Virtuelle Wunderkammern

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Virtuelle Wunderkammern
Digitale Technologien bieten Museen neue Möglichkeiten des Sammelns und Vermittelns. Forschende der Universität Basel initiieren solche Projekte und geben damit den historischen Objekten und Beständen eine zweite Heimat - im Internet.

Weltweit erfassen immer mehr Museen und Sammlungen Teile ihrer Bestände digital und stellen sie im Netz aus. So lassen sich die Objekte zu Hause von Nahem betrachten und per Mausklick beliebig drehen und wenden. Zusatzinformationen in Text, Bild und Audio stehen ebenfalls zur Verfügung. Zum Einsatz kommen auch 3D-Modelle sowie Formen von Virtual Reality (VR) und Augmented Reality.

Die Präsentation im Netz ermöglicht es den Institutionen, ihre kulturellen Schätze nachhaltig öffentlich bereitzustellen. Forschende der Universität Basel sind derzeit federführend an zwei Projekten beteiligt, die Exponate aus lokalen Sammlungen digital aufbereiten.

Neues Leben für das Museum Faesch

Das ’Digitale Schaudepot’ des Departements Geschichte und des Digital Humanities Lab hat bereits Objekte aus verschiedenen Museen und Sammlungen erschlossen. Realisiert wurden bisher Projekte zum Basler Münsterschatz online und VR-Installationen zum Schreibtisch des Basler Gelehrten Jacob Burckhardt sowie zur Sammlung des Antikenmuseums. Nun führt das jüngste Projekt - ’curiositas 5.0’ - die weit verstreuten Objekte der Sammlung Faesch aus dem 17.Jahrhundert virtuell zusammen und verleiht dieser historischen Kollektion damit einen neuen Auftritt.

Das vom Basler Rechtsgelehrten Remigius Faesch (1595-1667) gegründete Kunstund Kuriositätenkabinett umfasste Tausende von Kunstwerken, Büchern und anderen Objekten wie Muscheln, Fossilien oder ausgestopften Tieren. Vergleichbar ist es mit dem bekannten Amerbach-Kabinett, das weltweit als erste öffentliche Kunstsammlung gilt. Lange in einem Haus am Petersplatz untergebracht und von Kunstreisenden häufig besucht, gelangte die Sammlung Faesch 1823 ins Universitätsgut und wurde später mehrmals aufgeteilt: Objekte daraus kamen ins Historische Museum, ins Kunstmuseum und in die Universitätsbibliothek. Die ursprüngliche Sammlung war bald nicht mehr als Ganzes erkennbar.

Offener Zugang zum kulturellen Erbe

Nun lässt sich über das während Jahrhunderten zusammengetragene Sammelsurium des ’Faeschischen Familienmuseums’ wieder staunen. Die Objekte werden jetzt durch die digitale Aufbereitung beinahe greifbar - vom antiken Goldring über wertvolle Schalen und Pokale bis zu einem fast drei Meter hohen, geschnitzten Kabinettschrank. Ergänzend dazu gibt es Informationen zur Geschichte der Sammlung sowie zu den gesellschaftlichen Netzwerken, über welche die Objekte nach Basel gekommen sind.

’Solche Wunderkammern waren nicht einfach zufällige Anhäufungen von Artefakten und Naturalien, sondern eigentliche Orte des Wissens’, sagt Projektleiter Lucas Burkart: ’Digitale Mittel und ein modernes Storytelling helfen dabei mit, sie in neuer Form zu zeigen und als historische Wissensform verständlich zu machen.’ Neben der Standardisierung der Daten ist die digitale Kuration der Bestände zentral; wie in einer physischen Ausstellung gilt es zu Überlegen, wie die Exponate angeordnet sein sollen und wie sie sich beispielsweise aufeinander beziehen.

So werden die Objekte nicht nur digital verfügbar, sondern finden auf diesem Weg ein neues Publikum. Voraussetzung hierfür ist, dass ein Projekt wie ’curiositas 5.0’ die internationalen Standards des fairen und offenen Zugangs zu Daten auch für den Bereich des kulturellen Erbes erfüllt, wie der Historiker erklärt.

Mittelalterliche Helme, Skulpturen und ein schwarzer Bär

Ein ähnliches Ziel, Museumsgüter sichtbar zu machen, verfolgt das Projekt ’Schätze aus dem Depot’ . In dieser digitalen Ausstellung finden sich Werke mittelalterlicher Kunst aus den Depotbeständen des Historischen Museums dreidimensional aufbereitet. Dafür lernten Studierende des Fachbereichs Kunstgeschichte der Universität Basel die erforderlichen technischen Werkzeuge kennen und fertigten mit dem Programm Metashape hochauflösende 3D-Modelle an. Zu entdecken gibt es ausser Visierhelmen und Skulpturen aus dem Spätmittelalter etwa das Wirtshauszeichen ’Zum schwarzen Bären’ mit einer hölzernen Tierfigur und ein Waffeleisen, auf dem die Verkündigung Marias dargestellt ist.

Eine Besonderheit dieses Projekts erklärt der Mittelalter-Kunsthistoriker Dr. Martin Schwarz: ’Unsere ausgewählten Objekte sind nicht öffentlich zugänglich, nicht einmal in Reproduktionen.’ Für das Publikum stellen die 3D-Modelle also die einzige Möglichkeit dar, die Werke zu sehen - und dies aus allen denkbaren Blickwinkeln. Ebenso erläutert die Online-Ausstellung die angewandte Technologie und stellt Überlegungen zum Potenzial von dreidimensionalen Modellen in Kunstvermittlung und Forschung an.

Die digitale Ausstellung ’curiositas 5.0’ über die Sammlung Faesch wird am 27. April 2023 mit einem Anlass offiziell eröffnet (18.30 Uhr, Kollegienhaus, Hörsaal 116). Die Präsentation ’Schätze aus dem Depot. Mittelalterliche Kunst in 3D’ des Historischen Museums Basel ist bereits seit Februar online.