hohen Einkommensniveaus von dieser Dynamik nicht ausgenommen, da ihre nationalen Haushalte teilweise auf die Erhöhung der Verteidigungsausgaben umgeschichtet werden. Zu diesen finanziellen Zwängen kommt das Risiko hinzu, dass die mit der künstlichen Intelligenz verbundenen Effizienzsteigerungen als Vorwand genutzt werden, um den Haushaltsdruck auf die nationalen statistischen Ämter (NSÄ) zu verstärken.

Der Beitrag der Bürgerwissenschaft

Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, plädiert eine Gruppe von Expertinnen und Experten, die unter anderem aus dem IIASA, der globalen Statistikgemeinschaft, den Vereinten Nationen und der Universität Genf stammen, für Citizen Science, also die Sammlung von Daten, die von Freiwilligen und lokalen Gemeinschaften generiert werden. Ihre Analyse zeigt, dass dieser Ansatz zentral werden muss und zu 60% der Indikatoren der SDGs beitragen könnte, die derzeit von Haushaltserhebungen abhängen, wobei das Potenzial für SDG 3 ’Gute Gesundheit und Wohlbefinden’ besonders hoch ist.

in einer Zeit, in der viele Länder unter finanziellem Druck auf ihre statistischen Systeme stehen, liefert Citizen Science zeitnahe, kostengünstige und flexible Daten.

Das Ende einer wichtigen Finanzierungsquelle des DHS hinterlässt eine Datenlücke. citizen Science bietet eine leistungsstarke Möglichkeit, diese Lücke zu schliessen und gleichzeitig die Menschen direkt in die Fragen einzubeziehen, die ihr Leben betreffen", sagte Dilek Fraisl, Hauptautorin und leitende Forscherin am IIASA und Geschäftsführerin der Citizen Science Global Partnership. ’In einer Zeit, in der viele Länder unter finanziellem Druck auf ihre statistischen Systeme stehen, liefert Citizen Science zeitnahe, kostengünstige und flexible Daten, die die offiziellen Statistiken langfristig stärken können.’

Die Universität als treibende Kraft hinter diesem Ansatz

’Es geht nicht darum, traditionelle Erhebungen vollständig zu ersetzen, sondern vielmehr darum, partizipative Ansätze, wo es Sinn macht, häufiger anzuwenden’, erklärt François Grey, Koautor des Artikels und Citizen Science-Forscher an der Geneva School of Economics and Management (GSEM) der Universität Genf. ’Die UNIGE trägt auf verschiedene Weise zu diesen Bemühungen bei. Wir sind Mitbegründer der Citizen Science Global Partnership, einem weltweiten Netzwerk von Vereinigungen, die dieses Ziel in Zusammenarbeit mit Partnern im Internationalen Genf verfolgen. Wir haben zusammen mit Citizen Science Zürich (Kompetenzzentrum der ETH Zürich und der Universität Zürich) ein akademisches Netzwerk in der Schweiz, Citizen Science Connected, mit dem Ziel gegründet, Citizen-Science-Projekte für Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung zu fördern. Zum Beispiel nutzen wir im Rahmen des EU-Projekts ALBATROSS , das mit afrikanischen Partnern durchgeführt wird, diesen Ansatz, um Daten über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf diesem Kontinent zu erhalten.’

Der Artikel der Forschungsgruppe schlägt ausserdem einen Fahrplan für die Integration von Citizen Science in offizielle Statistiksysteme vor, wobei Herausforderungen wie Datenqualität, Partizipationsverzerrungen und nachhaltige Finanzierung angesprochen werden. ’Es geht darum, die statistischen Systeme widerstandsfähiger zu machen. Durch die Integration von Citizen Science können wir adaptive, inklusive und nachhaltige Ansätze für die weltweite Datenerhebung aufbauen’, schloss Ian McCallum, Leiter der Forschungsgruppe Citizen Science am IIASA.