Die Schweiz und die KI: Klein, aber oho

- DE - FR- IT
Während die USA und China um die Vorherrschaft in der KI kämpfen, geht die Schweiz einen anderen Weg, der auf Qualität statt Quantität,Öffentlich-private Zusammenarbeit und die ethische Entwicklung der KI setzt

Auf der Gartenseite: der Hurrikan Stargate. US-Präsident Trump und seine Regierung haben lautstark ihre Absicht bekundet, das Rennen um die generative KI mit riesigen Investitionen und einem von der Industrie getriebenen Ansatz anzuführen. Auf der Hofseite machte China mit der Vorstellung von DeepSeek von sich reden, einer generativen KI, die genauso leistungsfähig ist wie ihre amerikanischen Konkurrenten (ChatGPT, Claude, Gemini usw.), aber weniger energieintensiv ist und auf einem Open-Source-Ansatz beruht. Und die Schweiz, in der Mitte, macht sich ebenfalls an die Arbeit. Kann die Schweiz, die in mehreren Innovationsrankings an der Spitze steht, ihren Platz in der Welt der generativen KI behaupten?

Die neu gegründete Technologieallianz in den USA wird sich zweifellos auf die Innovation auswirken, da die grossen Technologieunternehmen ihre eigene Agenda vorantreiben dürften. Die Schweiz hat bisher einen differenzierteren Innovationsansatz verfolgt, der die Bemühungen des Öffentlichen und des privaten Sektors miteinander verbindet, um Ausgewogenheit und Zusammenarbeit zu fördern.

Technologische Fortschritte werden von beiden Sektoren unterstützt, die einen grossen Beitrag dazu leisten. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung belaufen sich auf 3,3 % des BIP, womit die Schweiz zu den fünf führenden Ländern der Welt gehört. Zwei Drittel dieser Ausgaben entfallen auf den Privatsektor. Weitere entscheidende Beiträge kommen aus der akademischen Welt in Form von Talentwachstum, Patenten und der Gründung von Start-ups, die durch staatliche Initiativen wie den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der Stipendien an vielversprechende Wissenschaftler vergibt, Präsenz Schweiz, Swisstech und Switzerland Global Enterprise, die sich für die Förderung von Schweizer Start-ups auf internationaler Ebene einsetzen, unterstützt werden.

Zur Unterstützung der Vision des Landes in Bezug auf die digitale Souveränität wurden spezielle Initiativen ins Leben gerufen. Die EPFL und die ETH Zürich haben sich mit anderen Universitäten des Landes zusammengeschlossen, um ein Netzwerk von über 200 KI-Expertinnen und -Experten im ganzen Land betreiben zu können. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Herausforderungen, die durch KI entstehen, zu bewältigen. Diese Spezialisten entwickeln unter anderem ihr eigenes grosses Sprachmodell (LLM), das auf Schweizer Werten basiert und eine ehrgeizige Mission verfolgt: den Aufbau einer sicheren, vertrauenswürdigen und transparenten KI

Ein LLM made in Switzerland

"Wir arbeiten an einem mehrsprachigen, transparenten und Open-Source-Modell, das besser zu unseren privaten und Öffentlichen Institutionen in der Schweiz passt", erklärt Martin Jaggi, Professor am Labor für maschinelles Lernen und Optimierung der EPFL und Mitglied des Lenkungsausschusses der Swiss AI Initiative. "Wenn man sich die aktuellen Modelle ansieht, sind sie hauptsächlich auf Englisch ausgebildet. Wenn wir Llama von Meta nehmen, dann sind das etwa 90 Prozent seiner Daten. Unser Modell wird derzeit in über 1000 Sprachen trainiert"

Neben der Mehrsprachigkeit liegt ein weiterer Aspekt, der die Swissness des Modells vermittelt, in seiner Zuverlässigkeit und Transparenz. Die Swiss AI Initiative möchte hinsichtlich der Verwendung und Verarbeitung der Daten transparent bleiben und gleichzeitig die in der Schweiz und in Europa geltenden Vorschriften einhalten. Die vollständige Offenlegung der Einschluss- und Ausschlussmerkmale der Daten ist ebenfalls ein Schlüsselziel. "Die Modelle erben alle Stärken und Schwächen der Trainingsdaten, daher wollen wir in diesem Punkt sehr explizit sein", sagt Martin Jaggi.

Die Bundesregierung hat einen ständigen Plan, um die Schweiz an der Spitze der Rechenkapazitäten zu halten, die der wissenschaftlichen Forschung gewidmet sind. In diesem Sinne hat das Schweizerische Zentrum für wissenschaftliche Berechnungen den Supercomputer Alps gebaut. Derzeit steht er auf Platz 7 der Top 500 der weltweiten Supercomputer und ist der zweitstärkste Supercomputer in Europa. Als Öffentliches Eigentum steht der Supercomputer der breiten Gemeinschaft von Forscherinnen und Forschern aus der Schweiz und anderen Ländern offen. Der Schweizer LLM, der ab diesem Sommer verfügbar sein wird, wird rund 3 Millionen Computerstunden zum Trainieren erhalten haben.

Wir arbeiten an einem mehrsprachigen, transparenten und Open-Source-Modell, das besser auf unsere privaten und Öffentlichen Schweizer Institutionen zugeschnitten ist.

Martin Jaggi, Professor am Laboratorium für maschinelles Lernen und Optimierung der EPFL

Ein eher qualitatives als quantitatives Modell

Obwohl das Land nicht mit dem Investitionsumfang und der Computerleistung der USA mithalten kann, wurde ein Ansatz gewählt, der eher auf Qualität als auf Quantität setzt. "Die Schweiz wird vielleicht nicht das schnelle und gewinnorientierte Modell des Silicon Valley kopieren, aber braucht sie das wirklich? Ihr wertschöpfungsorientierter Innovationsansatz steht in starkem Kontrast zu den Strategien der USA und Chinas und bietet eine einzigartige Mischung aus Qualität, ethischen Überlegungen und Zusammenarbeit", sagt Patrik Wermelinger, Leiter der Investitionsförderung von Global Switzerland Enterprise. Damit positioniert sich die Schweiz als ein eigenständiger und nachhaltiger Akteur auf der globalen Innovationsbühne. "Mit ihrem Fokus auf Forschung und Entwicklung, wissenschaftliche Exzellenz und Talentkultur zeichnet die Schweiz einen Weg vor, der Innovation mit langfristigen gesellschaftlichen Vorteilen verbindet", schlussfolgert Patrik Wermelinger.

"Die Existenz von DeepSeek ist für uns hier in Europa ermutigend. Es deutet darauf hin, dass man auch ohne die Mittel multinationaler Unternehmen ein hochwertiges Modell produzieren kann", betont Martin Jaggi.

Während die Welt nach nachhaltigeren und integrativeren Modellen des technologischen Fortschritts sucht, erscheint die Schweiz als eine attraktive Alternative. Die rasante Entwicklung der Technologiebranche lehrt uns, dass sich alles von einer Minute auf die andere ändern kann, aber eines ist sicher: Die lange Geschichte der Schweiz im Bereich der Innovation ist noch lange nicht zu Ende, und ihr globaler Einfluss wird weiter zunehmen

Nation der Innovation

- Die Schweiz belegt seit 14 Jahren den ersten Platz im Globalen Innovationsindex.
- Im Insead Talent Competitiveness Index sowie im IMD Global Talent Ranking belegt die Schweiz den ersten Platz, wenn es um die Entwicklung, Attraktivität und Bindung von Talenten geht.
- 3 % der Bevölkerung haben einen Doktortitel (gegenüber durchschnittlich 1 % in anderen Ländern).
- Die Schweiz hat die zweithöchste Anzahl an Patenten pro Einwohner in Europa.
- Sie hat auch die weltweit höchste Anzahl an KI-bezogenen Patenten pro Kopf

Bürgerinnen und Bürger in die Debatte einbeziehen

Die generative KI hält langsam aber sicher Einzug in unseren Alltag. Zwar schreitet sie mit rasanter Geschwindigkeit voran, doch ihre Auswirkungen werfen wichtige Fragen auf. Wie können wir sicherstellen, dass die Entwicklung der KI mit den Werten und Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang steht?

Die Antwort liegt in einem vielschichtigen Ansatz, der Regulierung, ethische Richtlinien und Forschung umfasst. Wenn man die Perspektiven, Sorgen und Wünsche der Öffentlichkeit versteht, kann man herausfinden, was die Entwicklungen im Bereich der generativen KI antreibt und steuert. In diesem Sinne hat das KI-Zentrum der EPFL ein Pilotprojekt gestartet, um während einer viertägigen Versammlung Ende Mai einen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern der Westschweiz zu eröffnen. Die Rekrutierung einer Stichprobe von 40 Vertreterinnen und Vertretern per Post steht kurz vor dem Start. Das AI-Zentrum hofft dann, das Modell der Bürgerversammlung über die Romandie hinaus auszuweiten.

Die Schweizer Bevölkerung steht der KI vorsichtig gegenüber. Laut Global AI Monitor von Ipsos Mori glauben nur 39% der Befragten hierzulande, dass KI positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird, verglichen mit 41% in Europa und 57% weltweit. Um auf die Bedenken der Öffentlichkeit einzugehen und die Perspektiven der Bürgerinnen und Bürger in die Politikgestaltung einzubeziehen, lanciert das KI-Zentrum seine erste Bürgerversammlung der Schweiz zum Thema KI. Inspiriert von den erfolgreichen Bürgerversammlungen in Schottland und Belgien bringt diese bahnbrechende Initiative, die von der Stiftung Mercator unterstützt wird, einen repräsentativen Querschnitt der Westschweizer Bevölkerung zusammen, um die Chancen und Risiken von KI zu diskutieren. Der Prozess umfasst Sitzungen zum Informationsaustausch, Workshops und Diskussionen, an deren Ende ein Bericht steht, der Öffentlich zugänglich gemacht wird.

"Unser Plan ist es, diese Veranstaltung zu einem jährlichen Treffen zu machen, damit die Stimmen der Bürgerinnen und Bürger gehört und berücksichtigt werden, wenn Forscherinnen und Forscher sowie politische Behörden die KI in Echtzeit vorantreiben", erklärt Marcel Salathé, akademischer Co-Direktor des KI-Zentrums.

Was ist das Ziel? Es soll sichergestellt werden, dass KI-Politik und -Innovationen die Erfahrungen, Wünsche und Sorgen der Betroffenen widerspiegeln. "Es geht nicht nur darum, die Öffentlichkeit über KI zu informieren, sondern wir wollen auch verstehen, was die Öffentlichkeit über KI denkt, und sicherstellen, dass ihre Ideen unsere Forschung und Entwicklung beeinflussen", so Marcel Salathé.

Für das KI-Zentrum muss die Einbindung der Öffentlichkeit eine ständige Konversation sein. Der Wissenstransfer muss in beide Richtungen erfolgen: Die Forscher bilden die Öffentlichkeit aus und die Öffentlichkeit bietet wertvolle Einblicke, die die Entwicklung der KI prägen können. Gegenseitiger Respekt ist in diesen Diskussionen unerlässlich.

Die Programmleiterin Jemma Venables hat ein klares Ziel: "Der partizipative Ansatz der Schweiz im Bereich der KI könnte anderen Ländern als Beispiel dienen und sicherstellen, dass die künftige Politik nicht nur die Interessen von Unternehmen oder Regierungen, sondern auch die Bedürfnisse und Werte der Bürger widerspiegelt. Während sich die KI weiterentwickelt, gilt dies auch für unsere Mechanismen, um sie rechenschaftspflichtig, integrativ und vertrauenswürdig zu machen, sowie für diejenigen, die sie regieren."

Wenn Sie sich beteiligen möchten, können Sie sich an das KI-Zentrum der EPFL wenden: [email protected]

Referenzen

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe März 2025 des Magazins Dimensions veröffentlicht, das in Form von ausführlichen Dossiers, Interviews, Porträts und Nachrichten die Exzellenz der EPFL hervorhebt. Das Magazin erscheint viermal jährlich auf Französisch und Englisch und wird an beitragende Alumni-Mitglieder sowie an alle Personen, die es abonnieren möchten, versandt. Das Magazin wird auch kostenlos auf dem Campus der EPFL verteilt.